Immer häufiger kaufen Menschen Abnehmspritzen im Internet. Das ist nicht nur illegal, sondern auch gefährlich. Denn Händler liefern oft gefälschte Ware. Doch selbst die echten Produkte können ohne ärztliche Begleitung riskant sein.
Abnehmmedikamente wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro mit den Wirkstoffen Semaglutid oder Tirzepatid werden als schnelle Hilfe gegen die Kilos angepriesen – auch im Internet. Eigentlich sind sie für genau definierte Erkrankungen zugelassen. Die Hauptindikation ist die Behandlung von unzureichend eingestelltem Diabetes mellitus Typ 2, ergänzend zu Diät und Bewegung. Außerdem können die Medikamente für Menschen mit Adipositas ab einem BMI von 30 kg/m2 oder bei gewichtsbedingten Begleiterkrankungen ab einem BMI von 27 kg/m2 verschrieben werden.
Doch die Verlockung, auf eigene Faust und bequem im Internet an die Abnehmspritzen zu kommen, scheint groß. Im September 2025 warnte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) vor hunderten von falschen Facebook-Profilen und Werbungen zu den GLP-1-Agonisten. Die Behörde betont: Der Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten über nicht zugelassene Online-Anbieter oder soziale Netzwerke ist in allen Mitgliedsstaaten der EU verboten.
Auch wissenschaftliche Studien befassen sich mit den illegalen Verkäufen. So sammelten ungarische Forscher über die Suchfunktion 317 Links zu Online-Apotheken, von denen 134 direkt zu 59 illegalen Seiten führten. Zählten sie die Top-30 dieser Domänen zusammen, kamen sie auf insgesamt fast 5 Millionen Seitenbesuche. Zwei britische Forscher stießen in ihrer Analyse der Posts auf Facebook und Instagram vor allem auf vier Themen in der Werbung:
Damit sprechen die Anzeigen offenbar viele Menschen an. Dr. Ann-Cathrin Koschker, Co-Leiterin des Adipositaszentrums am Uniklinikum Würzburg, sieht dafür mehrere Gründe: „Anders als bei Diabetes müssen Adipositas-Patienten die Spritzen selbst bezahlen, und die sind nicht günstig.“ Für manche sei zudem das Stigma ein Argument: „Vielleicht möchten sie nicht mit dem Hausarzt oder der Hausärztin sprechen oder diese hören ihnen nicht zu.“ Dazu kommen dann noch diejenigen Personen, die keine Indikation für die Medikamente haben, sie aber trotzdem zur Gewichtsreduktion nutzen wollen.
Das Problem: Wer sich die Spritzen einfach im Internet besorgt, gefährdet sich letztendlich eher, als dass es hilft. So warnt die EMA, dass solche illegalen Medikamente entweder gar keine aktiven Wirkstoffe enthalten könnten – oder gefährliche Dosen anderer Substanzen. Die ungarischen Forscher etwa bestellten bei den sechs illegalen Online-Apotheken mit den meisten Links und den kleinsten Preisen Semaglutid-Produkte. Das Ergenis: Nur drei der Bestellungen wurden überhaupt geliefert, die restlichen drei flogen als Scams auf. Zwar enthielten die zugestellten Spritzen Semaglutid, allerdings in höheren Dosen als beschrieben, mit schlechter Qualität und verunreinigt mit Endotoxinen.
Ann-Cathrin Koschker fasst die Gefahren zusammen: „Sie wissen nicht, wie die Spritzen behandelt wurden, wie die Qualität ist und vor allem, was drin ist – das Medikament oder Wasser, im schlimmsten Fall eine andere Substanz.“ Sie denkt an einen Fall in Österreich im Jahr 2023, als mehrere Patienten ins Krankenhaus eingeliefert wurden: Ihre Abnehmspritzen enthielten Insulin statt Semaglutid, ein extrem gefährlicher Tausch.
Manche Menschen besorgen sich allerdings auch ein illegales Rezept. „Es schreibt halt irgendjemand auf, der eine Approbation hat“, so Koschker. So gelangen sie an die legalen Medikamente, ohne die Indikation erfüllen zu müssen. Gefährlich kann das jedoch trotzdem sein, betont die Ärztin. Denn ohne ärztliche Begleitung kann selbst bei einem hochqualitativen Medikament und mit einer bekannten Dosis viel schiefgehen. „Zum Beispiel sollte auch kontrolliert werden, ob die Patientinnen und Patienten zu viel Muskelmasse verlieren – das kann langfristig Stoffwechsel, Kraft und Gewichtsstabilität beeinträchtigen.“
Zudem sind die Medikamente ergänzend zu einem Wandel im Lebensstil gedacht: Ausgewogene Mahlzeiten, ausreichend Bewegung. Einfach nur die Spritze nehmen wirkt zumindest langfristig nicht. „Langfristig“ ist hier das Schlüsselwort: Wer einmal mit den Abnehmspritzen anfängt, kann sie schwer wieder absetzen und das neue Gewicht ohne sie halten. So zeigt etwa eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse, dass Menschen schnell wieder zunehmen und im ungünstigsten Fall sogar am Ende mehr wiegen als vor Anwendung der Medikamente. Dauerhaft stabil blieb das Gewicht vor allem dann, wenn medikamentöse Therapien mit strukturierten Lebensstil-Interventionen kombiniert wurden.
Schon für Individuen ist es also nicht ratsam, auf eigene Faust GLP-1-Agonisten zu nutzen. Gesellschaftlich kam es gerade zu einer Zeit zu Engpässen, als noch kein Präparat mit dem Wirkstoff Tirzepatid erhältlich war. „Da gab es Versorgungslücken für die Menschen mit einem gültigen Rezept, weil der Absatz so rasant gestiegen war“, so Ann-Cathrin Koschker. Das zusätzliche Präparat habe aber geholfen, die Absatzzahlen besser zu verteilen, so dass es seit längerer Zeit keine solche Probleme mehr gebe.
Manche Fachleute sehen einen grundsätzlichen Nachteil von Abnehmmedikamenten allerdings darin, dass so möglicherweise ein ungesundes Schlankheitsideal noch verstärkt werde. Deutlich zeigt sich das etwa in Instagram-Posts über den Gewichtsverlust mit den Spritzen, gerade bei Menschen, die eigentlich keine Medikamente zum Abnehmen bräuchten. Für Ann-Cathrin Koschker und viele andere Ärzte ist klar: Die Medikamente helfen denjenigen, für die sie zugelassen sind. Dann aber bitte auf legalem Weg und mit ärztlicher Begleitung: „Ich kriege ein Rezept vom behandelnden Arzt und löse es in einer Apotheke ein. Damit bekomme ich das, was auf dem Rezept steht – alles andere ist nicht seriös.“
Quellen:
European Medicines Agency (EMA): Warning about sharp rise in illegal medicines sold in the EU; abgerufen am 03.09.2025
Ashraf et al.: Multifactor quality and safety analysis of semaglutide products sold by online sellers without a prescription: Market surveillance, content analysis, and product purchase evaluation study. Journal of Medical Internet Research, 2024. doi: 10.2196/65440
Rad & Melendez-Torres: Critical discourse analysis of social media advertisements for GLP-1 receptor agonist weight loss drugs: implications for public perceptions and health communication. BMC Public Health, 2025. doi: 10.1186/s12889-025-24197-8
Moll, Diana: Ozempic-Fälschungen sorgen für mehrere Krankenhaus-Fälle. Deutsche Apothekerzeitung, 2023
West, Sam et al.: Weight regain after cessation of medication for weight management: systematic review and meta-analysis. BMJ, 2026. doi: 10.1136/bmj-2025-085304
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