KOMMENTAR | ADHS wird wissenschaftlich präzise vermessen. Das ist wichtig – bietet aber auch einen fruchtbaren Boden für Vorurteile. Warum Forschung mehr sein muss als nur methodisch korrekt.
Wissenschaft hat den Anspruch, objektiv zu sein. Doch gerade bei sensiblen Themen wie Intelligenz oder sozialer Ungleichheit zeigt sich, wie schnell statistische Zusammenhänge bestehende Narrative begünstigen. Eine aktuelle Studie zur Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und genetischen Veränderungen liefert dafür ein anschauliches Beispiel – und verdeutlicht, dass weniger die Daten selbst als vielmehr ihre Interpretation ins Gewicht fällt.
Die im Fachjournal Nature publizierte Studie zeigt, dass selten auftretende Veränderungen in drei bestimmten Genen mit einem deutlich erhöhten ADHS-Risiko verbunden sind – in Einzelfällen um mehr als das 15-Fache. Gleichzeitig waren Träger von Hochrisiko-Varianten innerhalb der ADHS-Gruppe häufiger sozial benachteiligt, wie sich etwa durch längere Arbeitslosigkeit, den Bezug von Sozialleistungen, eine frühe Rente oder ein bloßes Mindestmaß an Schulbildung zeigte. Je häufiger diese seltenen genetischen Veränderungen bei Menschen mit ADHS auftraten, desto ausgeprägter waren die Nachteile – besonders bei Betroffenen mit zusätzlicher Intelligenzminderung.
Ein weiterer wichtiger Zusammenhang: Innerhalb einer Stichprobe erwachsener ADHS-Betroffener war jede zusätzliche seltene Genvariante im Durchschnitt mit einem um 2,25 Punkte niedrigeren IQ assoziiert. Das sind erst einmal nur statistische Zusammenhänge und als solche methodisch korrekt. Was ist hier also das Problem?
Wenn solche Aussagen nicht kritisch eingeordnet werden, verleiten sie zu gefährlichen Verallgemeinerungen über Leistung und Intelligenz. Allzu schnell wird aus einer Korrelation zwischen Genetik und sozialen Umständen eine Kausalität. Das führt zu einem vorverurteilenden Determinismus. Dabei wird übersehen, dass Gene weder den individuellen Umgang noch den Lebenslauf vorbestimmen. Unaufmerksame Leser – die es im schnelllebigen Medien-Konsum zuhauf gibt – könnten bei diesen Ergebnissen auf den Gedanken kommen, Menschen mit ADHS seien weniger intelligent oder leistungsfähig. Wenn genetische Korrelationen in einem solch hochsensiblen Kontext publiziert werden, reicht neutrale, methodische Korrektheit eben nicht aus. Vielmehr trägt die Wissenschaft meiner Meinung nach die Verantwortung, einzuordnen und somit sozialem Missbrauch vorzubeugen.
Bereits die wissenschaftliche Sprache erschwert eine einfühlsame Einordnung: Genetische Veränderungen werden hier mit „deleterious“, also funktionell schädlich, beschrieben. Biologisch gesprochen ist das korrekt: Es handelt sich um Veränderungen in hoch konservierten, evolutionär stabilen Genen, deren Abweichung besonders risikoreich ist. Doch fernab des wissenschaftlichen Jargons kann der Begriff den Eindruck erwecken, ADHS-Betroffene tragen etwas „Schädliches“ in sich – und ungewollt zur Stigmatisierung beitragen.
Die Diskussion um Genetik, Leistung und Intelligenz lässt sich kaum führen, ohne die klinische Einordnung von ADHS zu betrachten: Medizinisch gilt ADHS als Entwicklungsstörung. Dabei kommt die Ansicht nicht von ungefähr – so belegen mittlerweile zahlreiche Studien, dass ADHS zu etwa 70–80 % genetisch veranlagt ist und mit veränderten Gehirnfunktionen einhergeht (siehe hier und hier). Auch die oben zitierte Studie legt einen weiteren Baustein in der Grundlagenforschung. Sie betont einmal mehr, dass ADHS keine Modeerscheinung ist, sondern eine wissenschaftlich gut belegte neurobiologische Realität. Doch mehr Wissen über das Gehirn macht uns nicht automatisch toleranter – umso wichtiger ist der reflektierte Umgang mit solchen Erkenntnissen.
Was die klassisch medizinische Perspektive häufig ausblendet, sind zwei Dinge: Zum einen kommt ADHS nicht in einer einheitlichen Ausprägung vor. Wer eine Person mit ADHS kennt, kennt eben nur diese eine – nicht „die ADHS“. Es handelt sich um ein Spektrum. Ein Gedanke, der auch der Neurodiversitätsbewegung zugrunde liegt.
Damit verbunden ist der zweite Fallstrick: das Defizitdenken. Der Begriff „Entwicklungsstörung“ impliziert eine Fehlfunktion. Ähnlich einer Maschine, die nicht normgerecht funktioniert, fallen auch Menschen mit ADHS je nach Ausprägung mehr oder weniger durch das Raster. Genau darin liegt die Gefahr: ADHS ausschließlich auf das Defizit zu reduzieren, das ausgeglichen oder „behoben“ werden muss. So verschiebt sich der Blick auf die Betroffenen, während der Einfluss von Umfeld und Strukturen aus dem Fokus gerät.
Doch inwiefern müssen Betroffene für ihr Umfeld „funktionstüchtig“ gemacht werden, wenn gerade dieser normative Anspruch häufig erst einen Leidensdruck erzeugt? Nicht zufällig gehen ADHS-Diagnosen oft mit Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen einher.
Warum ein empathisches Verständnis so wichtig ist, belegen allein schon die Zahlen: ADHS betrifft etwa 5 % aller Kinder und Jugendlichen und etwa 2,5 % der Erwachsenen in Deutschland – und die Zahl an Neudiagnosen steigt. ADHS ist damit längst kein Randphänomen mehr. Betroffene leiden dabei häufig unter einer starken Stigmatisierung. Nicht selten war in der Vergangenheit vom sogenannten „Zappelphilipp“ die Rede – ein abwertender Begriff für unaufmerksame Jungen, der gleichzeitig über lange Zeit hinweg ein stark verkürztes Bild von ADHS vermittelt hat. ADHS ist vielschichtiger als nur äußerlich sichtbare Unruhe und betrifft keineswegs ausschließlich Jungen. Dennoch leiden viele Betroffene unter geringem Selbstbewusstsein und befürchten, als weniger intelligent wahrgenommen oder gar für dumm gehalten zu werden. Ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält und das Potenzial neurodiverser Gehirne missachtet.
Studien, die genetische Vorbelastungen mit sozioökonomischen Lebensbedingungen verknüpfen, sind entscheidend. Sie zeigen, dass es nicht primär um geringere Fähigkeiten geht. Sondern darum, wo Betroffene im System verloren gehen: im Verlauf ihrer Bildung. Aufmerksamkeit, Lernumgebung und Erwartungsdruck beeinflussen Leistungsmaße erheblich. Unterschiede in Bildung oder Testergebnissen sind daher nicht automatisch Ausdruck geringerer Fähigkeiten, sondern das Resultat eines ungünstigen Verhältnisses zwischen individueller Neurobiologie und Umfeld. Intelligenz ausschließlich anhand des IQ zu messen, ist zu kurz gegriffen. Kreativität, soziale Kompetenz, Problemlösung oder praktische Intelligenz werden dabei kaum erfasst. Dies sind jedoch Fähigkeiten, die Menschen mit ADHS mitbringen – welche aber oft übersehen werden.
In meiner Wahrnehmung existieren im medizinischen Alltag zwei Perspektiven: Auf der einen Seite die neuropsychiatrische Forschung und Medizin, die ADHS als Teil neurodiverser Vielfalt versteht, Leid anerkennt und neben medikamentöser Therapie vor allem auch die Notwendigkeit psychotherapeutischer Begleitung betont. Auf der anderen Seite begegnet man noch immer vorurteilbehafteten Vorstellungen – etwa der Annahme, ADHS sehe bei allen gleich aus oder lasse sich allein medikamentös „lösen“.
Medikamentöse Behandlungen führen zu einer zeitnahen Besserung der ADHS-Symptome – und so ist es nicht verwunderlich, dass Verschreibungen von ADHS-Medikamenten im europäischen Raum ansteigen. Gerade vor diesem Hintergrund ist Aufklärung besonders wichtig. Dabei geht es nicht nur um Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch darum, dass mit den Betroffenen nichts „falsch“ ist – selbst wenn im ICD-11 von einer Entwicklungsstörung gesprochen wird. Das Gehirn ADHS-Betroffener funktioniert anders, nicht minderwertig. Und ehrlich gesagt: Wer von uns entspricht schon wirklich einer abstrakten Norm?
Im stetigen Spannungsfeld zwischen Pathologisierung und Verharmlosung von Symptomen stellt sich die Frage: Wie wollen wir über ADHS sprechen? Ein Gespräch mit dem Neurodiversitätsforscher André Zimpel hat mich in diesem Zusammenhang nachhaltig bewegt. Der Diplom-Psychologe beschäftigt sich mit Neurodiversität in der Gesellschaft – also Menschen, deren Gehirne anders funktionieren als die (neuro-)typische Norm. In diese Kategorie reiht sich neben der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) auch ADHS ein. Zimpels Worte fassen es für mich treffsicher zusammen:
„Unser Ziel ist, zwischen diesen beiden Extremen zu sein. Also sowohl den Nachteilsausgleich einzufordern und für mehr Empathie und Verständnis für neurodivergente Menschen zu werben. Und andererseits aber zu sagen, es ist ein lebenswertes Leben, was die Menschen leben.“
Vielleicht liegt die Antwort weniger in der Diagnose selbst als in der Haltung, mit der wir ihr begegnen. Neurodiversität schließt medizinische Behandlung nicht aus. ADHS als Spektrum sichtbar zu machen und gleichzeitig Neurodiversität im medizinischen Kontext mitzudenken, bedeutet eben nicht, Pathologien zu leugnen. Es verschiebt lediglich die Frage von „Was fehlt?“ zu „Welche Unterstützung wird benötigt, um das Potenzial eines jeden auszuschöpfen?“.
Daher gebe ich die Frage an euch weiter: Wie geht ihr in eurem medizinischen Alltag mit ADHS-Diagnosen um – und wie beratet ihr eure Patienten?
Bildquelle: Luke Jones, Unsplash