Herr Konrad war schwierig, unsympathisch und durch und durch Narzisst. Ich war froh über jeden Tag, an dem ich nicht mit ihm sprechen musste. Jetzt ist er tot und ich frage mich: Hätte ich die Warnzeichen sehen können?
Herr Konrad ist tot. Ich habe es soeben erfahren. Ein Kollege erwähnte es beiläufig. Er dachte, ich weiß es längst – ich wusste es nicht. Es nahm mir die Luft, wie eine eiskalte Dusche. Als würde man gegen eine Glasscheibe laufen, die man übersehen hat. Es kracht, man spürt den Aufprall, strauchelt zurück und kapiert nicht, was gerade passiert ist. Mit einem dummen Gesichtsausdruck steht man da und weiß nichts mit sich anzufangen, bis man sich wieder sortiert hat.
Aber von vorn: Herr Konrad ist ein unsympathischer Gefangener. Ein vollkommen von sich und seiner Relevanz überzeugter Narzisst. Aus jedem seiner Worte tropft die pure Arroganz. „Wenn die Frau Psychologin es dann auch mal für nötig halten würde, sich um meine Antragscheine zu kümmern, würde ich gerne das Gespräch in Anspruch nehmen, welches ich vor über zwei Wochen vereinbart hatte“, tönt es aus der 139. Ich laufe gerade über den Gang, um den verstörten Jugendlichen zu holen, der aus dem Jugendvollzug genommen wurde, weil er von den anderen mehrfach verprügelt worden war. Ich laufe einfach vorbei und tue so, als hätte ich Herrn Konrad nicht gehört.
Seit Wochen terrorisiert er sämtliche Fachdienste mit seinen ziellosen Anliegen. Im Grunde nutzt er die Zeit bei den Sozialdiensten, Seelsorgern und Psychologen nur, um stundenlang alle Bediensteten anzuklagen und zu beleidigen, mit denen er zu tun hatte. Er schreibt einen 109er nach dem anderen (s. Infobox am Ende des Artikels) und hat bereits gegen drei Bedienstete Strafanzeige gestellt. Unter anderem wegen Diskriminierung, Beleidigung und Vernachlässigung (ich bin nicht sicher, ob dies überhaupt ein Straftatbestand ist).
Herr Konrad ist bei uns, weil er mehrere Frauen sexuell missbraucht und vergewaltigt hat, darunter ein 15-jähriges Mädchen. Deshalb soll er nun fünf Jahre verbüßen. Ein Strafmaß, über das sich streiten lässt. Auch Herr Konrad ist nicht einverstanden, allerdings in eine diametral andere Richtung als ich. Seit über einem Jahr befindet er sich nun im Revisionsverfahren, weil er – gegen den Rat seiner Anwälte – sein Urteil nicht annehmen möchte. „Alles eine Verschwörung.“ Er leide seit Jahren unter diesen Unterstellungen und nun sei er tatsächlich verurteilt worden. Er habe nichts Falsches getan. Die Frauen lägen ihm stets zu Füßen. Wenn er die Beziehung dann beenden wolle, würden diese Biester dann alle behaupten, er hätte sie vergewaltigt, nur weil sie mit dem Verlust nicht klarkämen. Aber er könne ja auch nicht aus reinem Mitleid bei den Damen bleiben.
Eine dieser „liebeskranken Simulantinnen“ wurde durch die Polizei aus seiner Wohnung befreit. Grün und blau geprügelt und mit absurden Verletzungen im Intimbereich. „Sie mochte es eben härter. Das ist ja wohl unsere Privatsache. Diese Verletzungen beweisen nichts“, so Herrn Konrads Einlassung hierzu. Herr Konrad hielt seine Anliegen für bedeutender, seine Zeit für relevanter und sich selbst für wertvoller als den Rest der Welt.
Als Herr Konrad vergangenes Jahr sein Urteil kassierte, reagierte er mit einigen trotzigen, erpresserischen Aktionen. Er drohte mehrfach mündlich und schriftlich, sich umzubringen, wenn die Richter kein Einsehen hätten und seiner Revision nicht umgehend stattgeben würden. Er trank eine kleine Menge Spülmittel, was ihm eine Nacht im Spital einbrachte, und schließlich kratzte er sich sehr oberflächlich die Haut am Handgelenk mit einer Scherbe blutig und lief mit einem Fetzen seines Bettlakens um den Hals über den Gang und schrie: „SEHT IHR! So weit habt ihr mich gebracht! Mein Tod ist eure Schuld!“ Er posierte noch genau 4 Sekunden vor der Überwachungskamera auf dem Gang, den Blick anklagend in die Linse gerichtet, bevor er von den beiden diensthabenden AVDlern zu Boden und in den BGH (s. Infobox am Ende des Artikels) gebracht wurde.
Allein der Gedanke an Gespräche mit ihm lösten in mir Unbehagen und emotionalen Brechreiz aus. Gefährlich war er für mich nicht. Aber schwer zu ertragen. Und eigentlich ohne psychologisches Anliegen. Gerne prokrastinierte ich seine Antragscheine die ganze Woche vor mir her. So auch dieses Mal. Ich komme also gerade mit dem 17-jährigen Häufchen Elend aus dem Jugendvollzug vom Ende des Ganges zurück, als Herr Konrad mit hochgezogenen Augenbrauen im Rahmen seiner Haftraumtüre lehnt. „Die Dame ist ja doch im Dienst.“ – „Herr Konrad. Bitte nennen Sie mich Frau Pisch, denn ‚Die Dame‘ höre ich nicht so gerne. Und richtig: Ich habe Ihnen zugesagt, Sie heute Vormittag zu holen. Leider kamen zwei Notfälle dazwischen und jetzt möchte ich erst noch mit dem Herrn Scherer hier sprechen. Sie haben ja sicher mitbekommen, dass es dem nicht so gut geht. Sie sind ja befreundet.“ Zurechtweisen, für mein Versäumnis entschuldigen, Compliance für die Situation einfordern. War doch ganz souverän. Herr Konrad schafft es schnell, seine Gesprächspartner zu verunsichern. Er hat die Dominanz eines Staatsministers, die didaktischen Fähigkeiten eines Anwalts und die Boshaftigkeit eines Serienverbrechers.
Auf den ersten Blick wirkt er angepasst und fast ein wenig charmant, aber bereits nach zwei Sätzen kommt der erste Schlag in die Magengrube und man kämpft dagegen an, sich wie ein kleines Schulmädchen für die eigenen Unzulänglichkeiten und Versäumnisse zu entschuldigen. „Es wäre WIRKLICH (Pause, Blickkontakt) wichtig.“ „Das glaube ich Ihnen, Herr Konrad. Aber sehen Sie, wie viele Antragscheine ich hier habe? Die sind auch alle wichtig. Und heute Vormittag kamen zwei Notfälle und den Herrn Scherer muss ich dringend sprechen. Sie wissen ja, wie schlecht es dem geht und wollen auch, dass der sein Gespräch heute bekommt?“ Uuund schon bin ich mittendrin im Rechtfertigen. Mist. Schnell wieder Oberwasser bekommen und den Dialog zum runden Ende bringen. Aber er ist schneller: „Sie verstehen nicht. Mein Anliegen ist wirklich … (Pause, intensiver Blickkontakt), wirklich … WICHTIG.“ Herr Konrad senkt den Kopf und starrt mich nun von unten herauf mit angespannter Kiefermuskulatur an. Mein Magen zieht sich zusammen, so sehr widert mich sein selbstgefälliges Verhalten an.
Ich atme tief ein und schlage mit fester Stimme vor: „Ich werde es heute vermutlich nicht mehr schaffen. Morgen ist bereits Samstag, daher würde ich Ihnen einen Termin am Montag anbieten.“ Herr Konrad wendet theatralisch mit zusammengepressten Lippen und schmerzverzerrter Stirn seinen Blick von mir ab. Er wirkt wie der aalglatte Hauptdarsteller in einem dramatischen Gangsterstreifen aus den 50er Jahren, der enttäuscht den Blick von seiner unzulänglichen Geliebten abwendet, die er nun leider töten muss, weil sie ihn verraten hat. „Montag, Herr Konrad. 10 Uhr. Wollen Sie den Termin oder nicht?“ Der Blick wandert auf demselben Weg zurück. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, um meiner Frage Nachdruck zu verleihen. Ich bin maximal genervt und kurz davor, unprofessionell zu werden. „Ja! … Nein. Oder … Doch! Dann eben … JA!“ Während ich mich abwende und ihn stehenlasse, werfe ich ihm ein „Gut – bis Montag“ zu.
In dieser Nacht hat er sich umgebracht. Es gab einen Abschiedsbrief. Ich habe ihn nicht gelesen. Ich brauche nicht die anklagenden Worte eines toten Mannes, um mein Versagen in diesem Fall zu erkennen. Ich unterrichte selbst gelegentlich über den korrekten Umgang mit suizidalen und parasuizidalen Patienten. Ich weiß, dass Appelle in der Ambivalenzphase (s. Infobox Phasenmodell der Suizidalität) oft maskiert sind durch Vorwürfe, Zynismus und das Vorbringen zielloser Anliegen. Ich weiß, dass besonders die unsympathischen und nervigen Gefangenen Gefahr laufen, nicht ernst genommen zu werden. Und ich weiß, dass jeder Suizidversuch die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren, massiveren Suizidversuch erhöht. In der Rückschau sehe ich jetzt auch, dass Herr Konrad seine Appelle in der Intensität gesteigert hat und auch die autoaggressive Qualität seiner Handlungen mit jedem Mal zugenommen hat.
Das Phasenmodell der Suizidalität nach Pöldinger beschreibt den suizidalen Prozess als zeitlich gegliederte Entwicklung, die von ersten, noch ambivalenten Gedanken bis zur konkreten suizidalen Handlung reichen kann. Pöldinger unterscheidet drei Phasen:
Ich weiß aber auch, dass ich an diesem Freitagmittag noch zwölf Antragscheine, zwei Stellungnahmen und einen Vollzugsplan auf dem Tisch liegen hatte. Ich musste priorisieren. Die Arbeit ist momentan nicht zeitnah zu schaffen, wir sind zu wenige Leute. Ich weiß auch, dass eine solch massive narzisstisch-dissoziale Persönlichkeitsstörung wie sie Herr Konrad hat, eine depressive Symptomatik oft überlagert und es dem Behandler unmöglich macht, diese in ihrem vollen Ausmaß zu erkennen. Leider führt diese Erkenntnis nicht dazu, dass ich mich heute besser fühle. Mein therapeutisches Ego ist angeknackst. Und natürlich melden sich die Schuldgefühle. Ich dachte immer, Narzissten bringen sich nicht um. Noch nie habe ich das erlebt. Ich habe überhaupt noch nie einen depressiven Narzissten gesehen – und automatisch bin ich davon ausgegangen, dass es sie nicht gibt.
Herr Konrad hat sich selbst umgebracht. Niemand anderes hat mitgewirkt. Die Schlussfolgerung, dass ich für seinen Tod verantwortlich sei, ist ein klassischer Rückschaufehler (s. Infobox). Ich weiß das. Bis ich das wirklich so annehmen und ganz nüchtern darüber nachdenken kann, welche Lehren ich aus diesem Fall ziehen, werden aber ein paar Tage vergehen müssen. Herr Konrad scheint niemandem wirklich zu fehlen. Seine Familie hat sich schon lange abgewendet, Freunde hat er keine. Nur der Jugendliche vom Ende des Ganges, der mochte ihn. Der meint jetzt, er sei schuld, weil er ihm den „lebensrettenden“ Termin bei der Psychologin gestohlen hat. Welch eine Fehleinschätzung.
Bildquelle: Aakash Dhage, Unsplash