In der Notaufnahme sehe ich eine Vielzahl an Patienten - jede Gruppe bringt Ihre eigenen bürokratischen Zwänge mit sich. Besonders problematisch sind:Die "mittelschwer" KrankenEin Teil der Patienten ist "zu gesund" für die stationäre Aufnahme, aber zu krank um zuhause zu bleiben. Die Notaufnahme wäre ein möglicher Ort, an dem man schnell und fokussiert diese Probleme abklärt: EKG, Blutabnahme, ein Sono- oder Echo und ein Röntgenbild reichen oft schon um viele Probleme einzuschätzen und die Patienten guten Gewissens mit einem Behandlungsplan zu entlassen. Allerdings scheitert das oftmals nicht nur an der Zeit in der überfüllten Notaufnahme, sondern vorallem dem finanziellen Rahmen: Für einen gesetzlich versicherten Patienten bekommt das Krankenhaus einen geringen zweistelligen Betrag, der nichtmal die Laborkosten deckt. Entsprechend hoch ist der (aus dieser Perspektive verständliche) Druck der Geschäftsführungen hier günstig wie möglich zu behandeln. Gleichzeitig bleibt aber über allem die ärztliche Verpflichtung, dem Patienten zu helfen und gefährliche Verläufe abzuwenden. Daher muss man ständig abwägen, was unbedingt nötig ist selbst wenn es ein "Minusgeschäft" ist. Übersieht man etwas und der Patient trägt Schaden davon stehen die Ärztinnen und Ärzte völlig allein im Regen. Alternativ nimmt man den Patienten stationär auf, um das Risiko zu verlagern - selbst wenn der Patient das gar nicht unbedingt möchte. Damit erzeugt man wiederum Kosten für die Solidargemeinschaft, die vermeidbar wären. In beiden Fällen - Aufnahme oder Entlassung ist der Dokumentationsaufwand riesig: Bei der stationären Aufnahme muss ich ausgiebig die "Notwendigkeit der Behandlung" gegenüber der Krankenkasse rechtfertigen, bei der Entlassung nach schmaler Diagnostik muss ich mich gegenüber möglichen späteren Regressen/Klagen absichern. Die Schere im Kopf ist jeden Tag da.Die FehlläuferManche Patienten haben in der Notaufnahme nichts zu suchen, da das Problem weder dringlich noch bedrohlich ist. Sie kommen teilweise aus Überforderung (wohin soll ich mich wenden?) und Unkenntnis des Systems, teilweise aber auch aus Bequemlichkeit und mit einer enormen Anspruchshaltung. Aber auch all diese Patienten muss man triagieren und sichten, untersuchen, einordnen und Ihnen verständlich erklären, warum sie nicht in die Notaufnahme gehören und was der richtige Ansprechpartner wäre - entweder eine völlig andere Disziplin bzw. Hausarzt, MVZ oder Facharzt.Im besten Fall sind die Patienten dankbar für Erstversorgung und die Orientierungshilfe durch den Dschungel unseres Systems. Im schlimmsten Fall wird man verbal oder körperlich von aggressiven frustrierten Patienten oder Angehörigen angegriffen und muss um seine eigene Gesundheit fürchten. In allen Fällen und insbesondere im letzteren Fall muss ich erneut extrem ausführlich dokumentieren, während die Notaufnahme mit wirklichen Notfällen zuläuft. Und in einigen Fällen kommt dennoch im Nachhinein die Beschwerde - über Google, per Feedbackformular, über die Ärztekammer oder direkt per Anwalt. Dann drohen erneut tagelange Briefwechsel - und das für Patienten, die nie eine Notaufnahme hätten betreten sollen.
So hängt man in einer Notaufnahme dauerhaft zwischen der medizinischen Notwendigkeit, jeden Patienten ernst zu nehmen und korrekt zu versorgen, der Angst vor Prozessen und Regressen und den wirtschaftlichen Zwängen des Systems - ein aktuell unlösbares Problem.Was muss sich ändern? Zum Beispiel:- Eine bessere Patientensteuerung, z.B. durch Bündelung aller Versorgungsangebote über eine zentrale "Notrufnummer": Hier kann dann von Verweis auf Apotheken oder passende Hausärzte am nächsten Tag über KV-Notfallpraxen, Hausbesuche oder einer Emergency-Nurse (wie in skandinavischen Ländern) bis hin zum Transport in eine geeignete Klinik mit RTW oder sogar NAW richtig gesteuert werden. - Bessere Absicherung der Ärzte in der Notaufnahme - sowohl gegen Agression und tätliche Angriffe, als auch gegen Regresse und Klagen. Wie? Mit Sicherheitsdiensten und Schulungen, einer Geschäftsführung die sich mit breitem Kreuz vor Ihre Mitarbeiter stellt und nicht nur im Prozess-/Abrechnungselfenbeinturm steckt, einem Controlling was die Ärzte unterstützt die beste Lösung zu finden- eine realitätsnahe Pauschale für Notaufnahmen, mit der ich eine zügige und ausreichende ambulante Notfalldiagnostik finanzieren kann. Damit entlaste ich stationäre Strukturen und leiste gute Versorgung- Mündige Bürgerinnen und Bürger, die ihr Leben und Ihre Gesundheit in eigene Hände nehmen - und nicht Notaufnahmen zur "Absicherung" und "will vorsichtshalber mal alles durchchecken" missbrauchen.