Das Schlafhormon Melatonin wird als sanfte Lösung für Schlafprobleme verkauft. Studien zeigen zwar Effekte – doch sie sind meist kleiner, als Werbetexte suggerieren. Ein kritischer Blick auf die Versprechen.
Melatonin (oder chemisch: N-Acetyl-5-methoxytryptamin) ist ein körpereigenes Hormon, das hauptsächlich in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird. Zusätzlich kann Melatonin auch in den Zellen der Netzhaut des Auges entstehen. Die Freisetzung folgt einem ausgeprägten Tag-Nacht-Rhythmus und wird durch Dunkelheit stimuliert. Nachts – typischerweise zwischen 2 und 4 Uhr – erreichen die Spiegel ihr Maximum und liegen deutlich (etwa 10- bis 100-mal) über den Tageswerten.
Seine Wirkung vermittelt Melatonin vor allem über 2 Andockstellen im Körper: die Melatonin-Rezeptoren MT1 und MT2. Besonders viele MT1-Rezeptoren sitzen im Nucleus suprachiasmaticus (SCN). Über die MT1-Rezeptoren trägt Melatonin beim Menschen zu seiner schlaffördernden Wirkung bei. Über die MT2-Rezeptoren hilft Melatonin dabei, den Wechsel zwischen Tag- und Nachtphase im Körper zu steuern. Dadurch kann das Einschlafen erleichtert werden und sich die Schlafdauer verlängern. Melatonin ist außerdem an dem nächtlichen Absinken der Körperkerntemperatur beteiligt. Darüber hinaus hat es Funktionen, die über den Schlaf hinausgehen. Es kann zum Beispiel als Antioxidans auch freie Radikale neutralisieren.
Die klinische Relevanz dieser Effekte ist bislang jedoch nur begrenzt belegt. Beim Menschen fanden Studien keine Hinweise darauf, dass Melatonin die Durchblutung des Gehirns klinisch relevant verändert. Als Arzneimittel ist Melatonin verschreibungspflichtig. Zwar wurde empfohlen, Melatonin in einer Dosierung von 3 mg zur oralen Anwendung bei Erwachsenen gegen Jetlag aus der Verschreibungspflicht zu entlassen, ein entsprechendes Präparat ist in Deutschland bislang jedoch nicht verfügbar. Unabhängig davon wird Melatonin hierzulande als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Möglich ist dies, da es natürlicherweise auch in Lebensmitteln vorkommt – etwa in Tomaten, Nüssen, Getreideprodukten, Beeren, Olivenöl oder Milch –, allerdings nur in geringen Mengen.
Zugelassene Melatonin-Arzneimittel haben feste Qualitätsanforderungen, eine definierte Dosierung und klare Anwendungshinweise. Ihre Sicherheit und Wirksamkeit ist belegt. Zumindest für die zugelassene Kurzzeitanwendung im Rahmen der jeweiligen Indikation. Für Retardtabletten mit zwei Milligramm Melatonin ist als Anwendungsgebiet die kurzzeitige Behandlung einer primären Insomnie bei Patienten ab 55 Jahren genannt. Wird man älter, nimmt die körpereigene Melatoninproduktion ab, was ein Grund dafür sein könnte, warum ältere Menschen häufig an Schlafstörungen leiden und auch die Dauer ihres Schlafs im Durchschnitt abnimmt.
Die empfohlene Einnahme ist zwei Milligramm einmal täglich, ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen und nach der letzten Mahlzeit. Die Behandlung kann dabei bis zu 13 Wochen erfolgen. Retardtabletten müssen im Ganzen geschluckt werden, weil das Zerdrücken oder das Kauen die verzögerte Freisetzung aufhebt. In Studien waren die Verbesserungen von Melatonin gegenüber Placebo messbar, aber oft eher klein. In einer Schlaflabor-Untersuchung wurde zum Beispiel eine Verkürzung der Einschlafzeit um 9 Minuten gegenüber einem Placebo beschrieben. In einer ambulanten Studie wurde eine von Patienten berichtete Verkürzung der Einschlafzeit um 24,3 Minuten unter Melatonin gegenüber 12,9 Minuten unter Placebo genannt. Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin werden vorab nicht behördlich auf Wirksamkeit, Sicherheit oder Verträglichkeit geprüft. Untersuchungen zeigten teils erhebliche Abweichungen zwischen deklariertem und tatsächlichem Melatoningehalt – in Deutschland wurden Abweichungen von bis zu 50 Prozent beschrieben.
Bei Melatonin-Sprays wurden außerdem teils deutliche Gehaltsabweichungen, unvollständige Kennzeichnung und Zusätze kritisiert. Erlaubte gesundheitsbezogene Aussagen sind unter anderem „verkürzte Einschlafzeit“ bei 1 Milligramm und eine Linderung der subjektiven Jetlag-Empfindung ab 0,5 Milligramm pro Portion. Das ist allerdings kein Beleg dafür, dass eine langfristige Selbstmedikation sinnvoll oder sicher ist. Zu den typischen unerwünschten Wirkungen zählen unter anderem Schläfrigkeit oder Tagesmüdigkeit sowie Kopfschmerzen.
Dadurch können die Melatoninspiegel stark ansteigen, weshalb die Kombination vermieden werden sollte. Auch Alkohol soll nicht gleichzeitig eingenommen werden, weil er die Wirkung von Melatonin auf den Schlaf herabsetzen kann. Mit Benzodiazepinen oder Z-Substanzen kann Melatonin die sedierende Wirkung verstärken und die Aufmerksamkeit sowie die Koordination zusätzlich beeinträchtigen. Rauchen kann den Melatoninspiegel senken, weil Bestandteile des Rauchs CYP1A2 anregen und Melatonin dadurch schneller abgebaut wird.
Bei Kindern ist besondere Vorsicht geboten, insbesondere bei frei verkäuflichen Darreichungsformen wie Weichgummis, die durch ihre Ähnlichkeit zu Gummibären zu übermäßigem Konsum verleiten. Für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung oder Smith-Magenis-Syndrom gibt es zugelassene, verschreibungspflichtige Melatonin-Arzneimittel, wenn Schlafhygienemaßnahmen nicht ausreichen. Ebenso für Kinder und Jugendliche mit ADHS im Alter von 6 bis 17 Jahren. Für Kinder ohne ADHS oder Autismus gibt es bei Schlafproblemen keine verlässlichen Daten dazu, ob Melatonin hilft, wie es dosiert werden sollte oder wie lange es eingenommen werden darf. Zur Sicherheit bei langfristiger Einnahme gibt es neue Diskussionen, weil eine Beobachtungsstudie bei Erwachsenen mit Schlaflosigkeit nach mehr als einem Jahr Verordnung häufiger dokumentierte Herzinsuffizienz fand. Es ist allerdings unklar, ob Melatonin auch wirklich die Ursache für die Herzinsuffizienz ist. Weitere Studien sind daher notwendig.
Eine weitere Studie bei Nachtschichtarbeitern nutzte drei Milligramm Melatonin vor dem Tagschlaf über einen Monat und fand danach mehr von einem Marker im Urin, der mit DNA-Reparatur in Verbindung gebracht wird. Das wird als möglicher biologischer Effekt diskutiert, ohne dass daraus schon eine allgemeine Empfehlung für neue Anwendungen abgeleitet werden kann. In der Schwangerschaft wird die Anwendung laut Fachinformation wegen fehlender klinischer Daten nicht empfohlen. In der Stillzeit wird Stillen unter Behandlung laut Fachinformation ebenfalls nicht empfohlen, weil körpereigenes Melatonin in Muttermilch nachgewiesen wurde und ein Übergang auch für zusätzlich aufgenommenes Melatonin als wahrscheinlich beschrieben wird.
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