Jugendliche sammeln ihre sexuellen Erfahrungen später – und bewusster. Das erste Mal wird mit dem Partner geplant, Verhütung ist kein Tabuthema. Ist die heutige Generation reflektierter als ihr Ruf?
Rückblick ins Jahr 2015: Eine Patientin kommt zu ihrem jährlichen Vorsorgetermin in Begleitung der 15-jährigen Tochter. Sie möchte sie mit der Praxis vertraut machen und besprechen, ob alles in Ordnung sei. Anamnestisch fand die Menarche vor etwa einem Jahr statt, der Zyklus sei noch leicht unregelmäßig. Ihre Tochter plage eine Gesichtsakne und gelegentlich eine Dysmenorrhö, sodass sie nicht in die Schule gehen könne. Im Gespräch fällt auf, dass die Mutter für ihre Tochter antwortet und der jungen Frau das Gespräch sichtlich unangenehm ist. Als die Mutter dann erwähnt, es müsse auch über Verhütung gesprochen werden, ergreift die Tochter das Wort: „Ja, ich möchte über Verhütung sprechen, aber am liebsten alleine.“
Die Mutter zeigt sich verständnisvoll, sagt sie wäre mit allem einverstanden und wartet draußen an der Anmeldung. Daraufhin findet eine ausführliche Antikonzeptionsberatung statt. Die Patientin hat beim ersten Mal gar nicht verhütet, später mit Kondom und möchte nun eine sichere Kontrazeption. Sie entscheidet sich für ein orales Kombinationspräparat mit antiandrogener Partialwirkung (Ethinylestradiol/Dienogest) aufgrund der ausgeprägten Gesichtsakne, wogegen keine Kontraindikationen bestehen. Die Empfehlung einer zusätzlichen Kondombenutzung zur Vermeidung sexuell übertragbarer Erkrankungen ergänzt das Gespräch. Die Patientin möchte eine gynäkologische Untersuchung in drei Monaten wahrnehmen, sich dann auch gegen HPV impfen lassen und berichten, wie sie die Pille vertrage. Sie ist sichtlich erleichtert über die Wendung in der Gesprächsführung.
Eine 17-jährige Patientin kommt zum ersten Mal in die Sprechstunde. Sie wirkt gut informiert und selbstbewusst. Seit einigen Monaten habe sie einen Freund, wolle aber mit dem ersten Sex noch etwas warten und sowieso zunächst eine Verhütungsberatung wahrnehmen. Im Internet habe sie sich bereits informiert und möchte unbedingt eine sichere Methode mit einem niedrigen Pearl-Index. Hormonen gegenüber sei sie kritisch eingestellt, möchte sich aber alles nochmals durch den Kopf gehen lassen. Die HPV-Impfung hat bereits der Kinderarzt durchgeführt. Die Menarche fand mit 12 Jahren statt, der Zyklus ist mittlerweile regelmäßig, Akne habe sie kaum und es bestehen keine Kontraindikationen gegen Hormone, was sie bereits mit dem Internet abgeglichen habe. Eine kombinierte Hormonpille komme für sie eher nicht in Frage, sie tendiere höchstens zu einem Gestagen-Monopräparat. Später möchte sie sowieso auf eine Hormonspirale wechseln, um möglichst sicher und mit wenig Hormonen zu verhüten. Sie entscheidet sich für ein Gestagen-Monopräparat aus Drospirenon, ein zusätzlicher Kondomgebrauch zur Infektionsverhütung ist für sie selbstverständlich, und vereinbart einen Termin in drei Monaten zur gynäkologischen Untersuchung und zur Reevalution.
Während bei der Erhebung zur Jugendsexualität von 2019 mehrheitlich junge Menschen mit 17 Jahren bereits sexuell aktiv waren, zeigte die aktuelle Befragung zwischen Februar und Juli 2025, dass sich junge Menschen nun mehr Zeit lassen. Heute haben die meisten ihr erstes Mal mit 19 Jahren, auch der erste Kuss erfolgt später als noch 2019. In die Studie wurden die Erfahrungen von mehr als 5.800 jungen Menschen zwischen 14 bis 25 Jahren eingebunden, die den ersten Sex meist in einer festen Beziehung erlebten und dabei zuverlässig verhüteten. In nahezu neun von zehn Beziehungen wird selbstverständlich über Verhütung und zu 67 % über sexuell übertragbare Infektionen gesprochen. 5.313 der Befragten gaben an, heterosexuell orientiert zu sein; 418 sprachen von einer homosexuellen oder bisexuellen Orientierung; 124 machten andere oder keine Angaben. Durchgeführt wird die Studie regelmäßig aufgrund des gesetzlichen Auftrags zur Prävention von Schwangerschaftskonflikten.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich: Junge Menschen lassen sich heute generell mehr Zeit und treffen bewusste Entscheidungen, wenn es um Sexualität geht. Sie warten auf den für sie richtigen Moment, sprechen offen über Verhütung und schützen sich zuverlässig. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis kontinuierlicher und faktenbasierter Aufklärung − in der Schule, im Elternhaus, in Beratungsstellen, in ärztlichen Praxen und durch unsere Angebote“, so das Resümee von Mechthild Paul, stellvertretende Leiterin des BIÖG.
Die erfreulichen Ergebnisse sind Motivation und Ansporn, weiterhin ausreichend Zeit und Empathie in die ärztliche Antikonzeptionsberatung zu investieren. Vonseiten der Politik und eines stetig expandierenden Verwaltungsapparats wünscht man sich mehr Anerkennung und Unterstützung für die Präventionsarbeit und die sprechende Medizin.
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Erste sexuelle Erfahrungen: Jugendliche warten länger und verhüten sicher. 2026. Online
Bildquelle: Getty Images, Unsplash