Es ist mal wieder Zeit, zu meckern. Diesmal im Fokus: Der Frauenanteil in ärztlichen Führungspositionen. Eine Einschätzung aus Nachwuchsperspektive – und ein Geständnis.
Hurra, das Medizinstudium wird immer weiblicher! Endlich greift frau zu Stethoskop und Nadelhalter statt Kochlöffel und Besen. Doch obwohl der Anteil an Medizinerinnen im Studium so hoch ist, haben in der Klinik immer noch die Männer die Hosen an. Das zeigt ein aktueller Bericht des Deutschen Ärztinnenbunds, aber auch meine persönliche Wahrnehmung. Woran liegt’s wohl?
Für diese Wortwahl – und für meine medizinische Kompetenz – wäre ich im Mittelalter vermutlich als Hexe beschimpft und auf den Scheiterhaufen geworfen worden. Seitdem hat sich zwar einiges getan, doch muss ich wieder die Feminismus-Keule schwingen: Man wird immer noch deutlich mehr verurteilt als die männlichen Kollegen. Ganz egal, wie kompetent man ist. Denn es ist oftmals gar nicht die Kompetenz, die streng beobachtet und kommentiert wird. Es ist allein schon das Auftreten: Bin ich zu nett, dann nimmt man mich nicht ernst. Bin ich zu aufgebretzelt, dann bin ich eine Tussi. Bin ich ungeschminkt und emotional distanziert, dann bin ich ein Mannsweib. Bin ich zu launisch, dann bin ich eine Zicke. Bin ich zu ehrgeizig, dann werde ich eine Rabenmutter. Kurz gesagt: Mein zweites X-Chromosom spielt irgendwie immer eine Rolle. Das wurde so auch von meinen männlichen Kollegen bestätigt, die das Gefühl der ständigen Bewertung als auch Kommentare zu Aussehen und Auftreten nicht kennen.
Werde ich nun ständig mit diesen Aussagen konfrontiert, dann werden aus abfälligen Kommentaren plötzlich eigene Glaubenssätze. Aus „Sie ist doch viel zu schwach für die Orthopädie und Unfallchirurgie“ wird „Ich bin schwach und sollte lieber etwas nicht-Chirurgisches machen“. Und aus „Sie ist zu nett, sie kann sich nie durchsetzen“ wird „Ich muss unfreundlich sein, um respektiert zu werden“. Aus „Die Teilzeit-Mami ist nie da“ wird „Wenn ich Mutter werde, lasse ich meine Kollegen im Stich“. Und aus „Sie ist immer hier, wer kümmert sich um die Kinder?“ wird „Ich bin eine schlechte Mutter, wenn ich weiterarbeite“. Sie sind unvermeidbar, diese selbsterfüllenden Prophezeihungen. Kriegt man die ganze Zeit an den Kopf geschmissen, wie man als Frau dieses und jenes nicht kann, fängt man an, zu glauben, dass man es wirklich nicht kann. Und bestätigt so für nachfolgende Generationen, dass Frauen für Führungspositionen nicht geeignet sind.
Ich schwöre auf mein Littmann, ich habe noch nie gehört, wie ein männlicher Kollege auf seinen Kinderwunsch bezüglich seiner Facharztwahl angesprochen wurde. Meine Kommilitoninnen und ich dagegen? Ständig. Punkt Nummer 2 für den miserablen Frauenanteil in Führungspositionen ist nämlich die verflixte Babymacherei. Wir haben nun mal das Glück – oder Pech –, dass wir diejenigen sind, die die Schwangerschaft austragen. Und schon wieder geht das Spiel von vorne los: Gehe ich in Mutterschutz und bin zu lange aus dem Geschäft, bin ich unkollegial. Möchte ich Chirurgin werden, sollte ich es lieber ganz sein lassen mit dem Nachwuchs. Habe ich Interesse an einer Führungsposition, muss ich mich um Kinderbetreuung kümmern. Und nehme ich diese Kinderbetreuung in Anspruch, bin ich eine schlechte Mutter.
Mal Hand aufs Herz, liebe Kollegen: Wie oft wurdet ihr schon gefragt, wie ihr das mit eurem Nachwuchs macht? Wie oft wurdet ihr in einem Bewerbungsgespräch gefragt, ob ihr einen Kinderwunsch habt? Und wie oft hat man euch gefragt, wie ihr es schaffen wollt, Vater und gleichzeitig Oberarzt oder gar Chefarzt zu sein?
Ich muss euch etwas beichten: Ich hadere manchmal mit meinem Wunsch nach Selbstständigkeit und eigener Praxis. Mein naiver Kindheitstraum, später Chefärztin zu werden, hat sich eigentlich schon im ersten Studienjahr in Luft aufgelöst. Und das, obwohl ich nicht unbedingt einen Kinderwunsch habe (im Übrigen wurde ich auf diese Aussage auch schon von zwei Chefärzten angesprochen: „Wenn Sie keine Mutter werden, dann werden Sie das ihr Leben lang bereuen! Gehen Sie doch lieber in die Dermatologie!“).
Vielleicht ist es der gesellschaftliche Druck, vielleicht ist es der Wandel der Werte meiner Generation, vielleicht bin es auch einfach ich. Am Ende des Tages sind es viele Punkte, die mich und auch viele andere junge Ärztinnen davon abhalten, so richtig Karriere zu machen. Auch unter meinen engen Freundinnen ist das Interesse eher mau. Wie auch, wenn wir nur wenige Frauen in Führungspositionen oder Selbstständigkeit kennengelernt haben. Das Problem: Je weniger weibliche Vorbilder man hat, desto weniger Nacheiferinnen werden produziert. Und je weniger Nacheiferinnen produziert werden, desto weniger adaptiert sich das System. Und je weniger sich das System adaptiert, desto schwieriger wird’s dann wieder für diejenigen, die es doch probieren wollen.
Für das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt es einige Lösungsansätze. Schweden gilt als eins der besten Länder: Lange Elternzeit von 480 Tagen, davon je Elternteil 90 nicht-übertragbare Tage, hohes Elterngeld von 80 % des Bruttoeinkommens, ein großes Angebot an Kinderbetreuung, auch nachts. Diese Politik fördert Gleichberechtigung und Akzeptanz von arbeitenden Müttern. In Deutschland dagegen gibt es zwar schon einige klinikinterne Kindertagesstätten, doch mit langen Wartelisten und nur an Universitätskliniken. Lösungen für das Problem der Kinderbetreuung gibt es also – sie müssen nur ausgebaut und etabliert werden.
Aber leider glaube ich nicht, dass sich dadurch mehr Frauen in ärztliche Führungsrollen trauen. Es ist nämlich nicht nur die fehlende Kinderbetreuung, zumal für diese auch gerne die Väter mehr Verantwortung übernehmen sollten. Der misogyne Grundgedanke, Frauen seien weniger geeignet für solche Positionen, ist tief in uns allen verankert, auch in mir. Wir wurden mit dieser Annahme von klein auf sozialisiert. Was unser Gesundheitswesen und unsere Gesellschaft brauchen, sind Rebellinnen, die blöde Kommentare ertragen; die sich nicht einschüchtern lassen von Jobabsagen; die sich bei intimen Fragen zu potenziellen Schwangerschaften wehren; die sich gegen Vorurteile stark machen; die weitermachen, obwohl – oder eben genau weil – ihnen davon abgeraten wird.
Und wir brauchen Verbündete, die sich der Problematik bewusst sind, die sie benennen und die das System weiter hinterfragen.
Bildquelle: Getty Images, Unsplash