„Ärztinnen lassen sich doch eh nicht nieder!“ Das habe ich schon viel zu oft gehört und doch muss ich zugeben: Ich kann es verstehen. Denn dafür gibt es nicht nur einen Grund, sondern gleich drei.
Wenn ich mich mit älteren Kollegen, die jetzt so langsam Richtung Ruhestand gehen, unterhalte, kommt oft die Frage auf, warum sich die heutigen Kolleginnen (denn die Medizin wird ja bekanntermaßen immer weiblicher) nicht in der eigenen Praxis niederlassen wollen. Eigentlich eine Ironie, weil ich selbst ja diesen Weg gegangen bin und mich vor drei Jahren niedergelassen habe. Aber ich weiß noch, wie sehr ich mit mir gerungen habe (und wie ich mich auch heute noch manchmal frage, ob das für alle Beteiligten die richtige Entscheidung war).
Letztlich würde ich die Gründe grob in drei Aspekte einteilen, die überlappen. Jeder einzelne ist keine Katastrophe und durchaus lösbar – aber in der Gesamtheit ergibt sich einfach ein großes Problem. Die drei Bremser, die Frauen meiner Meinung nach von der Niederlassung abhalten, sind
Der am simpelsten zu erklärende Teil ist der finanzielle: Wenn man eine Praxis übernimmt, hat man sofort die Fixkosten (Löhne, Miete, Versicherungen, etc.) und muss neben den Krediten für den Praxiskauf auch noch diese laufenden Kosten stemmen, bevor man selbst Geld bekommt. Redet man mit der KV, kann man auf Abschläge hoffen, damit es nicht ganz so krass wird. Aber aufgrund der Zahlungsweise der KV geht es erst einmal kräftig ins Minus. Das Geld muss ab dem 1.1. fließen, die Endabrechnung des ersten Quartals kommt aber erst Mitte bis Ende Juli. Es gilt also, ein halbes Jahr zu überbrücken, zusätzlich zu den Kosten, die beim Praxiskauf entstanden sind – also die Praxis selbst und oft noch Modernisierungskosten (die bei mir glücklicherweise sehr gering waren).
Dazu muss man noch bei der Steuer aufpassen. Man kann die Steuer zwar für die ersten zwei Jahre nach hinten schieben, aber sie muss natürlich trotzdem gezahlt werden. So kommt noch einmal ein großer Batzen zustande: die Steuer für die ersten beiden Jahre PLUS die Abschlagszahlungen für das dritte. Ich wurde da glücklicherweise mehrfach vorgewarnt, weiß aber von mehreren, die am Rande der Pleite vorbeigeschrammt sind. Ja, auf Dauer lohnt sich die Selbständigkeit finanziell immer noch, aber die ersten zwei bis drei Jahre sind nicht ohne. Und da viele bei der aktuellen finanziellen Lage mit z. B. hohen Lebenshaltungskosten diese hohen Kosten ungern haben möchten, kann ich Zögern verstehen.
Womit wir beim zweiten Bereich wären, bei dem es etwas komplexer wird. Früher war die Struktur bei vielen Hausärzten klar: Er kümmerte sich um die Praxis, die Ehefrau hielt ihm den Rücken frei. Sie versorgte Kinder und Haushalt – und half in vielen Fällen als MFA in der Praxis aus. Problem: Heutzutage sind meistens BEIDE berufstätig – und gerade in der finanziellen Unsicherheit (s. o.) ist das Gehalt des Ehepartners natürlich sehr wichtig. Und ich habe ehrlich gesagt noch nie von einem Unternehmen gehört, das dem Ehepartner entgegengekommen ist, damit die Frau eine Praxis übernehmen kann – eher im Gegenteil. Da kommen blöde Sprüche über „zu wenig arbeiten“ und „das Hausfrauendasein der Männer“. Um die auszuhalten, braucht es schon ein dickes Fell.
Wenn Kinder da sind, wird es erst recht schwierig: Wie oft ich auf meinem Handy von der Schule angerufen wurde, auch wenn die Kinder gesagt haben, dass mein Mann im Homeoffice besser verfügbar ist, kann ich nicht zählen. Wenn was beim Kind ist, wird die Mutter angerufen, Punkt (und ja, das ist auch emotional anstrengend, aber dazu gleich mehr). Da stellt sich die Frage: Wer erledigt Care- und Hausarbeit, wenn der Ehemann arbeitet, damit das Geld da ist, und die Ehefrau als Neu-Praxisinhaberin erstmal 60- bis 80-Stunden-Wochen hat? Das Geld für eine Reinigungskraft will auch aufgebracht werden und beide Partner sind nach der Arbeit platt und brauchen dann noch Zeit für die Kinder.
Die meisten Frauen aus meiner Bekanntschaft, die Praxen übernommen haben, haben entweder ältere Kinder (das war auch bei mir der Fall) oder Eltern bzw. Schwiegereltern in der Umgebung (die aber ja inzwischen AUCH alle berufstätig sind). Zusätzlich streichen die Grundschulen beim Lehrermangel zunehmend die Segel. Wenn die Kinder um 16:30 Uhr die Betreuung verlassen (und die Praxis bis 19 Uhr versorgt sein muss, bis der KV-Dienst beginnt) soll bitte noch mit ihnen gelesen oder das 1x1 geübt werden. Denn dafür ist ja keine (Lehrkraft-)Zeit mehr da. Und spätestens bei Krankheit oder dem immer häufigeren „Betreuungsnotstand in der Kita“ muss das Kind ja auch betreut sein.
Und damit sind wir beim meiner Meinung nach meistens entscheidenden Punkt: der emotionalen Belastung. Wenn das Kind emotionale Probleme hat, wird in unserer Gesellschaft primär die Mutter verantwortlich gemacht. Missbilligende Blicke von anderen, schwierige Nachfragen wie „Da fühlt sich dein Kind bestimmt einsam, oder?“ oder das simple „ICH könnte das ja nicht, ich will für mein Kind da sein!“ heizen das eh schon schlechte Gewissen noch weiter an.
Die Tatsache, dass man gleichzeitig möglicherweise finanzielle (Akut-)Sorgen hat, mit Personalführung und -planung beschäftigt ist, die man dringend braucht, aber nie offiziell gelernt hat, und auch noch mit diversen technischen Problemen kämpfen muss (Stichwort Telematik), macht es nicht einfacher. Viele Frauen haben immer noch Angst vor Technik und müssen als Praxisinhaberin dann plötzlich den Unterschied zwischen SMCB (Praxisausweis), SMCKT (Terminal-Ausweis), und eHBA mit verschiedenen PIN, PUK und den tausend anderen Problemen kennen.
Und als finales Problem: In unserer Gesellschaft sind viele Frauen so erzogen worden, alles 100%ig zu machen. Sie wollen genauso gute Mütter sein wie gute Arbeitgeberinnen, ihre Patienten optimal versorgen – und stellen fest, dass das alles so nicht möglich ist. Viele schlussfolgern daraus, dass sie es dann besser nicht versuchen, sondern die andere (gesellschaftlich ja durchaus akzeptierte und eher geförderte) Rolle der Mutter und Teilzeit-Ärztin in Anstellung einnehmen sollten. Denn es gibt dafür ja aktuell noch genug Stellen. Wird das so bleiben, wenn der demographische Wandel weiter voranschreitet? Das weiß ich nicht – aber aktuell sind die Alternativen so gut, dass sich kaum eine(r) dem Druck aussetzt, wenn es nicht absolut notwendig ist.
Schlussendlich muss ich das auch für mich so sagen: Ich weiß nicht, ob ich eine Praxis übernommen hätte, wenn es zu dem Zeitpunkt eine Alternative gegeben hätte. Aber es gab einfach niemanden, der die Praxis hätte übernehmen und mich weiter anstellen können. Also hab ich mir einen Ruck gegeben und die Praxis übernommen. Aber nein, ich sehe das nicht so euphorisch wie die Leute, die dann in dem KV-Blättchen Werbung machen und sagen, sie hätten es nie bereut. Aktuell bereue ich die Übernahme zwar auch nicht und glaube, dass ich es alles in allem gut geschafft habe. Doch die letzten drei Jahre waren mehr als anstrengend für mich; aber vor allem auch oft für meine Familie. Und ja, das hat wehgetan. Wie ich so noch über 20 Jahre schaffen soll und will, weiß ich nicht so recht, aber das ist eine andere Geschichte.
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