Diese Prävention bringt keinem was
Es klingt einfach, solidarisch und gut: Zivilisations- und Alterserkrankungen vorbeugen und so Kosten im Gesundheitssystem sparen. Das Zauberwort, was das möglich machen soll, heißt Prävention. Länger und gesünder leben, wer möchte das nicht? Mit diesem Wer sind wir aber ganz schnell beim Individuum, das eine Eigenverantwortung trägt. Denn wer rauchen, saufen, faulenzen will, wird indirekt bestraft – durch finanzielle Konsequenzen wie höhere Steuern auf entsprechendes Zubehör (Zigaretten, Alkohol, Zucker) und Bonuszahlungen für gegenteiliges Verhalten. Prävention ist heute weniger Gesundheitsstrategie als gesellschaftliches Steuerungsinstrument – mit fraglichem Nutzen und klaren Nebenwirkungen. Dabei ist sie tendenziell totalitär, bringt es Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der Techniker-Kasse provokant auf den Punkt. Denn hier wird individuelles Verhalten vom Staat auf eine Weise gesteuert, die Wahlfreiheit nur noch vorgaukelt. Wenn die hohe Tabaksteuer vor allem dazu führt, dass ärmere Raucher auf einmal unverhältnismäßig viel für ihre Kippen ausgeben müssen, vergrößert sich dadurch nicht die Gesundheitskompetenz der Gesellschaft, sondern nur der soziale Gradient. „Warste wohl faul“Auch mit Blick auf die persönliche Krankengeschichte bleibt Prävention individuell. Nicht alles lässt sich beeinflussen – und es ist ein geradezu menschenverachtender Trend, die eigene Gesundheit an persönliche Entscheidungen zu knüpfen. Ich spreche hier nicht davon, sich Brandwunden (wenn es mal dabei bleibt) beim betrunkenen Zünden eines illegal besorgten Böllers zu holen. Ich meine Vorwürfe wie „Da hast du dich ganz falsch ernährt“ oder „Hast dich wohl nicht genug bewegt“, die zum Beispiel Krebspatienten zu hören kriegen. Prävention ist für viele Glaubensfrage, ja moderne Religion und da befriedigt es wohl ungemein, wenn die Ketzer ihrer vermeintlich gerechten Strafe zugeführt werden. Umgekehrt finde ich allerdings die Frustration eines jeden Arztes nachvollziehbar, der den frisch Raucherbeinamputierten mit Sauerstoffflasche vor der Klinik quarzen sieht. Solidarität sieht anders aus, keine Frage. Auch moderne Krankheitsbilder wie die Orthorexie – der Zwang, sich „richtig“ zu ernähren, wobei die Anführungszeichen hier bewusst gesetzt sind – kommen nicht von ungefähr. Der Fokus auf Ernährung als Schlüssel für die Gesundheit ist gesellschaftspolitisch derart verzerrt, dass jegliche Balance unmöglich erscheint. Wenn Prävention moderne Religion ist, sind hippe Salatbars die Kirchen und selbsternannte Diät-Coaches die Priester. Der Markt für angeblich gesunde Selbstoptimierung, gerade im Bereich Ernährung und Nahrungsergänzung, ist riesig. Ist Gemüse objektiv gesund und eine vernünftige Basis für die Ernährung? Sicher. Is(s)t man sofort ungesund, sobald die inzwischen übrigens auch stark vom Veganismus geprägte Ernährungspyramide sich situativ verschiebt? Sicher nicht. Ohne Maß und ZielDoch Maß ist nicht das Ziel dieser Prävention, wie sie aktuell gesteuert wird. Stichwort Überdiagnostik, die als Prävention verkauft – böse Zungen mögen sagen: getarnt – wird. Das prägnanteste Beispiel ist hier wohl die Erhebung des PSA-Werts im Rahmen der Prostata-Ca-Früherkennung. Auch Gesundheits-Check-ups sind eher Psychohygiene für Patienten als tatsächliche Hebel der Vorbeugung. Und selbst diese Wohlfühlmedizin sorgt durch unklare Zufallsbefunde und Kaskadendiagnostik oft für unerwünschte Nebenwirkungen, wie Verunsicherung, Stress und, mal wieder: hohe Kosten für alle. Wenn man sich dann noch anschaut, wer diese Check-ups hauptsächlich wahrnimmt (junge, gesundheitsbewusst lebende Menschen), muss man ihre Sinnhaftigkeit erst recht infrage stellen. Was als Prävention verkauft wird, produziert damit vor allem eines: mehr Diagnosen, mehr Verunsicherung und mehr Kosten – aber nicht automatisch mehr Gesundheit. Die immer besser werdende Technik unterstützt diese Überdiagnostik paradoxerweise. Denn ohne klare Indikation liefert sie einfach nur mehr Daten, die es auszuwerten gilt und in denen schnell mal eine Unklarheit auftaucht, die weiteres, oft fruchtloses Untersuchen rechtfertigt. Eines ist dieser Wust an Maßnahmen aber sicher: sichtbar. Dass das politisch so gewünscht ist, ist wohl anzunehmen. Denn eine echte Umstrukturierung des aktuellen Systems würde Zeit, Hirnschmalz und Austausch mit Ärzten und Patienten bedeuten. Wie viel schneller, billiger und einfacher ist die x-te Plakatwerbung zum Thema Bewegung, Stressmanagement oder Ernährung! Das ist umsetzbar, schön öffentlichkeitswirksam und dabei so herrlich konfliktarm. Wer würde schon widersprechen, wenn es heißt, dass wir uns alle mehr bewegen, entspannen und gesünder ernähren sollten? Einen nachweisbaren Effekt haben die bunten Plakate, Flyer und E-Mails nicht – dass Prävention Kosten spart, gilt trotzdem als Mantra. Belegt ist nur, dass sie in erster Linie Ressourcen verlagert; von Behandlung zu Kontrolle, von Krankheit zu Verdacht. Dabei formulierte es eine Ärztin mir gegenüber einmal spitz: „Für die Generation, bei der es am wichtigsten wäre, kommt eh jede Prävention zu spät. Die Effekte von echter Prävention würden wir erst in 20 Jahren sehen.“ Und welcher (Gesundheits-)Politiker denkt schon über 4 Jahre hinaus? |