Geflüchtete sind für viele hierzulande vor allem eines: ungebetene Gäste. Kein Wunder – immer wieder gibt es mit ihnen Probleme. Mit ihren Problemen setzen wir uns jedoch nicht auseinander. Warum ich diesen Mangel an Empathie gefährlich finde.
„Die ganzen Flüchtlinge … Es wird ja immer mehr. Egal, wo man hinschaut – in den Nachrichten, auf der Straße, sogar im Knast: Überall sitzen nur noch Ausländer. Man braucht sich bloß die Namen durchzulesen. Samir, Ahmed, Mustafa – aber kaum noch ein ordentlicher deutscher Name. Und Deutsch sprechen? Fehlanzeige. Die hocken hier seit Jahren, leben von unserem Geld und wissen nicht mal, wie man ‚Guten Tag‘ sagt.“
„Und dann heißt es immer, man könne die nicht einfach abschieben. Warum eigentlich nicht? Kaum einer hat überhaupt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten kommen aus irgendwelchen Ländern, von denen man vor fünf Jahren nicht mal wusste, dass es sie gibt. Und trotzdem: Hier werden sie aufgepäppelt, kriegen Unterkunft, Verpflegung, Handy, Krankenversicherung. Während unsere Rentner Flaschen sammeln. Das ist doch krank. Und wenn man dann mal sagt, was Sache ist, gilt man gleich als Nazi. Ich sag nur: Realität. Schauen Sie sich doch mal die Gefängnisse an – der überwiegende Teil hat keinen deutschen Pass. Zufall? Wohl kaum.Aber wehe, man spricht das aus – dann kommen sie wieder, die Gutmenschen mit dem moralischen Zeigefinger und ihren Teddybären an der Grenze. ‚Das sind traumatisierte Menschen‘, heißt es dann. Ja, ja. Aber erklären Sie mir doch mal, warum die alle jung und kräftig sind? Wo sind denn die Frauen und Kinder? Ich seh nur Männer. Junge Männer mit Markenklamotten und neuen Handys. So sieht kein Flüchtling aus. So sieht jemand aus, der sich vor der Arbeit drückt. Warum verteidigen die nicht ihr Land, anstatt sich hier durchzufressen? Wir mussten früher auch ran, wenn’s ernst wurde. Unsere Großväter sind nicht weggelaufen – die haben ihr Vaterland verteidigt. Aber heute? Kaum knallt’s irgendwo, schon packen sie die Tasche und kommen nach Deutschland. Und wir dürfen das alles zahlen.“
„Und dann heißt es immer, man könne die nicht einfach abschieben. Warum eigentlich nicht? Kaum einer hat überhaupt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten kommen aus irgendwelchen Ländern, von denen man vor fünf Jahren nicht mal wusste, dass es sie gibt. Und trotzdem: Hier werden sie aufgepäppelt, kriegen Unterkunft, Verpflegung, Handy, Krankenversicherung. Während unsere Rentner Flaschen sammeln. Das ist doch krank. Und wenn man dann mal sagt, was Sache ist, gilt man gleich als Nazi. Ich sag nur: Realität. Schauen Sie sich doch mal die Gefängnisse an – der überwiegende Teil hat keinen deutschen Pass. Zufall? Wohl kaum.
Aber wehe, man spricht das aus – dann kommen sie wieder, die Gutmenschen mit dem moralischen Zeigefinger und ihren Teddybären an der Grenze. ‚Das sind traumatisierte Menschen‘, heißt es dann. Ja, ja. Aber erklären Sie mir doch mal, warum die alle jung und kräftig sind? Wo sind denn die Frauen und Kinder? Ich seh nur Männer. Junge Männer mit Markenklamotten und neuen Handys. So sieht kein Flüchtling aus. So sieht jemand aus, der sich vor der Arbeit drückt. Warum verteidigen die nicht ihr Land, anstatt sich hier durchzufressen? Wir mussten früher auch ran, wenn’s ernst wurde. Unsere Großväter sind nicht weggelaufen – die haben ihr Vaterland verteidigt. Aber heute? Kaum knallt’s irgendwo, schon packen sie die Tasche und kommen nach Deutschland. Und wir dürfen das alles zahlen.“
Apropos: Schon mal das Vaterland verteidigt, anyone? Ist nämlich gar nicht so heldenhaft und wildromantisch, wie es sich anhört. Vaterland verteidigen bedeutet Sterben für eine Idee, die du gar nicht kennst, zumindest nicht verstehst. In Syrien, in Nordafrika, da gerätst du in Kampfhandlungen. Immer. Vor dir, neben dir, hinter dir sterben deine Kameraden. Deine Freunde. Der Typ, mit dem du aufgewachsen bist. Der komische Stille, der in der Schule immer in der letzten Reihe saß. Der Laute, der immer so mutig war und immer alle Mädchen bekommen hat. Dein Nachbar, dein Cousin, dein Bruder. Menschen fliegen neben dir in die Luft, weil sie auf eine Mine treten. Werden vor deinen Augen abgeknallt. Wenn es gut läuft, sind sie direkt tot. Meistens aber bist du Zeuge eines aussichts- und würdelosen Todeskampfes. Oft über Stunden.
Vielleicht wirst du verhaftet, kommst in ein Gefangenenlager. Dort wirst du gefoltert, dir werden Gliedmaßen abgeschnitten. Schläge, Strom, Schlafentzug. Vielleicht sperren sie dich wochenlang in eine Holzkiste, vielleicht hängen sie dich tagelang an den Füßen auf – bis du jeden einzelnen Namen ausspuckst, den du seit der Grundschule gehört hast. Zwischendrin wird exekutiert. Männer, mit denen du eine Zeit deines Lebens den Weg geteilt hast, werden abgeführt. Einen Sack über den Kopf – auf den zentralen Sandplatz inmitten dieser Institution des Grauens. Alle anderen Gefangenen müssen antreten und zuschauen. Manch einer wird erschossen, vielen wird der Kopf abgeschlagen. Irgendwann spürst du nach der Exekution ein Gefühl der Erleichterung, weil „der es geschafft hat“. Die Emotionen passen nicht mehr zu dem, was passiert.So viel zur „Verteidigung des Vaterlandes“.
Vielleicht habt ihr nun also als Familie entschieden, dass ihr ein Leben im Krieg, der Verfolgung und der ständigen Todesangst nicht mehr wollt. Vielleicht bist du auch ins Visier geraten, weil du etwas Falsches gemacht oder gesagt hast. Weil du einen Freund versteckt hast, der verfolgt wurde, eine regierungskritische Meinung geäußert oder gar auf Facebook geteilt hast. Und jetzt musst du weg. Einen Schleuser zu finden, ist nicht schwer. Es gibt einige „Anbieter“; die Preise sind relativ einheitlich. Eine Flucht kostet zwischen 5.000 und 20.000 €, je nach Komfort und Route. Bezahlt wird selbstverständlich im Voraus, denn keiner weiß, ob du überlebst. Möglicherweise gerätst du aber auch an einen Betrüger und dein Geld ist weg.
Falls nicht, wirst du zunächst in einem PKW oder einem Kleintransporter aus dem kritischen Gebiet gebracht. Also nicht auf dem Beifahrersitz. In der Regel auch nicht im Kofferraum, das wäre zu auffällig. Meist werden durch Einschweißen von zusätzlichen Wänden oder Wannen am Unterboden Hohlräume geschaffen, in die du dich einige Stunden hineinquetscht und hoffst, dass dich niemand entdeckt und dich sofort an Ort und Stelle erschießt. Wenn alles glatt läuft, erreichst du nach ein paar Stunden eine Küste. Dort wartet ein Mann an einem Schlauchboot. In Deutschland sind diese Boote für circa acht bis zwölf Personen zugelassen. Laut Google befanden sich bei den jüngsten Unglücken vor Griechenland mehrere Hundert Personen in einem Schlauchboot. Es wird vor Ort auch nicht diskutiert. Wenn zu wenig Platz ist, wird Gepäck zurückgelassen. Wenn du dazu nicht bereit bist, weil dein Gepäck lebenswichtige Medikamente oder deine geliebte Katze enthält, die du den ganzen Weg in einem Transportkorb gehütet hast wie deinen Augapfel… dann bleibst du halt mit deiner Katze an der Küste zurück. Ohne Rückfahrticket, ohne Nahrung, ohne geografische Orientierung, ohne Perspektive.
Im Boot sitzt du nun zusammengepfercht in einer verzweifelten Menschenmenge. Jeder Zentimeter ist belegt. Auch auf dem Schlauch des Bootes sitzt ein Kreis von aneinandergedrückten Menschen, die verzweifelt versuchen, mit Händen und Füßen Halt zu finden. Jedem Einzelnen liegen die Nerven blank. Du spürst fremden Atem in deinem Gesicht und fünf verschiedene Körpergerüche penetrieren deine Nase. Es wird Nacht, denn übergesetzt wird stets nur im Schutz der Dunkelheit. Du bist durchnässt und ausgekühlt. Von oben kommt es nass durch die Gischt, die die Wellen über das Boot treibt. Von unten kommt es nass, weil das Boot durch die Überladung viel zu tief im Wasser liegt. Mit jeder Welle sickert ein wenig mehr der feindlichen, salzigen Flüssigkeit durch die dicht gedrängte, auf dem Schlauch verharrenden Menschenwand in das Boot.
Einzelne Dramen durchbrechen die tödliche Monotonie. Mal schläft einer der Passagiere auf dem Schlauch ein und kippt nach hinten über Bord, mal sorgt eine große Welle für ein abruptes, ungelenkes Manöver des Bootes, was vier weitere Menschen in die offene See und somit in den Tod reißt. Gerettet wird nur der, den man im Weiterfahren noch greifen kann. Angehalten oder gar gewendet wird unter gar keinen Umständen. Es ist totenstill. Die gesamte Fahrt über. Das muss so sein. Man möchte nicht die Aufmerksamkeit der Küstenwache auf sich lenken. Mütter wissen das inzwischen und sedieren ihre Kleinkinder mit Benzodiazepinen. Beginnt ein Kind zu schreien, ist das sein sicherer Tod. Dasselbe gilt für eingeschmuggelte Hunde, die zu bellen beginnen. Meist wirft sie der Schleuser einfach ins offene Meer und damit in den qualvollen, aber ebenfalls sicheren Tod. Erschießen wäre zu laut. Wenn du daraufhin zu laut weinst, wirst auch du hinterhergeworfen. Jeder, der „Zivilcourage“ zeigen und sich dazwischen stellen möchte, stirbt ebenfalls. Hier gibt es keine Moral und kein Mitgefühl. Gezahlt ist bereits. Dein Leben ist nichts wert.
Im Morgengrauen erreichst du die Küste. Wahrscheinlich Italien oder Griechenland (je nach Route). Ein Haufen Müll, alter Kleidung und Schwimmwesten zeugt von der Menge an Schicksalen, die hier vor dir an Land gingen. Von hier aus geht es meist auf eigene Faust weiter. Die Schleuser haben ihren Teil erledigt und weisen dir mit dem Kinn die Richtung, in die du gehen sollst. Von Zeltlager zu Zeltlager. Per Anhalter oder zu Fuß. Solltest du noch Bargeld bei dir haben, finden sich immer mal wieder ein paar Schleuser, die dich in einem PKW oder einem Kleintransporter über die nächste Grenze bringen.
Dein Handy ist der wichtigste Gegenstand. Es ist deine Verbindung zu deiner Familie, ein Rest von Zivilisation und Heimat. Die Suche nach einer Lademöglichkeit bekommt einen ähnlichen Stellenwert wie das Beschaffen von Nahrung. Täglich schreibst du der Familie. Lügst, wie reibungslos alles funktioniert, schickst bearbeitete Fotos. Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Österreich und schließlich das gelobte Land: Deutschland. Nach Wochen und Monaten in denselben Klamotten, in ständiger Angst und körperlich völlig leer erreichst du das Ziel. Jetzt ist alles geschafft. Jetzt wird alles gut. Jetzt kommt der Lohn für das Martyrium … Nicht. Du landest in Bamberg in einem ANKER-Zentrum. Wirst registriert und wartest. Du hast ein Zimmer in einer Art Container. Eine Verbesserung zu den nassen Zelten. Du möchtest arbeiten und natürlich Geld verdienen. Du willst dir schließlich eine Existenz aufbauen, eine Wohnung oder ein Haus beziehen, damit du deine Familie aus dem Kriegsgebiet zu dir in Sicherheit holen kannst. Niemand hat dir gesagt, dass das nie passieren wird.
Die Wochen und Monate gehen ins Land. Du teilst ein Zimmer mit zwei Afrikanern und einem Syrer. Man versteht sich nicht besonders gut. Die Afrikaner handeln mit Drogen, es gibt oft Streit, ab und zu wird es auch handgreiflich. Ständig ist die Polizei im Haus. Du trinkst Alkohol, um dich zu betäuben. Bald versuchst du die ersten Drogen, die dir angeboten werden. Kleine blaue Löschpapierschnipsel, die du nur auf deine Zunge legen musst. Für ein paar Stunden wird alles leichter. Du veränderst dich. Schreibst der Familie kaum noch, gerätst in Streit, verkaufst selbst Drogen, um an Geld zu kommen. Mehrfach hat die Polizei schon deine Personalien aufgenommen. Vielleicht gab es auch Anzeigen, du hast keinen Überblick. Es ist auch egal. Das Ganze ist schiefgelaufen.
Vielleicht haben Sie, liebe Leser bereits eine Idee bekommen, was eine Familie veranlasst, den ältesten Sohn und nicht die Mutter oder die jüngste Tochter auf diese Reise zu schicken. Wenn Sie Interesse haben, lassen Sie sich gerne demnächst in einem Teil 2 dieses Artikels illustrieren, was eine Flucht für eine junge Frau bedeutet. Ich bin sicher, den meisten von Ihnen war es bereits vor dem Lesen meines Artikels bewusst, und dennoch ist es mir ein Bedürfnis klarzustellen – eine Flucht bedeutet nicht: Es gefällt mir in meiner eigenen Wohnung nicht mehr, deshalb gehe ich zur Haustüre raus, beim Nachbarn wieder rein und proklamiere: „Ich wohne jetzt hier. Gib mir Essen, Trinken und ein sauberes Bett.“
Flucht bedeutet, sein bisheriges Leben aufzugeben. Sich auf eine traumatische, eine katastrophale Reise zu begeben, die man möglicherweise nicht überlebt und die darüber hinaus den finanziellen Bankrott bedeutet. Für eine ungewisse Zukunft in einem Land, in dem man weder willkommen noch zu Hause ist. Und ja: Auch mich strengen „diese Flüchtlinge“ an. Mit all ihren Verhaltensauffälligkeiten, ihren mitgebrachten, teilweise unberechenbaren Aggressionen, ihrem Frust und ihrer Unzufriedenheit. Aber ich bin reflektiert genug, regelmäßig einen Schritt zurückzutreten und (wem auch immer) für den goldenen Löffel in meinem Mund zu danken, mit dem ich geboren bin. Ich kann wertschätzen, dass ich zu den reichsten paar Prozent der Welt gehöre. In einem sicheren Land. In einer Demokratie, die stark genug ist, nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch all die kruden Meinungen und den Hass der verbitterten, frustrierten Bevölkerung am immer größer werdenden rechten Rand der Gesellschaft zu verkraften. Zu danken, dass ich diejenige bin, die angestrengt ist und nicht diejenige, die sich dafür entschuldigen muss, anstrengend zu sein.
Bildquelle: 🇻🇪 Jose G. Ortega Castro 🇲🇽, Unsplash