Unter Trump und Kennedy ist das Gesundheitsministerium der USA zunehmend ablehnend gegenüber Vakzinen geworden. Jetzt werden die Impfungen für Kinder eingekürzt. Wie viel Medizin darf Politik?
Die Regierung des US-Präsidenten Donald Trump hat einen neuen Kampfschauplatz aufgemacht – doch dieses Mal ist der Gegner nicht Venezuela oder Grönland. Stattdessen ist das Ziel der Offensive die Zahl der Impfungen, die für Kinder in den USA empfohlen werden. Denn laut CDC zeigten 7 der bislang 18 für Kinder empfohlenen Impfungen keinen eindeutigen Nutzen im Vergleich zu ihrem Risiko oder wurden nicht ausreichend in placebokontrollierten Studien getestet.
Es bestünde ein „Bedarf nach mehr und besserer Forschung“, so das CDC in seiner 33-seitigen Beurteilung der fraglichen Impfstoffe. Betroffen davon sind u. a. Impfstoffe gegen Hepatitis A und B, Meningokokken, Influenza und das Rotavirus. Neben dem angeblich fehlenden Nutzen der genannten Impfungen begründet die Trump-Regierung die Entscheidung zudem damit, dass andere westliche Länder wie Dänemark ebenfalls gegen deutlich weniger Krankheiten impfen.
Die entsprechenden Impfstoffe fallen deshalb jetzt in die Kategorie „Shared clinical decision making“. Diese ist eigentlich für Impfungen gedacht, bei denen eine genaue und individuelle Nutzen-Risiko-Bewertung stattfinden muss – beispielsweise die HPV-Impfung von Erwachsenen. Das bedeutet, dass diese Impfungen zwar noch von der Versicherung übernommen werden, allerdings Eltern diese gezielt einfordern müssen.
Die Entscheidung trifft auf vehemente Kritik aus Wissenschaft und Medizin in den USA – insbesondere dem US-Berufsverband der Kinderärzte (AAP). Laut Jake Scott, Infektiologe der Stanford University School of Medicine, und Marion Gruber, ehemalige Leiterin der für Impfungen zuständigen Abteilung der Food and Drug Administration (FDA), seien die fraglichen Impfungen rigoros getestet worden und ihr Nutzen überwiege klar ein potenzielles Risiko.
Weitere Stimmen kritisieren, dass placebokontrollierte Studien nicht zwingend nötig seien, da bspw. Vergleichsstudien mit vorherigen Impfungen stattgefunden haben. Insbesondere im Fall schwerer Verläufe von Influenza bei Kindern seien darüber hinaus placebokontrollierte Studien nicht möglich. Da schwere Verläufe von Influenza bei Kindern sehr selten seien, wären Studien mit massiven Probandenzahlen und Kosten nötig. Eine unnütze Investition, denn die CDC stellte selbst in einem Report von 2025 fest, dass während der Influenza-Saison 2024–2025 hauptsächlich nicht ausreichend geimpfte Kinder an Influenza verstarben.
Auch die Begründung, andere westliche Länder würden im Vergleich zu den USA weniger impfen, stellt sich als eine verwaschene Momentaufnahme heraus. Das als Beispiel angeführte Dänemark empfiehlt derzeit zwar nur Impfungen gegen 10 Erkrankungen bei Kindern – allerdings wird dort auch erwogen, eine zusätzliche Empfehlung zur Impfung gegen Windpocken auszusprechen. Der internationale Trend tendiert eher zu rigorosen und umfangreichen Impfungen. Zudem sei es müßig, die Impfanforderungen von Dänemark und den USA zu vergleichen – schließlich beträgt die Population der USA mehr als das 55-Fache von Dänemark und Dänemark hat, anders als die USA, ein funktionierendes universelles Gesundheitssystem. Scott schließt zu diesem Thema: „Wenn sich die Regierung und Kinderärzte nicht einig seien, würde ich den Kinderärzten vertrauen.“
Und Stimmen aus Deutschland? Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, ist besorgt über den zunehmenden Einfluss politischer Entscheidungen in medizinische Empfehlungen. „Jede Streichung von empfohlenen Impfungen gefährdet die Gesundheit von Kindern sowie die öffentliche Gesundheit insgesamt“, so Hubmann. Zudem mahnt er, Infektionen global zu sehen. Da Landesgrenzen nicht für Infektionskrankheiten gelten, könnten sinkende Impfquoten in den USA schnell andere Regionen betreffen – auch Deutschland und Europa.
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