INTERVIEW | Für ihre Diagnose haben Pathologen oft nur einen Versuch: „Fehler, Zeitdruck oder Unterfinanzierung lassen sich hier nicht korrigieren“, mahnt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pathologie. Was das für die Versorgung bedeutet.
Prof. Christoph Röcken. Foto: Deutsche Gesellschaft für PathologieFortschritt in der Krebsmedizin bedeutet für die Pathologie vor allem eines: stark steigender Aufwand pro Fall. Prof. Christoph Röcken erklärt im Interview, warum die Institute zunehmend an ihre Belastungsgrenze geraten – und was nötig wäre, um Qualität und Versorgung langfristig zu sichern. Er ist Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie.
DocCheck: Herr Prof. Röcken, die Pathologie ist ein zentrales Fach der Medizin. Wie hat sich die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren verändert – hinsichtlich der Komplexität der Diagnostik, aber auch hinsichtlich der Fallzahlen?
Röcken: Fortschritte in der Medizin und der Qualitätssicherung haben die Arbeitsbelastung in der Pathologie in den vergangenen Jahren massiv erhöht. Der Fortschritt manifestiert sich in der zunehmenden Zahl unterscheidbarer Krankheiten und Tumorentitäten, die eine immer aufwändigere Stufendiagnostik erfordern. Gleichzeitig schreiben onkologische Leitlinien zunehmend detaillierte Standards für Gewebeaufarbeitung und Diagnostik vor. Hinzu kommen eine Vielzahl neuer Medikamente und eine wachsende Zahl zielgerichteter Therapien, die eine vorgeschaltete, gewebebasierte prädiktive Diagnostik zwingend voraussetzen. Diese basiert häufig auf komplexen molekularpathologischen Untersuchungen sowie immunhistochemischen Färbeverfahren, die eine hochspezialisierte und zeitaufwendige Auswertung erfordern.
Parallel dazu ist die Zahl interdisziplinärer Tumorkonferenzen deutlich gestiegen. Die Pathologie ist als Querschnittsfach zur Teilnahme verpflichtet. In Deutschland existieren inzwischen über 2.000 zertifizierte Organkrebszentren und onkologische Zentren mit regelmäßigen Tumorboards und umfangreichen Audits. Dies bedeutet zahlreiche wöchentliche Konferenzen und jährliche Audits.
Insgesamt ist nicht die Fallzahl der entscheidende Treiber, sondern der stetig wachsende Arbeitsaufwand pro Einzelfall – bei unveränderten strukturellen Rahmenbedingungen. Parallel dazu hat es in der Pathologie umfassende Aktivitäten zur Sicherung der Qualität gegeben. Dies beinhaltet nicht nur die Zertifizierung der oben genannten Organkrebszentren und onkologischen Zentren, sondern auch die aus der Pathologie heraus aufgebauten Qualitätssicherungsmaßnahmen (Stichworte: Akkreditierung, Ringversuche, Benchmarking, Qualitätszirkel).
DocCheck: Welche fachlichen, organisatorischen und strukturellen Faktoren treiben die steigende Arbeitsbelastung in der Pathologie? Und wie wirken sich die wachsenden Anforderungen an Qualitätssicherung, Dokumentation und Zertifizierung konkret auf den Arbeitsdruck in den Instituten aus?
Röcken: Alle genannten Faktoren führen zu einer erheblichen Verdichtung der Arbeit, der gleichzeitig ein zunehmender wirtschaftlicher Druck gegenübersteht. Die medizinisch sinnvollen Anforderungen an Qualitätssicherung, Dokumentation und Zertifizierung/Akkreditierung werden im bestehenden Vergütungssystem nicht adäquat abgebildet. Der entstehende Mehraufwand ist in der Regel nicht erlöswirksam und wird in kaufmännischen Bewertungen häufig ausgeblendet. Die Pathologie wird dabei primär als Kostenfaktor und nicht als zentrale Voraussetzung moderner Therapieentscheidungen wahrgenommen. Es entsteht ein struktureller Leistungsdruck, der die Pathologien an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt und die langfristige Aufrechterhaltung der diagnostischen Qualität gefährdet.
DocCheck: Welche Rolle spielt der Fachkräftemangel in der Pathologie? Denken Sie, dass die steigenden Anforderungen langfristig die Attraktivität des Fachs oder die Nachwuchsgewinnung beeinträchtigen könnten?
Röcken: Der demographische Wandel betrifft alle medizinischen Fächer, die Pathologie jedoch in besonderer Weise, da die fachlichen Anforderungen kontinuierlich steigen. Der Mangel betrifft sowohl ärztliches Personal als auch qualifizierte technische Mitarbeitende. Gleichzeitig verlängern sich Einarbeitungs- und Weiterbildungszeiten durch die zunehmende diagnostische Komplexität.
Zwar ist die Pathologie grundsätzlich ein attraktives Fach, doch ohne strukturelle Entlastung und verlässliche Perspektiven droht eine spürbare Beeinträchtigung der Nachwuchsgewinnung. Dies kann Auswirkungen auf die Sicherstellung der Gesundheitsfürsorge z. B. bei der Diagnostik seltener Erkrankungen haben.
DocCheck: Welche strukturellen Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um die Pathologie nachhaltig zu entlasten, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen?
Röcken: Gewebeproben sind – anders als viele andere diagnostische Materialien – in der Regel nicht reproduzierbar und werden oft nur einmal gewonnen. Fehler, Zeitdruck oder Unterfinanzierung lassen sich hier nicht korrigieren. Vor diesem Hintergrund muss die Pathologie von rein ökonomisch motivierten Effizienzmaßnahmen ausgenommen werden, die die diagnostische Qualität gefährden. Notwendig ist eine konsequente Berücksichtigung des Aufwands für Qualitätssicherung sowie eine angemessene Vergütung moderner diagnostischer Verfahren in den stationären Regelleistungen.
DocCheck: Können Digitalisierung und KI-gestützte Diagnostik zur Entlastung beitragen? Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell noch die größten praktischen oder regulatorischen Hürden?
Röcken: Digitalisierung und KI werden die Pathologie nicht automatisch entlasten. Neue diagnostische Verfahren waren in der Pathologie stets Add-ons und haben bestehende Aufgaben ergänzt, nicht ersetzt.
Auch KI-Anwendungen erhöhen zunächst den Prüf‑, Validierungs‑ und Dokumentationsaufwand. Zentral bleibt die Frage der Verantwortung bei fehlerhaften Ergebnissen der KI. Auch künftig wird es daher gut ausgebildete Pathologinnen und Pathologen benötigen, die KI-Ergebnisse kritisch bewerten, ggf. korrigieren und die finale diagnostische Verantwortung tragen. Digitalisierung kann unterstützen, sie ersetzt jedoch nicht ärztliche Expertise und Verantwortung.
DocCheck: Herr Prof. Röcken, vielen Dank für Ihre Einschätzung!
Bildquelle: Getty Images, Unsplash