Eine Anämie in der Schwangerschaft ist zwar häufig, steht aber oft nicht im Fokus. Die Folgen für Mutter und Kind können dramatisch sein. Warum es nicht reicht, den Hb zu bestimmen.
Ein Eisenmangel ist eine der häufigsten Risikofaktoren bei der Betreuung von Schwangeren. Er erhöht das Risiko für einen abnormen Schwangerschaftsverlauf und damit Morbidität und Mortalität für Mutter und Kind. Jede normale Geburt geht mit einem Blutverlust einher, der die Transfusionswahrscheinlichkeit bei einer vorbestehenden Anämie erhöht. Wenn der Blutverlust bei einer vaginalen Geburt ≥ 500 ml und bei einer Sectio ≥ 1.000 ml beträgt, spricht man von einer postpartalen Hämorrhagie. Diese wird im Globalen Süden für 30 % der maternalen Todesfälle verantwortlich gemacht, in den Industrienationen für etwa 13 %.
Über den Gastrointestinaltrakt werden täglich 1–3 mg Eisen resorbiert, dem ein in der Schwangerschaft erhöhter täglicher Bedarf von 4–5 mg, in der Spätschwangerschaft sogar von 6–7 mg gegenübersteht. Weltweit liegt die Anämieprävalenz in der Schwangerschaft je nach geografischer Lage bei 30–50 %, im 3. Trimenon wird in nahezu 80 % ein Eisenmangel verzeichnet.
Therapiebedürftig wird eine Eisenmangel-Anämie in der Schwangerschaft:
und im 1. bis 3. Trimenon bei einem Ferritinwert < 30 ng/ml.
Die Risiken für Mutter und Kind sind bei einem Eisenmangel erheblich:
So wurden in einer schwedischen Kohortenstudie die gesundheitliche Entwicklung von 532.232 Personen zwischen 6 und 29 Jahren bis 2016 nachbeobachtet. Dabei wurde besonders das Risiko für Autismus, ADHS und kognitive Entwicklungsverzögerungen mit oder ohne mütterliche Anämie in der Schwangerschaft (< 30 SSW) untersucht:
Kognitive Defizite: 1,3 % ohne Anämie vs. 3,1 % mit Anämie (OR 2,85).
Die deutschen Mutterschafts-Richtlinien sehen Hb-Kontrollen im Regelfall nur zu Beginn einer Schwangerschaft sowie alle 4 Wochen ab 20+0 Schwangerschaftswochen (SSW) vor, sowie in der ersten postpartalen Woche. Ein Screening der Eisenspeicher (Serum-Ferritinspiegel) ist nicht vorgesehen und wird somit auch in der Regelleistung nicht angeboten. Anders in der Schweiz: „Eine sinnvolle Strategie und somit empfohlen ist es, bei allen schwangeren Frauen zu Beginn der Schwangerschaft und mit 24–28 SSW nebst dem Hämoglobinwert das Serum-Ferritin zu bestimmen.“ Die Begründung lautet: „Ist das Ferritin < 30 µg/L, bestehen mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit leere Eisenspeicher, selbst wenn noch keine Anämie vorhanden ist. In diesen Fällen ist eine Eisentherapie während der Schwangerschaft indiziert, auch wenn (noch) keine Anämie besteht.“
Zusammengefasst bedeutet das: Es kann bereits ein Eisenmangel vorliegen (Ferritin erniedrigt), bevor sich eine Anämie (niedriger Hb) abbildet und so eine Gefährdungslage für Mutter und Kind bestehen. Bei Entzündungen kann allerdings der Ferritinspiegel falsch-normal bis falsch-hoch sein, deshalb empfiehlt sich zusätzlich die Bestimmung des CRP-Wertes. Es ist demnach sinnvoll, die zusätzliche Bestimmung von Ferritin und CRP auch hier anzubieten (IGeL).
Jeder Eisenmangel und jede Eisenmangel-Anämie in der Schwangerschaft sollten therapiert werden, um die teils gravierenden Risiken für Mutter und Kind zu vermeiden und das Transfusionsrisiko peripartal zu senken.
Es empfiehlt sich eine orale Eisentherapie von 100–200 mg Fe alle 2 Tage, da der prozentuale Anteil des resorbierten Eisens umgekehrt proportional zur verabreichten Gesamtmenge ist. Die Compliance ist aufgrund häufiger gastrointestinaler Beschwerden eingeschränkt. Eine Indikation für eine intravenöse Eisengabe sollte ab dem 2. Trimenon großzügig gestellt werden, bei:
Hierunter versteht man eine medizinische Initiative zur Steigerung der Patientensicherheit, indem die körpereigenen Blutreserven gestärkt und somit Transfusionen vermieden werden.
PBM besteht aus den drei Säulen:
Seit 2011 fordert die WHO die Einführung von PBM in der Medizin und das deutsche Netzwerk PBM wurde bereits 2014 in Frankfurt gegründet. Es bietet Kliniken aller Versorgungsstufen eine Plattform der Zusammenarbeit. Diese konnte das Interesse vieler Kliniken zwar wecken, aber nur wenige wurden bisher zertifiziert.
Die Inzidenz einer Eisenmangelanämie ist in der Schwangerschaft hoch und sollte wegen der gravierenden Folgen frühzeitig therapiert werden. Diagnostisch sinnvoll ist es, neben dem Hämoglobin-Wert auch das Serum-Ferritin und das CRP zu bestimmen. Eine orale Eisengabe ist alle zwei 2 Tage wirkungsvoller, bei fehlendem Ansprechen oder schweren Formen der Eisenmangelanämie sollte aber eine großzügige Indikation zur intravenösen Gabe erfolgen.
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