Der Patient vor dir hat starke Schmerzen. Du weißt genau, welches Medikament zu geben wäre – doch es wurde aus dem RTW verbannt. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist im Kasseler Rettungsdienst Realität.
Im Rettungsdienst tobt ein kalter Krieg. Auf der einen Seite: Der Gesetzgeber, der mit dem § 2a NotSanG endlich eingesehen hat, dass Notfallsanitäter keine Hilfsarbeiter sind – sondern hochqualifizierte Lebensretter. Auf der anderen Seite: Eine Riege von Ärztlichen Leitern Rettungsdienst (ÄLRD), die ihre Felle davonschwimmen sehen und sich aufführen wie Lehnsherren im Mittelalter.
Was in Regionen wie Kassel passiert, ist nichts weniger als eine strategische Demütigung. Da werden Esketamin, Buscopan oder Ondansetron von den Autos verbannt. Warum? Weil man einem Notfallsanitäter rechtlich nicht verbieten kann, diese Mittel anzuwenden, wenn sie da sind. Also nutzt man Trick 17: Was nicht auf dem Auto ist, kann nicht gespritzt werden.
Das ist so, als würde man einem Chirurgen das Skalpell wegnehmen, damit er nicht ohne Erlaubnis schneidet. Es ist eine „Ausrüstungs-Kastration“, die nur ein Ziel hat: Den Notfallsanitäter dazu zu zwingen, für jeden Furz den Notarzt nachzufordern. Es geht hier um die Sicherung von Pfründen und das Zementieren einer Hierarchie, die längst aus der Zeit gefallen ist.
Man muss sich die Arroganz dieses Systems einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Patient mit einer zertrümmerten Schulter oder einer Nierenkolik wartet im ländlichen Raum unter Umständen 20 Minuten länger auf Schmerzlinderung, nur weil ein ÄLRD am Schreibtisch entschieden hat, dass ein Notfallsanitäter kein Esketamin in der Hand halten darf. Dabei ist jede Minute, die ein Mensch unnötig Schmerzen leidet, weil die rettende Ampulle aus ideologischen Gründen im Lager des ÄLRD verstaubt, ein Schlag ins Gesicht der Menschlichkeit. Das ist kein „Qualitätsmanagement“ – das ist unterlassene Hilfeleistung mit Ansage, getarnt als „lokaler Sonderweg“.
Was macht das mit einer Berufsgruppe? Man schickt junge, motivierte Menschen durch eine knallharte dreijährige Ausbildung, lässt sie Staatsexamen schreiben und invasive Maßnahmen bis zum Erbrechen trainieren. Und am ersten Arbeitstag sagt man ihnen: „Schön, dass du das alles kannst – aber hier darfst du nur Pflaster kleben und warten, bis der Herr Doktor kommt.“ Das Ergebnis? Die Guten gehen. Wer seinen Job liebt und ernst nimmt, lässt sich nicht zum besseren Taxifahrer degradieren. Die Regionen, die diesen Kurs fahren, bluten personell aus. Sie vertreiben die Profis und behalten die, die sich mit dem Stillstand abgefunden haben. Das ist eine Abwärtsspirale, die am Ende Leben kostet.
Die Standard-Ausrede der ÄLRD: „Die Patientensicherheit erfordert ärztliche Aufsicht.“ Bullshit. In fast allen anderen Bundesländern und sogar in Nachbarkreisen funktionieren die Algorithmen hervorragend. Sterben die Patienten in Hessen plötzlich reihenweise, wenn ein Notfallsanitäter ein Antiemetikum gibt? Natürlich nicht.
Die Wahrheit ist hässlicher: Ein Notfallsanitäter, der den Job beherrscht, macht das System effizienter. Er macht den Notarzt an vielen Stellen überflüssig. Und genau davor haben manche ÄLRD Angst – vor der eigenen Irrelevanz in einem modernen, kompetenzbasierten Rettungssystem.
Rettungsdienst ist Teamsport, kein feudales Herrschaftssystem. Wer als ÄLRD Medikamente von den Fahrzeugen nimmt, um die Kompetenz des Personals zu beschneiden, handelt gegen den Geist des Gesetzes und gegen das Wohl der Patienten. Es ist Zeit für ein Machtwort der Politik. Wir brauchen bundesweit einheitliche Standards, die sich an der Realität und nicht an den Egos lokaler Fürsten orientieren. Ein Notfallsanitäter ist kein Erfüllungsgehilfe des Arztes, sondern ein eigenständiger Rettungs-Profi. Wer ihm das Werkzeug nimmt, nimmt dem Patienten die Hilfe.
Hört auf, den Rettungswagen als Sandkasten für eure Machtspielchen zu missbrauchen. Packt die Medikamente wieder dahin, wo sie hingehören: In die Hand derer, die zuerst am Patienten sind.
Bildquelle: Midjourney