Eine Panikstörung ist ein Teufelskreis: Mit den Panikattacken kommt die lähmende Angst vor der Angst. Patienten bauen sich so ihr eigenes Gefängnis – eine Therapie erscheint unmöglich. Wie sie trotzdem gelingen kann.
Frau Loth sitzt zum fünften Mal innerhalb einer Woche bei uns im Wartezimmer. Sie zittert am ganzen Körper, hat ihre Jacke anbehalten, die Tür fest im Blick und umklammert krampfhaft ihre Beine. Noch bevor sie sprechen kann, wirkt ihr ganzer Körper, als wäre er auf Flucht programmiert. Frau Loth ist 34 Jahre alt. Früher lebte sie in der Großstadt Köln und arbeitete als Buchhalterin. Zwischen Domtrubel, U-Bahn und After-Work-Treffen fühlte sie sich absolut wohl. Heute jedoch ist das alles ganz anders: Ihr Leben spielt sich fast nur noch in ihrer Zweizimmerwohnung ab. Die erste Panikattacke kam vor ungefähr einem Jahr in einer überfüllten U-Bahn: plötzliches Herzrasen, das Gefühl zu ersticken und der unausweichliche Gedanke „Ich sterbe jetzt“. Der Notarzt fand nichts – EKG, Blutwerte und die körperliche Untersuchung waren absolut unauffällig. Was blieb, war die Erfahrung, knapp einer Katastrophe entgangen zu sein.
In den Wochen danach mied Frau Loth zunächst die U-Bahn, dann Busse, und später sogar Supermärkte und Besuche bei den Freundinnen. Immer wieder traten Panikattacken auf, häufig „wie aus heiterem Himmel“, manchmal schon allein bei der Vorstellung, das Haus verlassen zu müssen. Ihr Alltag ist seitdem von Sicherheitsstrategien durchzogen; ihr Partner dient als beschützende Begleitperson für den Gang zum Arzt. Die Beziehung leidet, weil jede spontane Aktivität – vom Wochenendtrip bis zur Familienfeier – an der Angst scheitert. Scham und Selbstvorwürfe verstärken den Rückzug dann noch mehr und depressive Symptome kommen hinzu.
Nach der sorgfältigen diagnostischen Abklärung (körperliche Untersuchung, Labor, EKG und strukturierte Angst-Anamnese) wird zur Behandlung einer Panikstörung vorrangig die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit Exposition in vivo empfohlen. Zusätzlich kann eine Pharmakotherapie mit Antidepressiva (SSRI und SNRI) erfolgen. In der Realität sieht die Behandlung jedoch häufig ganz anders aus: Viele Patienten landen wiederholt in der Notaufnahme oder beim Kardiologen, während die eigentliche Angsterkrankung oft unerkannt bleibt. Selbst wenn die Diagnose gestellt ist, verhindern die begleitende Agoraphobie nicht selten die regelmäßige Teilnahme an den Psychotherapiesitzungen.
Was Frau Loth hilft, ist ein Praxiskontakt, bei dem die Patientin nicht ausgrenzt sondern ernstgenommen wird. So ist ein langsamer Einstieg in die Behandlung möglich. Zunächst erhält sie kurze Sitzungen mit KVT, in denen sie lernt, ihre körperlichen Symptome mehr und mehr zu tolerieren, Katastrophengedanken zu hinterfragen und Schritt für Schritt Expositionen zu planen – zuerst vor die Haustür, dann um den Block, später mit kurzer Busfahrt, immer begleitet von ihrer Psychotherapeutin. Parallel dazu erhält sie Sertralin, um die hohe Angstsensitivität zu senken und die Expositionen überhaupt erst möglich machen zu können. Rückschläge bleiben nicht aus: Abgebrochene Expositionen und Tage, an denen sie das Bett kaum verlassen kann vor lauter Angst. Doch über viele Monate gewinnt Frau Loth langsam aber sicher einzelne Lebensbereiche wieder zurück – bis hin zu einem vorsichtigen ersten Restaurantbesuch mit ihrem Freund.
Auch wenn nicht jeder Patient das „alte Leben“ vollständig zurückerlangen kann: Studiendaten zeigen, dass strukturierte verhaltenstherapeutische Programme mit Exposition, insbesondere wenn sie in die hausärztliche und fachärztliche Versorgung integriert werden, die Angst signifikant und nachhaltig reduzieren können. Der Weg raus aus einem Leben, das nur noch aus Angst besteht, ist steinig und lang – aber er beginnt fast immer mit einem ersten gemeinsamen Schritt, genau in die Richtung, in der die Angst am lautesten schreit.
Bildquelle: Midjourney