Mein Kater ist dem Tod geweiht – weil ich in Deutschland lebe. Denn für seine Erkrankung gibt es hier keine zugelassene Therapie. Mithilfe meiner Tierärztin starte ich einen verzweifelten Rettungsversuch.
Der Autor ist der Redaktion bekannt und möchte anonym bleiben.
Es war eine brütend heiße Sommernacht im Jahr 2024, als ich etwa um Mitternacht mit meiner Partnerin in einer tierärztlichen Notfallpraxis stand. Unser kleiner Kater Nimrod, gerade etwas mehr als ein Jahr alt, hatte plötzlich hohes Fieber und Atemnot. Weil wir seit Tagen extreme Hitze und tropische Nächte hatten, befürchteten wir, er hätte einen Hitzschlag erlitten. Nach einer ersten Anamnese tendierte die Tierärztin zu unserer Vermutung, wollte allerdings noch einen Ultraschall machen, weil sich Nimrods Bauch seltsam anfühlte.
Wenig später kam sie mit einem ernüchternden Befund zurück: ein Aszites und ein massiver Pleuraerguss – kein Wunder, dass er Atemnot hatte. Sie vermutete eine feuchte feline infektiöse Peritonitis (FIP), eine finale Diagnose würde aber noch ein Blutbild voraussetzen.
Selbst als fachfremde Person war mir klar, was das bedeutet. Mein Kater war bereits deutlich vorerkrankt: Er war positiv getestet auf das feline Immundefizienz-Virus (FIV) und hatte bereits erste Erfahrung mit felinen odontoklastischen resorptiven Läsionen (FORL), sowie eine Reihe an Futterunverträglichkeiten. Entsprechend war ich in Bezug auf Katzenkrankheiten gut vorinformiert – und wusste, dass FIP in Deutschland einem Todesurteil gleichkommt. In der EU war bislang keine Behandlung für FIP zugelassen; es könnten nur palliative Schritte erfolgen.
Meine Partnerin und ich waren schon dabei, von Nimrod Abschied zu nehmen, als mir die Tierärztin zu verstehen gab, dass es in anderen Ländern bereits Erfahrungen mit der erfolgreichen Behandlung von FIP gegeben habe. Und im Internet gäbe es privat organisierte Netzwerke, die eine solche Behandlung auch in Deutschland ermöglichen könnten, fügte sie verschwörerisch hinzu. In diesem Moment fasste ich einen Entschluss. Ich würde alles tun, um meinem vom Schicksal gebeutelten Nimrod noch eine Chance auf ein längeres Leben zu ermöglichen.
Während Nimrod für eine Überwachung und regelmäßige Drainagen in der Praxis zurückblieb, vertiefte ich mich in Internetrecherchen. Eine Heilung für FIP? Tatsächlich fand ich dazu Studien (hier und hier). Der grundlegende Erreger ist ein mutiertes felines Coronavirus, dass gut auf eine längere Behandlung mit typischen Corona-Medikamenten aus der Klasse von Remdesivir anzusprechen schien. Auch in Deutschland lief zu der Zeit eine kleine Studie in München – Nimrod war aber aufgrund seines FIV-Status ausgeschlossen.
Die einzige Möglichkeit, in Deutschland an eine Behandlung zu kommen, schienen also die privaten Hilfsnetzwerke zu sein, die tatsächlich recht einfach im Netz zu finden waren. Nach einer Anmeldung über ein Onlineformular, in dem Vorerkrankungen, aktueller Status des Tiers und vermutete FIP-Verlaufsformen abgefragt wurden, kontaktierten mich Mitglieder des Netzwerks innerhalb weniger Minuten und eröffneten eine Chatgruppe für Nimrod. Sie vertieften noch einmal die Punkte aus dem Anmeldeformular, fragten nach dem Impfstatus und forderten eine Reihe von Testergebnissen ein, um wirklich sicherzugehen, dass eine FIP vorlag. Besonders wichtig waren ihnen die Blutwerte – ein großes Blutbild und eine Elektrophorese sollten durchgeführt werden. Laut dem Netzwerk wurden diese Daten an Tierärzte weitergeleitet, die eine finale Beurteilung von Nimrods Fall vornehmen würden. Erst danach könnten sie mich mit GS, dem internen Namen für das Remdesivir-Äquivalent, versorgen.
Als die Ergebnisse gegen Mittag eintrafen, ging es dann plötzlich sehr schnell: Es wurde die nötige Dosis für die subkutane Gabe von GS anhand Nimrods damaligen Gewichts berechnet und schon am Nachmittag traf ich mich mit einem Mitglied des Netzwerks direkt vor der Tierarztpraxis. Ich wurde mit einer Grundausstattung versorgt – ein paar Fläschchen GS, Spritzen für die subkutane Gabe, Fischöl und ein Leberschutz, die beide während der Behandlungszeit oral zu geben waren. All das im direkten Austausch gegen Bargeld. Zudem bekam ich eine genaue Einweisung, was zu tun war und wie ich injizieren sollte. Von der ersten Injektion an sollte ich jeden Tag zur exakt gleichen Zeit – natürlich angepasst an Sommer- und Winterzeit – die Folgeinjektionen geben und das für die kommenden 12 Wochen beibehalten. Keine Injektion dürfe ausfallen.
Als ich anschließend mit der Grundausstattung im Rucksack Nimrod besuchte, ließ mich die Tierärztin allein mit ihm im Raum – damit ich tun könne, was ich für nötig hielt, wie sie meinte. Ich bereitete die Injektion zügig vor und verabreichte sie, innerlich dankbar dafür, dass ich während meiner Doktorarbeit einen FELASA-Kurs abgeschlossen hatte. Nimrod, sonst eh schon ein ruhiger Kater und jetzt krankheitsbedingt deutlich schwächer, wehrte sich wie eine Furie, fauchte und schrie. GS hat einen pH-Wert unter 5 und brennt selbst auf der Haut – subkutan stellte ich es mir noch viel schlimmer vor. Auch davor hatten mich meine Kontaktpersonen schon gewarnt. Die Reaktion war aber von kurzer Dauer und wenig später schlief er ein, während ich ihn vorsichtig und mit Schuldgefühlen streichelte. Am nächsten Tag stand ich dennoch pünktlich zur gleichen Zeit vor der Tür der Praxis – der Beginn einer langanhaltenden Routine, die nur dank der Kulanz der Tierärztin so möglich war.
Nimrods Symptome besserten sich innerhalb kurzer Zeit. Schon nach drei Tagen wurde er entlassen. Auch zu Hause schritt seine Genesung zügig voran und nach knapp zwei Wochen merkte man ihm seine Erkrankung nicht mehr an. Ein Ultraschall nach dieser Zeit zeigte nur noch winzige Überreste der Aszites – der Pleuraerguss war vollends verschwunden.
Dafür stieg allerdings Nimrods Abneigung gegen die Injektion. Da sie jeden Tag zur exakt gleichen Zeit stattfand, wurde er meist schon eine halbe Stunde vorher unruhig und seine Abwehrreaktionen nach der Injektion wurden ebenfalls heftiger. Selbst zu zweit hatten wir Probleme, den kleinen Kater unter Kontrolle zu halten, und schafften uns, nachdem meine Partnerin von ihm während der Injektion gebissen worden war, ausreichende Schutzausrüstung und eine Injektionstasche an. Andere Tierbesitzer, mit denen ich durch das Netzwerk in Kontakt stand, berichteten von sehr unterschiedlichen Reaktionen bei ihren Katzen – manche tendierten zu ähnlichem Verhalten wie Nimrod, andere konnten gemütlich während des abendlichen Fernsehens behandelt werden. Nimrod schien einfach ein Kämpfer zu sein. Allerdings war er nie nachtragend und kuschelte schon wenige Minuten nach der Injektion wieder mit uns.
Während der Behandlung wurden wir sehr eng durch das Netzwerk betreut und unterstützt. Die Betreuer forderten ein gut geführtes Behandlungstagebuch, in dem Gewicht, Temperatur, Injektionsvolumen und sonstige Beobachtungen festgehalten werden sollten, und empfahlen in regelmäßigen Abständen erneute Blutbilder zur Beurteilung des Heilungsprozesses. Auch für direkte Nachfragen oder Problemberatungen waren sie fast rund um die Uhr erreichbar – etwa als Nimrod vorübergehend eine leichte Anämie entwickelte. Nach wenigen Wochen schlugen sie uns zudem eine orale Therapie mit Tabletten vor. So sollte Nimrod weniger belastet werden. Da das Katerchen allerdings auch in gesunden Zeiten zu Schüben von Übelkeit tendierte, wollten wir sichergehen, dass das GS auch wirklich in seinem Körper blieb und fuhren deswegen mit den Injektionen fort.
Die weitere Behandlung lief ansonsten ohne Probleme ab. Regelmäßige Dosisanpassungen – weil Nimrod langsam zunahm oder die Blutwerte noch nicht komplett den Vorstellungen der Betreuer entsprachen – konnten meine Partnerin und ich als mittlerweile eingespieltes Injektionsteam gut umsetzen. Nach einer Verlängerung der Behandlung auf 14 Wochen aufgrund eines noch immer leicht zu niedrigen Albumin-Globulin-Quotienten folgte die 12-wöchige Wartezeit, in der zwar keine aktive Behandlung mit GS mehr stattfand, aber der Kater noch immer mit Argusaugen beobachtet werden musste. Wie uns mitgeteilt wurde, sollten wir besonders auf neurologische Symptome achten, da ein Rückfall zur schweren neurologischen Form der FIP in diesem Zeitraum am wahrscheinlichsten sei. Aber wir sollten Glück haben: Nicht nur ging es Nimrod wieder fantastisch, auch seine Blutwerte waren am Ende der Wartezeit fast vollständig wieder im normalen Bereich. Einzige Ausnahme stellten die Entzündungswerte dar, die aber – Glück im Unglück – auf einen neuen Fall von FORL zurückzuführen waren.
Fast 7 Monate später und Nimrod ist wieder ein glücklicher und verspielter Kater. Hätten wir uns nicht an das Netzwerk gewandt, hätte er wahrscheinlich nicht einmal einen Monat überlebt. Dieses Jahr wird er seinen dritten Geburtstag feiern und noch heute gehen wir gerne zu der Tierärztin, die uns damals in die richtige Richtung gelenkt hat. Gibt es noch Nachwirkungen? Natürlich, aber sie sind milde. Der Pleuraerguss hat sein Lungenvolumen für immer leicht eingeschränkt. Zudem kam es in Folge der Injektionen zu mehreren kleinen Abszessen. An zwei dieser Stellen hat Nimrod trotz guter Wundpflege mittlerweile kein Fell mehr. Aber die Behandlung hat hervorragend funktioniert – und dass, obwohl er FIV-positiv ist. Ausschlaggebende Faktoren waren höchstwahrscheinlich die sehr rasche Diagnose und der entsprechend zügige Beginn der Therapie. Auch unter den anderen Behandelnden, die zeitgleich mit uns begonnen haben, befinden sich zahlreiche FIP-Überlebende.
Ich bin froh, dass ich damals die richtige Empfehlung bekam und die Fähigkeiten und finanziellen Mittel hatte, um Nimrods Behandlung zu ermöglichen. Denn die Behandlungskosten sind nicht ganz ohne: Für das GS allein haben wir damals ca. 1.400 € bezahlt. Damit bewegten wir uns eher im unteren Bereich der Kosten – Nimrod war zum Glück immer ein zierlicher Kater und brauchte daher nie ein großes Volumen. Zudem ist die feuchte FIP die am leichtesten zu behandelnde Verlaufsform; eine neurologische FIP hätte eine doppelt so hohe Dosis erfordert. Für Personen ohne die nötigen finanziellen Mittel organisiert das Hilfsnetzwerk deshalb Benefizverkäufe und Spendenpools – seit der Behandlung bin ich natürlich regelmäßiger Unterstützer.
In Zukunft hoffe ich, dass auch in Deutschland offizielle Behandlungen für FIP zugelassen werden. Die Wirksamkeit von antiviralen Mitteln bei FIP ist eindeutig und wird auch von deutscher Forschung gestützt – ganz zu schweigen von den zahlreichen Personen, die ihre Katzen privat behandelt haben. In anderen Ländern der EU ist man schon weiter: In Frankreich darf die FIP seit Ende 2024 mit GS-441524 behandelt werden. Es bleibt nur abzuwarten, ob es früher oder später zu einer offiziellen Zulassung in Deutschland kommt. Bis dahin werde ich die Netzwerke weiterhin unterstützen und uneingeschränkt weiterempfehlen.
Bildquelle: Giulia Squillace, Unsplash