Die 5-Jahres-Überlebensrate bei Krebserkrankungen steigt seit vielen Jahren. Mittlerweile liegt sie bei etwa 70 Prozent. Doch was sagen uns diese Zahlen wirklich?
Krebs ist schon längst kein sicheres Todesurteil mehr. Die Chancen auf Heilung steigen immer weiter – das zeigt etwa der jährliche Bericht der American Cancer Society. In der aktuellen Statistik beschreiben die Autoren einen Meilenstein für die 5-Jahres-Überlebensrate: Was im Jahr 1971 noch eine 50:50-Chance war, schaffen seit der Zählung von 2015–2021 etwa 70 von 100 Betroffenen. Ähnlich sieht es auch in Deutschland aus. Dank des bevölkerungsbezogenen Krebsregisters, das alle Fälle genau erfasst, lassen sich die Entwicklungen für jede Krebsart exakt nachvollziehen. So lag die 5-Jahres-Überlebensrate bei Frauen im Jahr 2019/2020 bei rund 66 Prozent, bei Männern mit 62 Prozent etwas niedriger.
Ein direkter Vergleich zwischen Deutschland und den USA sei allerdings nicht sinnvoll, so Prof. Dr. Alexander Katalinic, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität zu Lübeck und Vorsitzender des wissenschaftlichen Ausschusses des Zentrums für Krebsregisterdaten. Dazu spielten zu viele Faktoren eine Rolle: „Diese Überlebensrate hängt beispielsweise stark davon ab, welche Krebsarten in einer Bevölkerung sehr stark vertreten sind.“ Denn die Schätzungen für alle Krebserkrankungen gemeinsam sagen wenig über die tatsächlichen Überlebenschancen für bestimmte Arten aus. „Bei manchen Tumoren sind die Zellen aggressiver als bei anderen“, so Katalinic. „Prostatakarzinome etwa wachsen oft sehr langsam, während Tumore bei Lungenkrebs unheimlich schnell größer werden.“ Das spiegelt sich in den Überlebens- und Sterberaten wider. Lungenkrebs, da sind sich deutsche, europäische und amerikanische Studien einig, wird auch 2026 die weitaus tödlichste Krebserkrankung sein.
Dazu kommt, dass die Chancen selbst innerhalb einer Krebsart je nach Stadium der Erkrankung extrem variieren können. Zuletzt fasste das Zentrum für Krebsregisterdaten den Stand für 2021–2023 zusammen. Für den Lungenkrebs etwa fand sich eine relative 5-Jahres-Überlebensrate von einem Viertel für Frauen und 19 Prozent für Männer. Wird jedoch anhand der Tumorstadien unterschieden, ergibt sich ein differenzierteres Bild: Wird der Krebs im Stadium I gefunden, stehen die Überlebenschancen für Frauen noch bei 72 und für Männer bei 58 Prozent – während im Stadium IV nur 11 beziehungsweise 8 von 100 Patienten fünf Jahre lang überleben. „Und gerade bei Lungenkrebs sind die meisten Betroffenen schon im Stadium IV, wenn die Krankheit erkannt wird“, erklärt Alexander Katalinic.
Doch selbst bei dieser aggressiven Erkrankung gibt eine Studie Grund zur Hoffnung. Dort wurden sich die Daten aus fünf EU-Ländern – darunter Deutschland – und Großbritannien angesehen. Und man sieht: Demnach sinken diese Krebserkrankungen bei Frauen unter 65 Jahren und bei Männern. Nur bei älteren Frauen nimmt Lungenkrebs weiter zu. Alexander Katalinic sieht die Trends der verschiedenen Krebsarten durchaus positiv. Einen Vergleich mit dem Stand vor einem halben Jahrhundert, wie in der amerikanischen Studie, hält er für weniger sinnvoll. „Ich würde eher auf die letzten zehn Jahre schauen, in denen sich bei der Behandlung so viel getan hat.“ Gerade die neuesten Entwicklungen in der Immuntherapie haben seiner Meinung nach zu einem regelrechten Sprung in der Krebsversorgung geführt, etwa in Bezug auf Melanome, also schwarzen Hautkrebs.
Besonders eindeutig sind die Fortschritte bei schwer zu behandelnden Arten wie Melanomen in fortgeschrittenen Stadien – was wohl mit daran liegt, dass hier das größte Potenzial für wirkungsvollere Therapien ist, so Katalinic: „Bei einer ohnehin guten Prognose ist es natürlich schwieriger, noch besser zu werden.“ Doch selbst bei bereits gut behandelbaren Krebsarten verbesserten sich die Überlebenschancen immer weiter.
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