Kinder meinen oft, die eigenen Eltern sind unverwundbar. Doch gerade für mich als Medizinstudentin ist die zunehmende Gebrechlichkeit meiner Eltern nicht zu übersehen – und das ist verdammt schwer.
Ich bin durch das Studium etwas hypochondrisch geworden. Ein ziehender Schmerz in der Hüfte – und schon dichte ich mir selber eine tiefe Beinvenenthrombose aufgrund einer Faktor-V-Leiden-Mutation an. Eine Wunde, die schlecht zuheilt, ist ein Zeichen für Diabetes mellitus. Und ein leichter Schwindel deutet auf einen Hypophysentumor hin.
Ihr könnt euch also vorstellen: Wenn ich bei meinen eigenen Symptomen schon so genau hinschaue, dann schrillen bei Wehwehchen meiner Familie erst recht die Alarmglocken. Bei der letzten Gesundheitsuntersuchung meines Vaters war der diastolische Blutdruck minimal zu hoch. Ein klarer Fall für eine Langzeit-Blutdruckmessung, bei der – wer hätte es gedacht – nichts rauskam. Obwohl ich das Wort „Weißkittelhypertonie“ bestens kenne, höre ich nur eine Sache in meinem Kopf: „Was, wenn …“. Was, wenn es doch eine arterielle Hypertonie ist? Was, wenn das Muttermal doch ein malignes Melanom ist? Was, wenn ausgerechnet meine Eltern zu den 2 % gehören, die dann doch die seltene Erkrankung haben?
Vor einigen Wochen musste ein Leistenbruch bei meiner Mutter operativ versorgt werden. Obwohl ich auf chirurgischen Stationen diesen Routineeingriff Hunderte von Malen gesehen und versorgt habe, war ich als Angehörige extrem angespannt. Mehrere Male lief ich zur Stationssekretärin und fragte, ob es schon Neuigkeiten aus dem Saal gebe. „Wir melden uns bei Ihnen, wenn Ihre Mutter im Aufwachraum ist“, sagte die Dame freundlich, aber bestimmt.
Abwesend setzte ich mich zurück ins Wartezimmer und starrte auf die Blumenvase vor mir. Die Pflege von Station war von mir als Angehörige nicht besonders angetan – und ich konnte es auch absolut verstehen. Ich weiß doch genau, wie es sich anfühlt, wenn die Angehörigen ans Arztzimmer klopfen, ungefragt eintreten und einen mit Fragen bombardieren, die man nicht beantworten kann. Trotzdem konnte ich mich nicht zusammenreißen. Ich kaute nachdenklich auf meiner Lippe herum: Meine Mutter wurde noch nie operiert; was, wenn sie eine maligne Hyperthermie entwickelt hat? Oder vielleicht ist der Blutdruck zu stark abgefallen durch das Propofol – und sie entwickelt eine hämodynamisch relevante Minderperfusion?
Diese Gedanken kreisten durch meinen Kopf, jeder Blutwert wurde von mir akribisch kontrolliert. Und erst, als ich mit meiner Mutter an der Hand nach einigen Tagen durch die Tür des Krankenhauses schritt, um sie nach Hause zu bringen, senkte sich meine Anspannung etwas. Die Betonung liegt auf „etwas“, denn ich beobachtete meine Mutter über die nächste Woche ganz genau, kontrollierte die Wundnähte mit Adleraugen und hakte mehrmals täglich nach, wie sie sich fühlte.
Ich bin nun mal eher ein ängstlicher Typ, das weiß ich. Aber es gibt einen weiteren Grund, der meine Ängstlichkeit und Sorgenmacherei erklärt: Als einzige Medizinerin in der Familie fühle ich mich irgendwie verpflichtet, dass ich nichts übersehe. Denn wenn ich die Red Flags nicht rechtzeitig erkenne, wer dann? Ich muss es doch am besten wissen. Und ich nehme es keinem, der das von mir erwartet, übel. Schließlich erwarte ich von meinem Klempner-Onkel auch, dass er meinen Rohrbruch versorgen kann. Dann ist es nur gerecht, dass mein Onkel von mir erwartet, dass ich den Leistenbruch seiner Schwester versorgen kann. Dafür wurde ich doch ausgebildet.
Eine Sache habe ich aus der Situation für mich und meine Zukunft mitgenommen: Ich werde mich bemühen, für vermeintlich nervige Angehörige Verständnis zu haben. Denn während man später als Ärztin für gut zehn Patienten gleichzeitig verantwortlich ist, bin ich für Angehörige die einzige Ärztin, die sich um das kranke Familienmitglied kümmert. Sie sind für mich nur eine Familie von vielen; ich bin für sie jedoch die einzige Ärztin.
Besonders viel Nachsicht und Geduld braucht man für Angehörige, die keinerlei medizinisches Vorwissen haben. Wenn es hilft, den Zustand des Familienmitglieds zu verstehen, möchte ich mich in Zukunft bemühen, den Satz „Die Drainage fördert noch zu viel“ einfach und verständlich zu formulieren. Denn ich konnte nun hautnah miterleben, wie es sich anfühlt, Angehörige mit Fragen zu sein, medizinische Vorkenntnisse hin oder her. Und ehrlich gesagt habe ich mich im Stich gelassen gefühlt, als nach der Operation keine ärztliche Visite stattfand. Obwohl ich ganz genau weiß, dass dafür keine Zeit da ist und sich die Pflege bei den Ärzten meldet, sofern Probleme auftreten.
Vielleicht müssen wir Ärzte alle einmal in dieser Situation gewesen sein, um Verständnis für Patienten und ihre Familien zu haben. Vielleicht hilft es euch ja, das Ganze von einer Kollegin in spe zu hören. Ob ich mit der Zeit und Erfahrung entspannter werde? Wer weiß das schon. Medizinisches Wissen bleibt eben Fluch und Segen zugleich.
Bildquelle: Natalia Blauth, Unsplash