Chirurgen leben gefährlicher als die Kollegen anderer Fachrichtungen – das suggeriert eine große US-Studie. Welche Gefahren das sind und ob sie auch deutsche Chirurgen betreffen.
Ärzte gelten gegenüber der durchschnittlichen Bevölkerung gesundheitlich oft als privilegiert: Medizinisches Wissen, der Zugang zu modernen Therapien und ein oft überdurchschnittliches Einkommen verschaffen ihnen Vorteile. Doch der schon öfter nachgewiesene Benefit scheint nicht für alle Fachrichtungen gleichermaßen zu gelten: Eine US-Studie zeigt, dass speziell Chirurgen ein deutlich höheres Mortalitätsrisiko haben als ihre nicht operativ tätigen ärztlichen Kollegen. Konkret fanden die Autoren eine um 56 Prozent höhere alters- und geschlechtsbereinigte Sterblichkeit im Vergleich zu anderen Fachrichtungen. Angesichts der extremen Arbeitsbedingungen im chirurgischen Alltag kommt dieses Ergebnis nicht überraschend.
Für ihre Untersuchung haben die Forscher Daten aus dem National Vital Statistics System ausgewertet, einem Register, das sämtliche Todesfälle in den USA erfasst. Analysiert wurden die Einträge verstorbener Personen im Alter zwischen 25 und 74 Jahren. Neben Alter, Geschlecht und Todesursache hat das Team auch den zuletzt ausgeübten Beruf berücksichtigt. Um im nächsten Schritt Sterberaten zu vergleichen, zogen Wissenschaftler Daten aus der American Community Survey sowie aus dem AMA Physician Masterfile, einem umfassenden Ärzteverzeichnis, als Vergleich heran. Insgesamt flossen 1.080.298 Todesfälle in die Analyse ein, darunter Einträge von 224 Chirurgen und 2.740 Ärzten anderer Fachrichtungen.
Nach Alters- und Geschlechtsanpassung fanden die Autoren bei Chirurgen eine Mortalitätsrate von 355 Todesfällen pro 100.000 Personen. Zum Vergleich: Bei nicht chirurgisch tätigen Ärzten betrug sie 228 pro 100.000. Das entspricht einem Mortalitätsratenverhältnis (MRR) von 1,56 – also einer um 56 Prozent höheren Sterblichkeit.
Zum Vergleich:
Diese Teilaspekte waren zu erwarten. Nur wie lässt sich die auffällig erhöhte Sterblichkeit von Chirurgen im Vergleich zu anderen ärztlichen Fachrichtungen erklären?
Ein Teil der Antwort liegt in den Todesursachen selbst. Zwar zählen – wie in allen untersuchten Berufsgruppen – Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Leiden auch bei Chirurgen zu den häufigsten Gründen für einen vorzeitigen Tod. Doch im direkten Vergleich mit nicht-operativ tätigen Ärzten zeigen sich deutliche Unterschiede. Die Krebsmortalität von Chirurgen lag bei 193 Todesfällen pro 100.000 – mehr als doppelt so hoch wie bei anderen Ärzten (87,5 pro 100.000). Das entspricht einem über 2,2-fach erhöhten Risiko (MRR 2,21). Als mögliche Ursachen gelten unter anderem wiederholte Exposition gegenüber ionisierender Strahlung bei bestimmten Eingriffen.
Auch bei Todesursachen im Alltag jenseits des Jobs zeigten sich erhöhte Risiken: Verkehrsunfälle waren bei Chirurgen die vierthäufigste Todesursache, während sie in anderen Berufsgruppen nur den neunten Rang einnahmen. Zwar nennt die Studie hier keine exakten Ratenverhältnisse. Die Platzierung deutet jedoch auf ein deutlich erhöhtes relatives Risiko hin.
Warum Chirurgen häufiger als ihre ärztlichen Kollegen sterben, obwohl ihre Ausbildung, ihr Wissen und ihr Zugang zur Versorgung vergleichbar sind, bleibt offen. Die Studie selbst kann keine kausalen Ursachen aufzeigen, liefert aber Hypothesen. So ist der chirurgische Berufsalltag ist geprägt von:
Gerade die erhöhte Zahl tödlicher Verkehrsunfälle passt zu früheren Untersuchungen, die zeigen, dass übermüdete Chirurgen nach langen Diensten ein deutlich höheres Unfallrisiko auf dem Heimweg haben. Die Autoren schreiben, dass ihre Analyse nur Daten aus dem Jahr 2023 umfasse und die Zahl verstorbener Chirurgen vergleichsweise klein sei. Dennoch spiegelten die Zahlen die reale Größe dieser Berufsgruppe wider – es wurden alle erfassten Todesfälle einbezogen.
Zwar lassen sich die Ergebnisse nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, doch viele der zugrunde liegenden Mechanismen und Belastungsfaktoren erscheinen auch hierzulande plausibel. Darauf deutet eine ältere Befragung hin, an der insgesamt 3.652 Kongressbesucher teilgenommen haben, darunter 2.991 Chirurgen, 561 nicht-chirurgisch tätige Ärzte sowie 100 Medizinstudenten. Die Daten zeichnen ein deutliches Bild der hohen beruflichen Beanspruchung, besonders in der Chirurgie. So arbeiten 68 Prozent der Chirurgen im Durchschnitt mehr als 60 Stunden pro Woche. Unter den nicht-chirurgisch tätigen Ärzten berichten 39 Prozent von Wochenarbeitszeiten jenseits dieser Marke.
Der erhöhte Anteil tödlicher Verkehrsunfälle nach langen Diensten dürfte daher kein rein amerikanisches Problem sein. Übermüdung nach Nacht- und Bereitschaftsdiensten steigert nachweislich das Unfallrisiko im Straßenverkehr – ein biologischer und psychologischer Mechanismus, der auch für Deutschland Relevanz hat. Darüber hinaus wirkt sich die hohe Arbeitsbelastung spürbar auf das Privatleben aus: 74 Prozent der in Deutschland befragten Chirurgen gaben an, dass ihre berufliche Tätigkeit ihr Privat- und Familienleben stark einschränkt. Zum Vergleich: Bei den nicht-chirurgisch tätigen Ärzten lag dieser Anteil mit 59 Prozent darunter.
Alles in allem legt die US-Studie nahe, dass Arbeitszeitmodelle, Strahlenschutz, Pausenregelungen und psychische Entlastung im chirurgischen Bereich nicht nur Fragen der Arbeitszufriedenheit sind – sondern möglicherweise über Lebenserwartung entscheiden. Arbeitsverdichtung, persönliche Lebensqualität und potenzielle Sicherheitsrisiken sind eng miteinander verknüpft.
Quellen
Bohrer et al.: Lebensqualität deutscher Chirurginnen und Chirurgen. Dtsch Med Wochenschr., 2011. doi: 10.1055/s-0031-1292024
Zimmermann et al.: Mortality of working-age physicians compared to other high-skilled occupations in Austria from 1998 to 2020. Scand J Work Environ Health, 2024. doi: 10.5271/sjweh.4169
Patel et al.: Mortality Among Surgeons in the United States. JAMA Surgery, 2025. doi: 10.1001/jamasurg.2025.2482
Schlick et al.: A National Survey of Motor Vehicle Crashes Among General Surgery Residents. Ann Surg., 2021. doi: 10.1097/SLA.0000000000003729
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