Bester Freund, emotionaler Anker, Konstante im Alltag: Ein Haustier zu verlieren ist für manche Menschen schlimmer als der Verlust eines nahestehenden Menschen. Müssen wir Trauer neu denken?
Für viele Menschen sind Haustiere weit mehr als tierische Mitbewohner. Sie sind Bezugspersonen, emotionale Anker und Konstanten im Alltag. Stirbt ein Tier, bricht für manche die Welt zusammen. Trotzdem wird die Trauer um ein Haustier gesellschaftlich häufig verharmlost – und als übertrieben oder zumindest nicht vergleichbar mit dem Verlust eines Menschen dargestellt. Genau dieses verbreitete Verständnis gerät nun wissenschaftlich ins Wanken.
Eine bevölkerungsrepräsentative Studie des irischen Psychologen Philip Hyland rückt die Tiertrauer ins Zentrum der klinischen Forschung. Seine Frage: Kann sich nach dem Tod eines Haustiers eine anhaltende Trauerstörung – international als Prolonged Grief Disorder (PGD) bezeichnet – entwickeln? Diese Diagnose ist bislang offiziell nur nach dem Verlust eines Menschen vorgesehen. PGD ist sowohl in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation als auch im US-amerikanischen DSM-5-TR als eigenständige psychische Störung anerkannt. Betroffene leiden an einem intensiven, langanhaltenden Sehnen nach der verstorbenen Person, erleben starke emotionale Schmerzen, tun sich schwer, den Tod zu akzeptieren, und sind in ihrem Alltag deutlich beeinträchtigt. Arbeit, soziale Kontakte und Lebensfreude können massiv darunter leiden. Ein entscheidendes Diagnosekriterium ist bislang: Die Trauer muss sich auf einen verstorbenen Menschen beziehen. Hylands Untersuchung stellt genau diese Einschränkung infrage.
Für die Untersuchung haben Forscher 975 Erwachsene aus Großbritannien befragt. Die Teilnehmer wurden so ausgewählt, dass Alter, Geschlecht, Region und Einkommen die Bevölkerung möglichst gut widerspiegeln. Von ihnen hatten 32,6 Prozent aller Befragten bereits den Tod eines geliebten Haustiers erlebt. Fast alle Teilnehmer hatten auch einen nahestehenden Menschen verloren. Von allen Befragten, die sowohl ein Tier als auch einen nahestehenden Menschen verloren hatten, bezeichneten 21 Prozent den Tod ihres Haustiers als den emotional belastendsten Verlust ihres Lebens. Damit wird deutlich, dass solche Ereignisse subjektiv keineswegs automatisch hinter menschlichen Todesfällen zurückstehen.
Für Hyland war entscheidend, wie häufig die Kriterien einer anhaltenden Trauerstörung nach verschiedenen Verlustarten erfüllt wurden. Insgesamt trafen auf 8,6 Prozent aller Befragten die PGD-Kriterien zu. Nach dem Tod eines Haustiers lag die bedingte PGD-Rate bei 7,5 Prozent. Sie beschreibt den Anteil aller Personen, die unter bestimmten Bedingungen (z. B. nach dem Verlust eines nahen Angehörigen) eine Prolonged Grief Disorder entwickeln. Dieser Wert liegt in einer Größenordnung von Verlusten enger Verwandter, von Partnern oder von Bekannten:
Deutlich höher waren die Raten nur beim Tod eines Elternteils (11,2 Prozent) und besonders beim Tod eines eigenen Kindes (21,3 Prozent). Der Verlust eines Haustiers bewegt sich also im klinisch relevanten Bereich.
Neben der individuellen Erkrankungswahrscheinlichkeit berechnete Hyland auch das bevölkerungsbezogene Risiko. Es berücksichtigt, wie häufig eine bestimmte Verlustart in der Bevölkerung vorkommt. Bemerkenswert: Der Tod eines Haustiers war mit einem 27 Prozent erhöhten Risiko für PGD verbunden (relatives Risiko 1,27). Und Haustierverluste machten 8,1 Prozent aller PGD-Fälle in der Gesamtbevölkerung aus – ein höherer Anteil als beim Tod eines Partners oder eines Kindes, weil Haustierverluste insgesamt viel häufiger auftreten. Mit anderen Worten: Auch wenn Verluste nahestehender Menschen im Durchschnitt schwerer wiegen, trägt der Tod von Haustieren erheblich zur Gesamtzahl klinisch relevanter Trauerverläufe bei.
Mit Blick auf die Symptomstruktur prüfte Hyland auch, ob sich die Trauersymptome nach Tierverlust anders äußern als nach menschlichen Verlusten. Sein Ergebnis: Die Beschwerden treten in gleicher Form, Intensität und Struktur auf, unabhängig davon, ob Personen um einen Menschen oder um ein Tier trauern. Es gibt also keinen psychologischen Hinweis darauf, dass Trauer nach einem Tierverlust grundsätzlich anders wäre. Aus klinischer Sicht handelt es sich um dasselbe Störungsbild.
Viele Betroffene berichten nach dem Tod ihres Haustiers von Scham, Unverständnis und sozialer Isolation. Ihre Symptome werden nicht ernst genommen – ein Phänomen, das als „disenfranchised grief“ (aberkanntes Leid) beschrieben wird. Menschen können alle Kriterien einer schweren, behandlungsbedürftigen Trauerstörung erfüllen – und dennoch formal keine Diagnose erhalten, nur weil das verstorbene Wesen kein Mensch war.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Grundlage, Trauer nach dem Tod eines Haustiers grundsätzlich von der Diagnose einer anhaltenden Trauerstörung auszuschließen. Sollte sich dieses Ergebnis in weiteren Studien bestätigen, müssten die bestehenden Diagnosekriterien überdacht werden.
Praxisrelevanz der Studie
Die Studie zeigt eindrücklich: Trauer folgt der Bindung, nicht der Spezies. Wenn Menschen enge emotionale Beziehungen zu Tieren aufbauen, und das tun sehr viele, kann deren Verlust dieselben tiefgreifenden, anhaltenden und behandlungsbedürftigen Reaktionen auslösen wie der Tod eines Menschen. Die Grenzen von Diagnosesystemen sind weniger wissenschaftlich als kulturell zu erklären.
Hyland: No pets allowed: Evidence that prolonged grief disorder can occur following the death of a pet. PLOS One, 2026. doi: 10.1371/journal.pone.0339213
Bildquelle: Valeriia Miller, Unsplash