Als Nahrungsergänzungsmittel für Nägel und Haare hat es sich längst einen Namen gemacht: Kollagen. Nun soll es auch den Gelenken helfen. Ist das bloß Marketing oder steckt mehr dahinter?
Weltweit ist der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) für Knochen und Gelenke ein Milliardengeschäft und betrug laut Zion Market Research im Jahr 2023 über 3,48 Mrd. US-Dollar. Gekauft werden Produkte mit Glucosamin-Chondroitin, Kollagen, Omega 3-Fettsäuren, Vitamin D und K und Kalzium als Flüssigkeiten, Kapseln, Pulver oder zu 55 % als Tabletten. Vertriebskanäle sind Online-Händler, Einzelhändler und mit ca. 75 % Marktanteil auch Supermärkte. Marktanalysten erwarten in den nächsten 6–7 Jahren eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 8,6 % bis zu einem Volumen von über 7,32 Mrd. US-Dollar Ende 2032.
Hauptgründe für diese Prognose sind eine alternde Bevölkerung, Bewegungsmangel und eine zunehmende Zahl orthopädischer Erkrankungen an Knochen und Gelenken wie Arthrose und Rheumatoider Arthritis. Zwar steigt das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung an, doch ist es leichter für das eigene Gewissen, NEM zu konsumieren als sich sportlich zu betätigen. Trotzdem dürften auch expandierende Sport- und Fitnesstrends die Entwicklung des Markts besonders in Deutschland vorantreiben. Zu den zehn größten Produzenten gehören u. a. die Bayer AG und BASF SE.
Nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gab es 2022 über 9,26 Millionen Fitnessfreaks in Deutschland. Viele von ihnen konsumieren NEM, bevorzugt mit proteinreichem Kollagen, das entweder auf Tierbasis (meist Rind) oder marinebasiert (meist Fisch) hergestellt wird. Unterschieden wird Typ I- und III-Kollagen für die Haut von Typ II-Präparaten für Gelenke. Dabei beschert allein das gelenkspezifische Kollagen den Herstellern jährlich einen dreistelligen Millionen-Umsatz innerhalb des deutschen NEM-Marktes.
Im menschlichen Organismus kommt es zu einem physiologischen Kollagenverlust in den Gelenken, der von den individuellen Faktoren Alterung, Hormonprofil, Übergewicht, Bewegungsmangel, Entzündungsprozessen, mechanischer Überlastung und Gelenkschäden abhängig ist. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, nehmen viele Menschen Kollagen als NEM ein. Oral aufgenommenes Kollagen wird im Gastrointestinaltrakt in einzelne bzw. kurzkettige Aminosäuren, sogenannte Kollagenpeptide, zerlegt und kann in Gelenken nicht wieder zum ursprünglich zugeführten Präparat aufgebaut werden. Mehrere Autoren bestätigen in Studien, dass sich besonders ihre Grundbaustoffe Prolin und Glycin in den Gelenken akkumulieren und damit die körpereigene Kollagensynthese unterstützen. Außerdem stimulieren sie die Chondrozyten, selbst wieder mehr Kollagen und Proteoglykane zu produzieren. Ein wichtiger und essenzieller Kofaktor für die Kollagensynthese ist die gleichzeitige Einnahme von Vitamin C.
Die höchste Bioverfügbarkeit haben hydrolysierte Kollagenpeptide. Sie sind in der Regel gut verträglich, es kann aber in seltenen Fällen zu Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder allergischen Reaktionen kommen, besonders bei Dosierungen über 15 Gramm täglich. Eine therapeutische Wirkung ist nicht vor Ablauf von mindestens vier Wochen, eher nach einer kontinuierlichen Einnahme von 2 bis 3 Monaten, zu erwarten. Eine Forschergruppe um Carrillo-Norte veröffentlichte im Februar 2025 Studienergebnisse nach oraler Aufnahme eines NEM mit 10 Gramm hydrolysierten Kollagenpeptiden mit einem Molekulargewicht zwischen 1 und 3 kDa (Kilo-Dalton). Sie ermittelten Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP) und Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG), erhoben den Schmerz-Score und die funktionellen Auswirkungen in den Kniegelenken. Zusammengefasst kam es nach sechsmonatiger Einnahme zu einer signifikanten Reduzierung von Gelenkschmerzen und -steifigkeit sowie der CRP- und BSG-Werte. Außerdem gibt es Hinweise, dass Kollagenpeptide den Abbau der Knorpelmatrix bremsen. Einen guten Literaturüberblick liefert die Veröffentlichung von Campos et al. aus dem Jahr 2023.
Verbraucherschützer betonen, dass man dem Körper mit einer ausgewogenen und proteinreichen Ernährung ebenfalls die nötigen Aminosäuren zuführt und deshalb keine Spezialprodukte benötigt. Dieses Argument wird dadurch unterstützt, dass die langen Aminosäureketten im Verdauungstrakt aufgespalten werden und die teuren Präparate nicht in ihrer Ursprungsform in den Gelenken ankommen können. Für eine Supplementierung sprechen allerdings die vergleichenden Studienergebnisse, da die Teilnehmer der Verumgruppe zusätzlich zur normalen Ernährung Kollagen erhielten, während sich die Teilnehmer der Placebogruppe wie üblich ernährten. Ob jedoch die übliche Ernährung zu einer Unterversorgung mit Kollagen führte, ist nicht bekannt, kann aber vermutet werden. Insgesamt ist die Studienlage immer noch uneinheitlich; die Tendenz geht eher zu einer Unterstützung mit NEM, ist aber immer vom individuellen körperlichen Zustand und seiner Gelenkbeschaffenheit abhängig.
Carrillo-Norte et al.: Effects of oral hydrolyzed collagen peptides on knee joint discomfort and inflammatory markers. Journal, 2025. doi: 10.1016/j.conctc.2024.101424
Campos et al.: Overview of collagen peptide supplementation and joint health. Journal, 2023. doi: 10.1016/j.heliyon.2023.e14961
Zion Market Research: Global bone and joint supplements market. 2023. Online
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