Sie sagt, sie sei immer so ungeschickt. Ihre blauen Flecken erzählen eine andere Geschichte. Doch die Opfer häuslicher Gewalt tragen nicht nur körperliche Verletzungen davon – warum das Trauma so schwer zu behandeln ist.
Häusliche Gewalt gehört zu einem der häufigsten Auslöser für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – insbesondere, wenn die Gewalterfahrung über Jahre hinweg durch eine vertraute Person stattfindet. Betroffene erleben dabei nicht „den einen Ausraster“, sondern über Jahre hinweg ein ganzes System, bestehend aus Kontrollverlust, Demütigung, körperlicher Gewalt und Todesangst.
Katharina ist Anfang 30 und stellt sich heute verängstigt wirkend in unserer Sprechstunde vor. Ihr sei es ausgesprochen peinlich, schon wieder beim Putzen ausgerutscht und aus Versehen hingefallen zu sein. Dabei habe sie sich den rechten Arm ganz unglücklich verstaucht und auch die Blessuren im Gesicht seien von dem Sturz gekommen. Während der körperlichen Untersuchung zittert sie bei jeder Berührung und wirkt massiv verängstigt. Auch wiederholt sie mehrmals, dass sie „sowieso immer so tollpatschig“ sei. Auf Nachfragen weicht sie aus und vermeidet Blickkontakt.
Alte Einträge in der Akte zeigen ganz ähnliche Verletzungsmuster in den letzten Monaten – mit auffallend wenig plausiblen Erklärungen. Auf die behutsame Frage nach möglicher Gewalt in der Beziehung reagiert Katharina abweisend, dann mit Tränen. Schließlich berichtet sie doch von wiederholten Demütigungen, Beschimpfungen und Schlägen, die in den letzten zwei Jahren der Beziehung zugenommen hätten. Sie schlafe kaum noch, sei ständig auf der Hut und erschrecke bei dem kleinsten Geräusch. Seit einigen Monaten träume sie fast jede Nacht von ihrem Partner, der sie verfolgt und gnadenlos auf sie einschlägt.
Die PTBS ist typischerweise durch ein sich aufdrängendes Wiedererleben des Traumas in Form von belastenden Erinnerungen (Intrusionen), emotinonalem Rückzug und einer anhaltenden Übererregtheit mit Bedrohungswahrnehmung (Hyperarousal) gekennzeichnet. Bei Betroffenen häuslicher Gewalt treten zusätzlich häufig somatoforme Beschwerden (z. B. chronische Schmerzsyndrome) und ausgeprägte Ein- und Durchschlafstörungen auf, die als traumaassoziierte Folgesymptome und als Teil des Hyperarousal-Clusters beschrieben sind (hier und hier).
Die kürzlich aktualisierte S3-Leitlinie empfiehlt bei PTBS – auch nach multipler Traumatisierung – am besten eine traumafokussierte Psychotherapie, bei der der Schwerpunkt auf der Verarbeitung der Erinnerung an das traumatische Ereignis und seiner Bedeutung liegt. Meta-Analysen zeigen, dass diese Verfahren auch bei Mehrfachtraumatisierten hoch wirksam sind. Ihre Effekte sind vergleichbar mit denen von einmal traumatisierten Patienten. Auch ist bei Opfern häuslicher Gewalt die Zusammenarbeit mit den bestehenden Gewaltschutzstellen inklusive Maßnahmen zum Kinderschutz enorm wichtig. Unbehandelte Symptome erhöhen das Risiko für eine erneute Viktimisierung und verschärfen damit die bestehende Symptomatik deutlich.
Katharina nimmt nach dem ersten Gespräch zunächst skeptisch, dann zunehmend erleichtert die Unterstützung an. Sie erhält Informationen zu ihren Rechten und konkreten Schutzmöglichkeiten und wird an eine örtliche Fachberatungsstelle für häusliche Gewalt angebunden. In den folgenden Wochen gelingt es ihr, zeitweise in einer sicheren Unterbringung zu leben und den Kontakt zu ihrem Partner deutlich zu reduzieren.
Parallel dazu beginnt sie eine traumaspezifische Psychotherapie mit phasenbasiertem Vorgehen: Zuerst stehen Stabilisierung, Emotionsregulation und Psychoedukation im Vordergrund. In einer zweiten Phase werden dann zentrale Gewaltszenen, Schuldgefühle und selbstabwertende Überzeugungen gemeinsam mit der Patientin traumafokussiert bearbeitet. Katharina versucht jeden Tag an einem weniger abwertenden Selbstbild zu arbeiten. Sie erkennt Warnsignale in der Beziehung früher, um entsprechend handeln zu können. Nach einigen Monaten berichtet sie, dass sie wieder etwas besser schlafen könne. Auch könne sie eigene Grenzen besser wahrnehmen und achte wieder mehr auf sich selbst.
Häusliche Gewalt ist kein Randphänomen, sie ist klinischer Alltag. Gerade Trennungssituationen sind hochriskante Phasen, bei denen sich eine reale Gefährdung mit der psychischen Symptomlast dann gegenseitig verstärkt (hier und hier). Traumafokussierte Psychotherapie und ein konsequentes Sicherheitsmanagement gehören zusammen. Fälle wie der von Katharina zeigen, dass auch nach einer über Jahre anhaltenden Traumatisierung eine Symptomverbesserung in kleinen Schritten möglich ist – wenn die Gewalt benannt wird und das Trauma nicht unausgesprochen bleibt.
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