Männer verlassen sich zur Vermeidung einer Schwangerschaft weitestgehend auf die Frauen – denn außer Kondom und Vasektomie wird ihnen nichts geboten. Diesem Manko nimmt sich die Politik nun endlich an.
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) will in diesem Jahr neue Richtlinien erarbeiten, um die Zulassung von Kontrazeptiva für Männer zu ermöglichen. Vorausgegangen war eine Initiative der EU-Parlamentsvizepräsidentin Katharina Barley (SPD) und dem Europaabgeordneten Peter Liese (CDU), das langjährige Sistieren von Entwicklung und Zulassung solcher Kontrazeptiva zu beenden. Liese rechnet mit einer Zulassung der ersten Produkte in drei bis vier Jahren.
Eine 25-jährige Studentin sucht ihre Frauenärztin auf, da sie eine sichere Verhütung benötigt. Anamnestisch leidet sie an einer Epilepsie, ist aber mit Carbamazepin langjährig gut eingestellt, weshalb das Präparat beibehalten werden sollte. Im gynäkologischen Ultraschall wird die Verdachtsdiagnose Uterus septus gestellt. Da Carbamazepin potentiell teratogen wirkt, ist eine sehr sichere Kontrazeption unerlässlich, außerdem kann sich die Patientin eine Schwangerschaft im Moment auf keinen Fall vorstellen. Es werden alle Antikonzeptionsmöglichkeiten besprochen.
Da enzyminduzierende Antiepileptika wie Carbamazepin den kontrazeptiven Schutz von oralen kombinierten Ovulationshemmern reduzieren oder ganz aufheben, kommen diese nicht in Frage. Auch bei Gestagen-Monopräparaten, ob oral oder parenteral verabreicht, wird der kontrazeptive Schutz unter enzyminduzierenden Antiepileptika von Experten als kritisch betrachtet. Ausgenommen davon wäre die hauptsächlich lokal wirksame Hormonspirale oder eine hormonfreie Kupferspirale. Hierfür müsste der Verdacht einer Uterusfehlbildung weiter abgeklärt werden, um eine mögliche Gegenanzeige für eine IUP-Insertion einzuschätzen. Letzteres lehnt die Patientin zunächst ab, da sie prinzipiell einer Verhütung mittels Spirale skeptisch gegenübersteht. Eine Sterilisation erübrigt sich aufgrund der noch offenen Familienplanung.
Bisher haben die Patientin und ihr Partner mit Kondom verhütet, was ihnen aber zu unsicher erscheint. Seit sie neben dem Studium in ihrem ursprünglichen Beruf als Pflegefachkraft wieder Nachtdienste übernimmt, ist der Zyklus unregelmäßiger, sodass sie den Ovulationszeitpunkt nur schwer einschätzen kann. Sie erscheint ratlos und meint: „Jetzt bräuchte es irgendetwas für den Mann, was sicherer als Kondome, schnell wieder rückgängig zu machen und nebenwirkungsarm ist.“ Mit dieser Forderung steht sie nicht allein.
Welche Möglichkeiten hat das Paar? Eine Verhütung mit Kondomen ist derzeit die einzige nicht-invasive, reversible und stets sofort verfügbare männliche Möglichkeit, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Insbesondere der Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen ist ein Vorteil, den das Kondom vielen Verhütungskonzepten voraus hat. Ein Nachteil dagegen ist die höhere Versagerquote (Pearl-Index 2–12) verglichen mit der Konkurrenz. Sehr sicher hingegen ist eine Vasektomie (Pearl-Index 0,1) – hier schlagen allerdings der chirurgische Eingriff und die sehr eingeschränkte Reversibilität negativ zu Buche. Hormonelle Methoden befinden sich aktuell noch in der klinischen Entwicklung, weitere nicht-hormonelle Methoden sind in präklinischen oder frühen klinischen Prüfphasen.
1961 kam die erste kombinierte Hormonpille für die Frau auf den Markt. Mittlerweile haben sich Wirkstoffe, Dosis und das Nebenwirkungsprofil vorteilhaft verändert und es kamen weitere Methoden wie Hormon- und Kupferspiralen, Hormonimplantate, Vaginalringe und Hormoninjektionen hinzu. Die Hormonpräparate haben sich lange Zeit großer Popularität erfreut. 2023 wurde in Deutschland erstmals die Pille durch das Kondom auf Platz 2 der häufigsten Verhütungsmittel verdrängt. Mittlerweile ist medial ein zunehmendes Hormonbashing zu beobachten, was zu langen Diskussionen in den Praxen führt. Frauen möchten sicher verhüten, aber möglichst hormonfrei. Kondome gehören zu den eher unsicheren Methoden, eine Vasektomie setzt eine abgeschlossene Familienplanung voraus und wird von der Mehrzahl der Männer von Vornherein abgelehnt. Kann die Lösung sein, die Hormone beim Mann einzusetzen?
Zur Verhütung gehören, wie zur Fortpflanzung, zwei – und das Ganze ließe sich ja auch auf vier anstatt zwei Schultern verteilen. Warum lässt man sich dann mit der Entwicklung der männlichen Kontrazeption so viel Zeit?
Deutsches Ärzteblatt: Kontrazeptiva für Männer: Neue Richtlinien voraussichtlich noch 2026. Deutsches Ärzteblatt, 2026. OnlineRömer et al.: Kontrazeption mit OC, Orale Kontrazeption in 238 Problemsituationen. De Gruyter, 2017. doi: 10.1515/9783110526172Endocrine Society: New male birth control gel takes effect sooner than similar contraceptive methods. Endocrine Society, 2024. OnlineHüttemann D: Phase-IIb-Studie Verhütungsgel für Männer erfolgreich. Pharmazeutische Zeitung, 2024. doi: OnlineMannowetz et al.: Safety and pharmacokinetics of the non-hormonal male contraceptive YCT-529. Communications Medicine, 2025. OnlineNicola Davis: Non-hormonal male contraceptive implant lasts at least two years in trials. The Guardian, 2025. OnlineBalbach et al.: On-demand male contraception via acute inhibition of soluble adenylyl cyclase. Nature Communications, 2023. OnlineHohmann-Jeddi: Männliche Verhütung Enzym-Inhibitor legt Spermien lahm. Pharmazeutische Zeitung, 2023. Online
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