Der Mythos, Frauen seien kälteempfindlicher als Männer, hält sich hartnäckig. Doch Studien zeigen: Wer schneller friert, hat wenig mit dem Geschlecht zu tun. Ein Streifzug durch die Literatur.
Das Büro ist gut geheizt, der Kollege krempelt die Ärmel hoch – während am Nachbarschreibtisch die Kollegin noch Schal und Strickjacke trägt. Ein Klassiker, der zur heiß diskutierten Frage führt: Frieren Frauen wirklich schneller als Männer? Die bislang am besten wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis lautet: In Befragungen äußern Frauen häufiger Unzufriedenheit mit dem Raumklima als Männer, vor allem, wenn es eher kühl ist. Das zeigt eine umfassende Literaturübersicht mit Metaanalyse. Auch neuere Feldstudien bestätigen dies. In großen Datensätzen aus Bürogebäuden kritisieren Frauen ebenso häufiger subjektiv zu kalte als zu warme Büros. Diese Studien belegen die Kritik an der Temperatur.
Die Autoren einer Analyse von US-Bürodaten argumentieren, dass gängige Temperatur-Setpoints und Kühlstrategien Bedingungen erzeugen, die für einen Teil der Belegschaft – insbesondere für Frauen – weniger komfortabel sind. Doch Erhebungen aus unterschiedlichen Klimazonen und Gebäudetypen zeigen, wie komplex das Thema ist. Die Komforttemperaturen von Frauen und Männern liegen statistisch nämlich oft nah beieinander, trotz subjektiver Unterschiede beim Temperaturempfinden. Ein ähnliches Muster fanden Wissenschaftler unter kontrollierten Laborbedingungen: Bei kühleren Temperaturen gaben Frauen oft früher oder stärker als Männer thermisches Unbehagen zu Protokoll, selbst wenn sich die Parameter nicht stark unterschieden.
Doch was steckt dahinter? Wie schnell ein Körper Wärme verliert, hängt maßgeblich davon ab, wie viel Oberfläche im Verhältnis zur Masse Wärme abgibt – und wie rasch besonders exponierte Körperregionen auskühlen. Eine Übersichtsarbeit kommt zum Ergebnis, dass unsere Extremitäten typischerweise sehr rasch durch eine vasokonstriktive Reaktion abkühlen. Genau diese lokale Abkühlung prägt das subjektive Kälteempfinden oft schon in einem frühen Stadium. In einigen Untersuchungen zeigen Frauen schnellere Abkühlraten an Fingerspitzen und Zehen. Entscheidend ist dabei jedoch weniger das Geschlecht an sich als vielmehr die Körpergeometrie: anthropometrische Variablen wie das Volumen von Händen und Füßen spielen die entscheidende Rolle. Anders gesagt: Nicht das Geschlecht, sondern eher die Körpermaße erklären einen großen Teil der beobachteten Unterschiede.
Neben dem reinen Wärmeverlust ist eine weitere Frage entscheidend: Ab welchem Punkt muss der Körper aktiv zusätzliche Wärme produzieren, um seine Temperatur zu halten? Eine kontrollierte Studie zur Kälteexposition zeigt, dass Frauen im Durchschnitt früher zu Zittern beginnen als Männer. Sie erreichen eher die Schwelle, an der die Wärmebilanz ohne sogenanntes Shivering nicht mehr stabil bleibt. Eine weitere Arbeit belegt jedoch, dass die untere kritische Temperatur bei Frauen sogar leicht niedriger als bei Männern liegt. Die beobachteten Unterschiede in der Kohorte ließen sich eher durch Isolationsfaktoren wie den Körperfettanteil erklären als durch subjektives Kälteempfinden oder andere messbare Begleitparameter. Entsprechend fanden die Autoren in dieser Studie keine geschlechtsbasierten Unterschiede nach der Korrektur solcher Parameter.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Thermoregulation zyklisch moduliert wird. Ein Review zum Menstruationszyklus zeigt konsistent höhere Kernkörpertemperaturen in der Lutealphase (typischerweise etwa 0,3–0,7 °C), wenn Progesteron hoch ist. Die Autoren spekulieren, dass sich deshalb die thermoregulatorischen Schwellen womöglich verschieben.
Ob Frauen tatsächlich schneller frieren als Männer, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Zwar zeigen Befragungen und Feldstudien recht konsistent, dass Frauen kühlere Raumtemperaturen – insbesondere in Büros – häufiger als unangenehm empfinden. Diese subjektive Unzufriedenheit steht jedoch oft im Kontrast zu Messdaten, nach denen sich die objektiven Komforttemperaturen von Frauen und Männern nur gering unterscheiden oder sogar nahezu identisch sind.
Unterschiede in Körperbau, Wärmeproduktion, Durchblutung der Extremitäten, hormonellen Einflüssen sowie auf „männliche Normwerte“ ausgelegte Gebäudestandards greifen ineinander. Hinzu kommt: Weder „Frauen“ noch „Männer“ sind homogene Gruppen; individuelle Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind groß und oft bedeutsamer als Mittelwerte aus großen Kohorten. Ob jemand friert, hängt weniger vom Geschlecht allein ab als von Körperbau, Wärmeproduktion, Kleidung, Umgebung und persönlichen Empfindlichkeiten.
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Bildquelle: Midjourney