INTERVIEW | Schlaflosigkeit, Schmerzen, Erschöpfung: Viele Geflüchtete berichten von körperlichen statt seelischen Beschwerden. Warum Herkunft Diagnosen beeinflusst – und was das für euch als Ärzte bedeutet.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben in Deutschland über 1,5 Millionen Geflüchtete von dort Schutz gesucht – die meisten von ihnen sind Frauen mit Kindern. Neben sichtbaren Problemen wie Unterbringung und Integration besteht außerdem ein unauffälligeres Problem: die psychischen und psychosomatischen Folgen von Krieg, Flucht und Heimatverlust. Erzählen Geflüchtete von ihren Leiden, klagen sie häufig über Schlaflosigkeit, chronische Schmerzen, Erschöpfung oder diffuse somatische Beschwerden. Im schnelllebigen und überlasteten Gesundheitssystem werden diese dann nicht immer als das erkannt, was sie sind: Ausdruck tiefgreifender Traumatisierung. Wie Leid wahrgenommen, beschrieben und kommuniziert wird, hängt stark von kulturellen Prägungen ab. Sprachbarrieren, Scham und unterschiedliche Krankheitskonzepte erschweren Diagnostik und Therapie zusätzlich.
DocCheck: Herr Lutsenko, Sie arbeiten mit Patienten aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und können ihr Verhalten in Anamnesegespräch und Therapie gut beobachten. Lassen sich in Anamnesegesprächen deutsche Patienten von ukrainischen bzw. geflüchteten Patienten unterscheiden?
Lutsenko: Ich sage immer: Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Dennoch sollten wir die kulturellen Unterschiede zwischen Ukrainern und Deutschen nicht mystifizieren. Meiner Ansicht nach sind diese Differenzen weniger gravierend als oft angenommen, zumal die Ukraine geografisch und kulturell seit Jahrhunderten eng mit Europa und Deutschland verflochten ist. Die psychologischen Aspekte der Kriegstraumatisierung sind in der Fachliteratur bereits umfassend dokumentiert, ebenso wie die Lösungsansätze bei Sprachbarrieren. Das eigentliche Problem ist oft nicht die Kultur, sondern die deutsche Bürokratie, die für Geflüchtete wie eine zweite Mauer wirkt.
DocCheck: Viele ukrainische Geflüchtete stellen sich nicht mit klassischen psychischen Beschwerden vor, sondern mit körperlichen Symptomen. Wie verändert Herkunft den Weg von der Symptomschilderung zur psychiatrischen Diagnose – und entstehen im klinischen Alltag daraus Missverständnisse?
Lutsenko: Kulturelle Überzeugungen beeinflussen maßgeblich, wie Krankheit wahrgenommen und gedeutet wird. In vielen osteuropäischen Herkunftsländern gelten psychische Erkrankungen wie Depression oder posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) noch immer als Ausdruck persönlicher Schwäche. Psychosomatische Erkrankungen sind dort wenig akzeptiert oder stark stigmatisiert, weshalb Betroffene ihre Symptome aus Scham oder Angst vor Ablehnung oft verschweigen oder verharmlosen. Schmerz ist dort oft die einzige „legitime“ Sprache der Seele. Wir müssen lernen, hinter den Rückenschmerz oder den Bluthochdruck zu schauen, ohne den Patienten direkt mit klinischen Etiketten zu verschrecken.
DocCheck: Kriegstraumata gelten als gut beschrieben. Was unterscheidet die Traumatisierung durch den aktuellen Ukrainekrieg von anderen Konflikten, die wir aus der Psychiatrie kennen?
Lutsenko: Wir erleben hier eine Art „kulturelle Apokalypse“. Im 20. Jahrhundert konnte die Grausamkeit von Kriegen durch staatlich kontrollierte Medien noch beschönigt oder geleugnet werden. Die Menschen waren der Propaganda oft mangels alternativer Informationsquellen ausgeliefert. Aber der Russisch-Ukrainische Krieg findet im Echtzeit-Modus statt. Meine Patienten sehen die Zerstörung ihrer Heimat und die Gräueltaten live auf dem Smartphone, während sie hier in Sicherheit am Tisch sitzen. Dieser Kontrast ist mörderisch für die Psyche. Das Gefühl, dass Geld in diesem Konflikt mehr zählt als das Leben ihrer Angehörigen, führt außerdem zu einem tiefen, chronischen Misstrauen gegenüber der Gesellschaft. Die tägliche Retraumatisierung durch den stetigen Nachrichtenfluss aus der Heimat verstärkt diesen Zustand. Dieses Misstrauen und die daraus resultierenden psychischen Belastungen beeinflussen die gesamte Lebenswelt der Betroffenen und ihrer Familien.
DocCheck: Viele Ihrer Patienten sind Frauen mit Kindern. Welche Rolle spielen Geschlechterrollen und kulturelle Erwartungen dabei, wie Trauma verarbeitet – oder eben somatisiert – wird?
Lutsenko: Viele meiner Patientinnen sind Frauen mit Kindern, die die gesamte Last der Flucht und Erziehung alleine tragen. Viele leben in ständiger Sorge um Angehörige im Kriegsgebiet und sind der täglichen Anspannung durch Nachrichten über Angriffe, Verluste und Zerstörung ausgesetzt. Das Gefühl, den Zurückgebliebenen nicht helfen zu können, wird häufig von Schuld- und Schamgefühlen begleitet – besonders dann, wenn sie selbst ein komfortables Leben in einem anderen Land führen können. Viele Frauen schweigen über ihre Gefühle und das Erlebte, um „stark“ zu bleiben. Während Männer häufig auf Alkohol als kurzfristige Spannungsregulation zurückgreifen, versuchen Frauen, Belastungen zu verdrängen oder sich in Arbeit und familiäre Aufgaben zu flüchten. Diese Strategien verhindern zwar kurzfristig eine emotionale Überforderung, erschweren jedoch langfristig die Verarbeitung und Stabilisierung. Das Schweigen manifestiert sich dann fast immer körperlich.
DocCheck: Schmerz ohne organischen Befund kann eine diagnostische Herausforderung sein, die nicht unbedingt beim Hausarzt gelöst werden kann. Wie wird seelisches Leid bei Geflüchteten körperlich diagnostizierbar?
Lutsenko: Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung zeigen ein breites Spektrum psychosomatischer Beschwerden. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen PTBS mit Flashbacks und Übererregung, depressive Episoden, Erschöpfung, Suchterkrankungen sowie Konzentrations- und Schlafstörungen. Auch Trauerreaktionen, innere Unruhe, erhöhte Reizbarkeit oder aggressive Spannungsentladungen treten häufig auf. Hinter diesen Symptomen steht meist ein komplexes Zusammenspiel aus biografischen Belastungen, Migrationserfahrungen und kulturell geprägten Bewältigungsmustern. Besonders herausfordernd ist, dass seelisches Leid im interkulturellen Kontext oft anders kommuniziert wird. Viele Patientinnen und Patienten klagen primär über körperliche Beschwerden, während emotionale Aspekte im Hintergrund stehen. Schmerzen oder Erschöpfung sind dann Ausdruck seelischer Überforderung.
DocCheck: Sprache ist in der Psychotherapie ein zentrales Mittel. Welche Kompetenzen brauchen Ärzte und Therapeuten jenseits reiner Sprachkenntnisse, um interkulturell angemessen zu behandeln?
Lutsenko: Sprache ist weit mehr als ein Kommunikationsmittel – sie ist Trägerin von Identität, Emotion und Erinnerung. In der psychosomatischen Medizin bildet sie den zentralen Zugang zur seelischen Wirklichkeit des Menschen. Worte sind dabei untrennbar mit der individuellen Lebensgeschichte und der kulturellen Sozialisation verbunden. Emotionale Inhalte sind in der Muttersprache meist direkter und spontaner zugänglich, da sie eng mit frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen verknüpft sind. Umgekehrt kann die Sprache der Aufnahmekultur mit Scham, Unsicherheit oder Leistungsdruck belegt sein. Dieser innere Konflikt wirkt sich auch auf den therapeutischen Prozess aus: Manche Patientinnen und Patienten wechseln intuitiv zwischen den Sprachen, um emotionale Distanz oder Nähe zu regulieren. Für die therapeutische Arbeit bedeutet dies, dass neben dem gesprochenen Wort auch Tonfall, Rhythmus, Gestik und Pausen wichtige diagnostische Hinweise liefern. Nonverbale Ausdrucksformen wie Körperhaltung, Blickkontakt oder Mimik können entscheidende Informationen über das emotionale Erleben vermitteln – insbesondere, wenn sprachliche Grenzen bestehen.
Entscheidend für Behandler ist, die Bedeutungsebene jeder Frage zu reflektieren und bei Unklarheiten nachzuhaken, um Missverständnisse zu vermeiden. Erfahrung, Geduld und kulturspezifisches Wissen sind hierbei ebenso hilfreich wie eine klare und einfache Sprache. Eine kultursensible Diagnostik versteht Symptome im Zusammenhang der gesamten Lebenssituation. Sie fragt nicht nur nach dem Was, sondern auch nach dem Warum und Wie: Warum äußert sich die Belastung körperlich? Welche Bedeutung hat die Erkrankung in der jeweiligen Kultur und welche Rollenbilder, Familienstrukturen oder Glaubensüberzeugungen prägen das Erleben? Dabei gilt es kulturelle, soziale und religiöse Hintergründe bewusst einzubeziehen. Zentral ist zudem, den Einfluss von Migration oder Flucht auf die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen zu erkennen. Erfahrungen von Entwurzelung, Verlust und Anpassungsdruck prägen sowohl das Krankheitsverständnis als auch das Symptomverhalten und sollten in der Anamnese gezielt erfragt werden.
DocCheck: Sie beschäftigen sich außerdem mit transgenerationalen Traumata. Wie genau werden Kriegserfahrungen psychisch weitergegeben – und woran erkennen Sie in der Klinik, dass nicht nur die aktuelle, sondern auch eine „geerbte“ Belastung besteht?
Lutsenko: Die Ukraine trägt durch die Weltkriege und Holodomor bereits die Narben von Generationen. Wir behandeln hier oft nicht nur ein aktuelles Trauma, sondern das reaktivierte kollektive Gedächtnis einer Nation, die sich seit Jahrzehnten gegen die Vernichtung wehrt. Diese transgenerationalen Traumata wirken über Generationen fort: Erfahrungen von Krieg, Flucht oder Gewalt werden durch Erzählungen, Verhaltensweisen und emotionale Muster weitergegeben. Auch Kinder traumatisierter Eltern zeigen daher oft erhöhte Wachsamkeit und innere Anspannung.
DocCheck: Was raten Sie Kollegen, die erstmals mit schwer traumatisierten Geflüchteten arbeiten?
Lutsenko: Mein Rat an die Kollegen: Haben Sie keine Angst vor der Sprachbarriere. Ein Patient merkt sofort, ob man ihn als „Fall“ oder als Menschen sieht. Empathie und ein verständnisvoller Blick sind oft wichtiger als jedes perfekt übersetzte Vokabular. Kultursensible Gesprächsführung bedeutet Achtsamkeit, Geduld und Respekt. Die persönliche Fluchtgeschichte sollte ebenso berücksichtigt werden wie Erfahrungen von Fremdenfeindlichkeit oder Diskriminierung, die oft tiefgreifende seelische Spuren hinterlassen. Ein sensibler Umgang mit traumatischen Erlebnissen ist unverzichtbar. Behandelnde sollten mögliche Trigger erkennen und vorhandene Ressourcen sowie Resilienzstrategien gezielt stärken.
DocCheck: Herr Lutsenko, vielen Dank für Ihre Zeit und die Einblicke!
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