KOMMENTAR | Hohe Mortalität in den USA trifft auf sinkende Impfquoten – auch hierzulande. Wird COVID-19 zunehmend unterschätzt und droht Deutschland ein vermeidbarer Rückschritt?
Eine kürzlich in JAMA Internal Medicine publizierte Studie macht deutlich, dass COVID-19 auch mehrere Jahre nach Beginn der Pandemie weiterhin mit einer relevanten Mortalität in den USA einhergeht. Trotz verfügbarer Impfstoffe, antiviraler Therapien und einer breiten klinischen Erfahrung bleibt die Zahl der COVID-19-assoziierten Todesfälle höher, als es angesichts dieser Möglichkeiten zu erwarten wäre. Die Analyse zeigt, dass COVID-19 im Beobachtungszeitraum weiterhin zu den häufigen Todesursachen zählt, insbesondere bei älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen. Auffällig ist dabei, dass sich die Mortalität nicht proportional zu einer erhöhten Virulenz oder neuen dominanten Varianten erklären lässt. Vielmehr tritt sie in einer Phase auf, in der SARS-CoV-2 für die meisten Menschen immunologisch kein „neues“ Virus mehr ist. Dies lenkt den Blick auf präventive Faktoren – allen voran die Impfquote.
CDC-Daten zeigen, dass die COVID-19-Impfbereitschaft in den USA seit 2021 kontinuierlich abgenommen hat. Während in der Anfangsphase der Impfkampagne hohe Durchimpfungsraten erreicht wurden, insbesondere bei älteren Menschen, sank die Inanspruchnahme von Auffrischimpfungen in den Folgejahren deutlich. In der Saison 2023/24 erhielten nur noch etwa ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung eine aktualisierte COVID-19-Impfung – selbst bei Personen über 65 Jahre blieb die Quote unter 40 %. Damit ist ein relevanter Anteil derjenigen ungeschützt, bei denen das Risiko für Hospitalisierung und Tod am höchsten ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass die im JAMA-Artikel beschriebene hohe Mortalität zumindest teilweise durch eine verminderte Impfaufnahme erklärbar ist.
Ein Blick nach Deutschland zeigt Parallelen, wenn auch auf niedrigerem Mortalitätsniveau. Die aktuellen RKI-Daten belegen, dass die COVID-19-Todesfälle 2024/25 insgesamt rückläufig sind, gleichzeitig aber die Impfquoten bei Erwachsenen deutlich sinken. Bei Personen ab 60 Jahren ging die COVID-19-Impfquote im Vergleich zur Vorsaison um mehr als ein Drittel zurück.
Die aktuellen Surveillance-Daten des Robert Koch-Instituts zeigen, dass die gemeldeten SARS-CoV-2-Infektionen in Deutschland im Verlauf von 2024 und zu Beginn von 2025 insgesamt rückläufig sind, mit den erwarteten saisonalen Anstiegen in den Herbst- und Wintermonaten. Schwere Verläufe, Hospitalisierungen und Todesfälle treten weiterhin auf, betreffen – wie auch in den USA – überwiegend ältere Menschen sowie Personen mit relevanten Vorerkrankungen. Das Infektionsgeschehen wird nahezu vollständig durch Omikron-Subvarianten bestimmt, aktuell vor allem durch JN.1 und verwandte Linien. Diese Varianten zeichnen sich durch eine hohe Übertragbarkeit aus, ohne Hinweise auf eine erhöhte intrinsische Virulenz. Die weiterhin beobachteten schweren Verläufe lassen sich daher weniger durch veränderte Virusbiologie als vielmehr durch eine unzureichende Immunprotektion erklären.
Vor diesem Hintergrund ist bedeutsam, dass sich an den zu Beginn des Jahres veröffentlichen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu SARS-CoV-2 nichts geändert hat. Weiterhin werden jährliche Auffrischimpfungen für Personen ab 60 Jahren, für Menschen mit Grunderkrankungen sowie für weitere Risikogruppen empfohlen.
Ein Aspekt, der sich in der Versorgungsrealität deutlich widerspiegelt, ist die wachsende Diskrepanz zwischen Empfehlung und Akzeptanz. In meiner täglichen Praxis als Fachärztin zeigt sich, dass selbst bei klar definierten Risikopatienten die Bereitschaft zur COVID-19-Auffrischimpfung inzwischen sehr gering ist. Viele empfinden die Erkrankung als „überstandenes Thema“ oder unterschätzen ihr individuelles Risiko. Auffällig ist zugleich, dass die Influenza-Impfung deutlich besser angenommen wird – obwohl auch hier die Risikokonstellationen häufig identisch sind.
Diese Beobachtung verdeutlicht, dass es sich bei den sinkenden COVID-19-Impfquoten nicht primär um ein medizinisches, sondern zunehmend um ein kommunikatives und wahrnehmungspsychologisches Problem handelt. Solange das individuelle Bedrohungsgefühl nicht mit der epidemiologischen Realität übereinstimmt, bleibt Prävention hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Koumans EHA et al.: Estimated Burden of COVID-19 Illnesses, Medical Visits, Hospitalizations, and Deaths in the US From October 2022 to September 2024. JAMA Intern Med., 2026. doi: 10.1001/jamainternmed.2025.7179.
CDC, RespVaxView: Vaccination Uptake, Intent and Confidence, 2026. (online)
RKI, Epidemiologisches Bulletin 41, 2025. (online)
RKI, Epidemiologisches Bulletin 50, 2025. (online)
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