KOMMENTAR | In Lunge, Niere und Gehirn: Mikroplastik ist scheinbar überall im Körper. Wissenschaftler stellen jetzt bisher gemessene Konzentrationen infrage. Warum das kein Grund zur Entwarnung ist.
Es ist unscheinbar klein, steckt in nahezu allen Produkten, die wir konsumieren, und birgt dennoch Risiken für unsere Gesundheit: Mikroplastik. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl an Studien zu Mikro- und Nanoplastik, sogenannte MNPs, rasant gestiegen. Die Fundorte reichen von den tiefsten Ozeangräben, über Ackerböden bis in die Luft und den menschlichen Körper. Doch eine Recherche kommt nun zu einem überraschenden Fazit: Die darin beschriebenen 7 wissenschaftliche Studien und weiteren 18 Analysen entschärfen plötzlich die Warnungen.
Die Analysen ergeben folgendes Urteil: So manch eine Meldung der winzigen Kunststoffteilchen in Organen – besonders in Arterien, Hoden und Gehirn – ist möglicherweise übertrieben dargestellt. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass die Messverfahren besonders störanfällig sind.
Ein Messverfahren, das besonders in der Kritik steht, ist die Py‑GC‑MS-Methode, kurz für Pyrolyse-Gaschromatographie-Massenspektrometrie. Dabei werden die zu untersuchenden Stoffe erhitzt und deren Dämpfe analysiert. Problematisch ist: Die im Dampf gelösten Fettbestandteile können Signale erzeugen, die fälschlicherweise als Polyethylen oder PVC interpretiert werden. Besonders die Studienergebnisse zu hohen Plastikmengen im menschlichen Gehirn könnten durch den dort vorhandenen, hohen Anteil an Fettgewebe stark verzerrt sein. Der dazugehörige Forschungsbericht, publiziert 2025 im hochrangigen Fachjournal Nature Medicine, berichtete damals von einem steigenden Trend in der Ansammlung von Mikro- und Nanoplastik im Hirngewebe. Diese Ergebnisse werden nun kritisch hinterfragt. Dr. Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beschreibt die Arbeit in einem Gespräch mit dem Guardian sogar als „grob unzuverlässig“. Dabei wird nicht nur die fehleranfällige Nachweismethode angekreidet. So fehlen Kontrollen auf Verunreinigungen und normierende Blindproben.
Das Forschungsfeld ist jung und steht am Anfang – der Druck schnell zu veröffentlichen ist dabei groß. Die These: Allzu schnell schleichen sich methodische Fehler, Kontaminationen und falsche Ergebnisse in Veröffentlichungen. Dazu kommt: Messverfahren zur Kunststoffverschmutzung innerhalb menschlicher Gewebe sind längst noch nicht so ausgereift, wie sie benötigt werden. Besonderes Augenmerk sollte auf MNPs liegen, die so klein sind, dass sie die biologischen Barrieren überschreiten und sich in Organen anreichern können. Gerade diese winzigen Plastikpartikel sind jedoch kaum messbar mittels moderner Analysetechniken.
Diese Erkenntnisse befeuern vor allen Dingen die drängende Diskussion: Wie viel Mikroplastik ist denn nun wirklich in uns – und was davon ist eigentlich schädlich? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst verstehen, dass die Risikobewertung von MNPs für unsere Umwelt äußerst komplex ist. Es handelt sich um ein Gemisch aus Partikeln unterschiedlicher Polymere, Größen und chemischer Zusammensetzungen. Die physikalischen und chemischen Eigenschaften sind somit individuell unterschiedlich. Eine einheitliche Risikoabwägung ist daher schwierig. Niemand kann klar sagen, was die Folgen von Mikroplastik in unserem Körper sind.
Dennoch sind die unter 5 Millimeter großen Plastikteile nicht ganz ohne. Während manche Organismen – wie einige Zooplankten – Mikroplastik ohne großen Schaden ausscheiden, können kleine, scharfkantige Partikel bei anderen Organismen Organe und Gewebe verletzen. Für eine verbesserte Langlebigkeit und um den Abbau von Kunststoff zu verhindern, enthalten Kunststoffe häufig Additive – typischerweise sind das unter anderem UV-Stabilisatoren, Antioxidantien, Weichmacher, Farbstoffe und Füllstoffe. Doch genau diese Additive können besonders schädigen: Sei es durch ein verringertes Wachstum, erhöhte Sterblichkeit – wie sie bereits bei Regenwürmern nachgewiesen wurde – oder Reizungen im Körper.
Die WHO berichtet, die vorhandenen Studien reichen nicht aus, um klare Aussagen über konkrete Schäden beim Menschen zu treffen. Doch, auch wenn die Folgen für den Menschen bisher noch unklar sind, bleibt unumstritten: Mikroplastik ist überall und verursacht durch seine Herstellung und Existenz bereits heute massive ökologische Schäden. MNPs bleiben nicht statisch an einem Ort, sie verteilen sich global und sind in Fischkiemen, an Sandstränden und in Gesteinen zu finden.
Eine neue Studie modelliert in diesem Zusammenhang zum ersten Mal, wie sich der gesamte Plastikkreislauf auf die Gesundheit der Weltbevölkerung auswirken könnte. Der Fokus liegt dabei weniger auf der direkten Aufnahme von Mikroplastik, sondern auf den ökologischen Belastungen, die durch Plastikherstellung und -entsorgung entstehen – beispielsweise durch Emissionen, die zur globalen Erwärmung und zur Feinstaubbelastung beitragen. Im ungünstigsten Fall könnten sich künftige Gesundheitsschäden durch Plastik-Emissionen bis 2040 verdoppeln. Die Schadenslast würde dabei auf 4,5 Millionen DALYs („Disability-Adjusted Life Years“) steigen, ein Maß für durch Krankheit oder vorzeitigen Tod verlorener gesunder Lebensjahre. Umgerechnet spricht das für etwa fünf Stunden voller Gesundheit pro Mensch. Im Mittel nicht viel – doch laut Autoren wird die tatsächliche Krankheitslast, die von der Plastikproduktion, -nutzung und -entsorgung ausgeht, erheblich unterschätzt. Das liegt unter anderem an den Grenzen der Studie: So legen die Forscher offen, dass nicht alle potenziellen Gesundheitseffekte berücksichtigt werden konnten.
Die Verwendung von Kunststoffen insbesondere im Gesundheitssektor birgt zwar einen essenziellen gesundheitlichen Nutzen, da sie sterile Arbeitsbedingungen ermöglicht und bakterielle Kontaminationen reduziert. Doch Fakt ist: Solange es keine potenziell schadensfreie Entsorgung gibt, stellt die Plastikherstellung und der -konsum ein menschengemachtes Umweltproblem dar. Ein Problem, das uns am Ende auch selbst betrifft. Ich frage mich daher: Ist es für die Debatte über besseren Umwelt- und Gesundheitsschutz tatsächlich entscheidend, wie viel Mikroplastik sich also exakt im menschlichen Körper befindet?
Zweifellos gilt: Die Dosis macht das Gift. Präzise Messmethoden sind notwendig und sinnvoll. Nicht nur um die gegenwärtige Gefahr erkennen zu können, sondern den Erfolg möglicher politischer Maßnahmen bewerten zu können. Gleichzeitig kann eine unsaubere oder voreilige Evidenz von erhöhten MNP Werten zu fehlgeleiteten politischen Entscheidungen führen, die weder der Umwelt- noch Gesundheitsschutz gerecht werden.
Doch gerade das Anprangern gängiger Methoden und Ergebnisse läuft vielleicht Gefahr, eine notwendige Alarmbereitschaft zu dämpfen. Eine Alarmbereitschaft, die uns mobilisiert, etwas zu verändern und unser Verhalten zu reflektieren. Es beschwichtigt einen aufkeimenden Aktionismus und bietet Kritikern Angriffsfläche, Bedenken pauschal zurückzuweisen. Insbesondere Akteure mit wirtschaftlichen Interessen, etwa Lobbyisten der Kunststoffindustrie, könnten solche Argumente nutzen, um die Diskussion in eine falsche Richtung zu lenken. So besteht die Gefahr, dass die Sorge vor Mikroplastik als insgesamt unbegründet abgetan wird – mit potenziell weitreichenden Folgen für Umwelt- und Gesundheitsschutz. Bieten nicht das bloße Vorhandensein und die damit verbundenen Umweltfolgen bereits Anlass zum Handeln? Grundsätzlich gilt für den aufkeimenden Forschungszweig: Es bedarf einer offenen Fehlerkultur, die aus Irrtümern lernt und den Anspruch verfolgt, präzisere Methoden zu entwickeln. Gleichzeitig sollte der wissenschaftliche Diskurs weiterhin offen geführt werden und dabei vor Mikroplastik warnen können, ohne Studienergebnisse polemisch zu verzerren.
Mikroplastik ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in jedem von uns. Doch abzuschätzen, wie viel genau sich im menschlichen Körper befindet und welche Folgen uns bevorstehen, dafür reicht die derzeitige Beweislage noch nicht aus.
Wenn es um die Debatte geht, inwiefern Mikroplastik für uns schädlich ist, dann geht es vor allen Dingen auch um unseren eigenen Konsum und wie viel wir in die Umwelt bringen. Es werden Industrie-Zweige in ihrer Nachhaltigkeit angezweifelt und verzweifelt nach umweltschonenden Alternativen gesucht. Für eine solche Debatte ist es wichtig, eine Messlatte zu etablieren. Für die grundsätzliche Diskussion darüber, ob ein nachhaltiger Umgang mit oder sogar an manchen Stellen eine Vermeidung von Plastik möglich ist, ist das jedoch nicht erforderlich.Bildquelle: Colourblind Kevin, Unsplash