Chronische Darmentzündungen betreffen zunehmend auch Kinder und Jugendliche. Ihrer Behandlung widmet die neue S3-Leitlinie jetzt ein eigenes Kapitel.
Blutiger Stuhl, höllische Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit – Menschen mit Colitis ulcerosa sind leidgeprüft. Bei etwa jedem dritten werden neben dem Dickdarm auch noch Gelenke, Haut, Leber, Augen, Knochen, Blut oder Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen. Die soeben unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten komplett überarbeitete S3-Leitlinie „Colitis ulcerosa“ verrät, wie den Patienten geholfen werden kann. Die Autoren betonen, wie sehr es bei der Behandlung auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit ankommt, und dass dabei die Hausärzte eine besonders wichtige Rolle spielen.
Neu in die Leitlinie aufgenommen wurde ein Kapitel zur Kinder- und Jugendmedizin. Aktuell ist das Thema auch deshalb, weil die Häufigkeit der Erkrankung bei jungen Menschen weltweit zunimmt. Nach den neuesten Zahlen liegt die jährliche Inzidenz in Deutschland bei den Jüngeren bei knapp 20 von 100.000. Offenbar verläuft die Krankheit bei Kindern und Jugendlichen etwas anders als bei Erwachsenen, was darauf hindeutet, „dass die jeweiligen Beiträge der Genetik, des Wirtsimmunsystems und der Umwelt […] je nach Alter unterschiedlich sind“, so die Autoren.
An eine Colitis ulcerosa sollten Ärzte denken, wenn junge Patienten über blutigen Durchfall klagen, der seit mehr als vier Wochen anhält oder innerhalb eines halben Jahres zweimal auftrat und wenn Infektionen oder Allergien ausgeschlossen werden können. Anders als bei Erwachsenen ist bei den meisten Kindern und Jugendlichen der ganze Dickdarm betroffen.
Auch wenn das Therapieziel, zügig die Symptome zu lindern und eine Remission zu erreichen, über alle Altersgruppen hinweg dasselbe ist, unterscheidet sich die konkrete Therapie „in Hinblick auf die Dosierung, die Applikationsmöglichkeiten, die Zulassungslage, Therapieintensität und altersspezifische Nebenwirkungen der Medikamente“. Dreh- und Angelpunkt der medikamentösen Therapie ist auch bei Kindern und Jugendlichen der Immunmodulator Mesalazin, dank dem bei leichter und mittelschwerer Colitis ulcerosa fast jeder zweite beschwerdefrei werden kann. Bei schwereren Verläufen sollte das oral gegebene Mittel mit Mesalazin-Schäumen und -Einläufen ergänzt werden.
Wird Mesalazin nicht vertragen, sollte man damit zunächst pausieren und es dann noch einmal versuchen. Bleibt die Intoleranz bestehen, kann man auf orale Steroide ausweichen. Klappt es auch damit nicht, helfen oft intravenös gegebene Steroide. Eine Dauerlösung sind Steroide allerdings nicht, weil es bei Jüngeren häufiger Komplikationen gibt als bei Erwachsenen.
Weitere mögliche Mittel sind TNF-Antikörper und Purinanaloga, sowie Off-Label auch Methotrexat und orales Tacrolimus. Von Thalidomid rät die Leitlinie ab, zumindest in der Routineversorgung. Als letzter Ausweg, wenn alle Therapien versagen und die Kinder im Wachstum zurückbleiben, kommt auch bei ihnen eine Entfernung des Dickdarms in Betracht. Dabei wird der Dünndarm über einen J-Pouch mit dem Anus verbunden.
Bevor man jedoch bei ausbleibendem Erfolg die Strategie ändert, soll man auch an andere Ursachen als ein Versagen der Therapie denken, wie mangelnde Therapietreue, Reizdarmsyndrom, Zöliakie, medikamentenbedingte Nebenwirkungen und Infektionen. Eine Möglichkeit ist Kindern allerdings verwehrt: Aktives Rauchen scheint der chronischen Darmentzündung gut zu tun, wobei Ex-Raucher ein 70 % höheres Risiko für eine Colitis ulcerosa haben als Nie-Raucher.
Die Leitlinie haben wir euch hier und im Text verlinkt.
Bildquelle: Hans, Unsplash