Der Oberarm der Frau vor mir ist von einer Kugel zerfetzt, ihr Hemd blutgetränkt. Ich beginne mit der Versorgung und fange an, zu schwitzen. Der Stress ist echt – doch die Patientin nicht.
Das Kreischen in den Ohren, der metallische Geschmack von Angst auf der Zunge. Pulverdampf scheint in der Luft zu schweben und meine Fantasie lässt ihn an den Lungenbläschen kleben wie nassen Mörtel. Obwohl ich in der Realität auf einem sauberen Boden stehe, spüre ich unter den Stiefeln förmlich Splitter knirschen, im virtuellen Licht blitzen Stahlfragmente. Ein Soldat liegt vor mir am Boden – eine Sprengfalle. Blut pulsiert mit jedem seiner Herzschläge aus der Wunde. Ringsum das Echo von Rufen, dumpfe Schläge. Der Wind jagt Staub und Schreie gleichermaßen durch das zerstörte Gelände.
Die Immersion ist so dicht, dass mein Gehirn die fehlenden Sinneseindrücke unbewusst ergänzt: Meine Hände suchen nach Verbandmaterial, greifen ins Leere, tasten an die Fächer der Notfalltasche – jede Sekunde wiegt schwer wie ein Amboss.
Virtuelle Rettung. Bildquelle: Rettungsdienst Realtalk
Der erste CRM-Grundsatz fällt mir ein: „Kenne deine Arbeitsumgebung“. Ich habe mir das Material zu Beginn der Session nicht gründlich genug angesehen – und schon setzt mich das so unter Stress, als sei ich wieder ein blutiger Anfänger. Je mehr Zeit verrinnt, desto nervöser werde ich. Der Blick fällt auf das pulsierende Blut, die graue Haut, den glasigen Blick. xABCDE – ein Tourniquet muss her. Aber zuerst streife ich mir die Latexhandschuhe über, dann lege ich dem Mann das Tourniquet an, bis das Pulsieren versiegt. Er muss aber auch aus der Hot Zone. Gut, dass ich einen Helfer habe, der die Trage mit mir wegschafft. Die Explosionen rücken näher, ich spüre jede Unebenheit durch das Gewicht auf meinen Schultern. In meinem Geist riecht es nach Angst und verbranntem Fleisch, nach Adrenalin und Asphalt. Ich stoppe das Simulationsszenario. Doch mein Puls fühlt sich an, als hätte ich tatsächlich gerade ein Leben gerettet.
Dann ein neues Szenario. Diesmal bin ich Notfallsanitäter im Rettungsdienst. Der Einsatz: ein Herzinfarkt. Was soll passieren, denke ich, schließlich habe ich im echten Rettungsdienst schon genug Herzinfarkte behandelt. Am Monitor: eine Bradykardie. Und wieder das CRM-Problem – ich suche nach Zugangsmaterial, greife ins Leere. Wo ist der ganze Kram nur? Die Sekunden dehnen sich, jeder Griff wird zur Suche, jede Entscheidung zum Spießrutenlauf. Ich reiße alle Schubladen auf, irgendwann finde ich, was ich brauche. Zugang rein, Medikamente aufgezogen und über den Controller mikrolitergenau appliziert. Dann Kammerflimmern. Gut, dass ich kurz zuvor an die Defibrillationselektroden gedacht habe. Hochladen und das Kommando an meine Kollegin, den Patienten nicht zu berühren.
Eindrücke aus der Simulation. Bildquelle: Rettungsdienst Realtalk
Die Grenzen verschwimmen, der Rettungswagen wird zur Bühne echten Rettungsdienst-Lebens mit dem Gefühl, alles steht auf dem Spiel. Ich begreife: So fühlt sich Lernen an, wenn es zählt.
Im nächsten Szenario tauche ich als Betriebssanitäter in eine neue Hölle ab: Ein bereits geflüchteter Amokschütze in einem Bürogebäude. Ich muss mir vorstellen, wie Schüsse in den Fluren hallen, sich Blutlachen auf dem polierten Boden bilden. Ich gehe neben einer Frau auf die Knie, deren Oberarm von einer Kugel zerfetzt worden ist. Ihr Hemd verfärbt sich rot, psychogene Mydriasis. Kompressen, Tourniquets – jede Bewegung zählt. Nun muss ich triagieren und entscheiden: Wer braucht sofortige Hilfe, wer kann warten, bei wem ist es zu spät? Im Kopf ein Chor aus Stimmen, Listen, Farben, Lagemeldung. Die Minuten dehnen sich, jede Entscheidung brennt sich ein. Kräfte müssen nachgefordert werden. Auch hier ist alles digital, doch die Anspannung ist echt.
Was wie ein neuer Ego-Shooter klingt, ist in Wahrheit das, was moderne Simulationstechnologie heute möglich macht. In der mir zur Verfügung stehenden Simulationsumgebung von SimX war ich nicht bloß Zuschauer, sondern mitten im Geschehen. Alles an diesen Szenarien – der pochende Zeitdruck, das schmerzhafte Gefühl der Überforderung – war erschreckend real. Schon in den ersten Szenarien geriet ich in Stress, weil ich nicht wusste, wo mein Material verstaut war. Diese simple, aber folgenreiche Unsicherheit hätte im echten Einsatz Patienten in massive Gefahr gebracht.
Genau hier liegt die Kraft des Simulationstrainings: Es macht Unsichtbares sichtbar, Unerwartetes konkret. Es reißt die Komfortzone ein und zwingt dazu, sich im Nebel des Notfalls zurechtzufinden. Theorie reicht nicht – erst das Handeln unter Zeitdruck, die Konfrontation mit Fehlern, das Erleben von Unsicherheit und Chaos machen den Unterschied. Simulation bringt die Theorie ins Fleisch, in die Hand und direkt ins Herz. Jeder simulierte Fehler ist ein vermiedenes Desaster im echten Leben.
Sichtungsszenarien zum Beispiel: Wer sie nur am Reißbrett trainiert, kennt nie die Grauzonen – nie das Flackern im Blick der Verletzten, nie den Druck der Verantwortung auf den Schultern. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Patienten im Manual rot anstreiche oder ob ich tatsächlich neben einem Schwerverletzten knie, sein Blut auf meinen Handschuhen, sein Stöhnen im Ohr. Simulation erlaubt es, diesen Unterschied zu spüren – und daraus echtes Können zu entwickeln.
SimX präsentiert sich als das VR-Simulationssystem für die medizinische Ausbildung. Die Plattform bietet Patienten jeden Alters, Schwangere sowie alle erdenklichen Werkzeuge zur Durchführung medizinischer Maßnahmen. Im SimX‑Marketplace findet sich eine sehr umfangreiche Bibliothek virtueller Szenarien – von Pädiatrie über Kardiologie, Psychiatrie bis Notfallmedizin – mit etlichen vorgefertigten Fällen, filterbar nach Lernzielen, Fachgebieten oder Autoren. Ob nun Szenarien in einer Notaufnahme, im Krankenzimmer, im Rettungsdienst, als Ersthelfer, Hausarzt oder sogar im militärischen Bereich (z. B. Anschlagsszenarien) trainiert werden sollen: SimX bietet all diese Optionen in unzähligen Szenarien für einen hohen Theorie-Praxis-Transfer.
Besonders eindrucksvoll: Die Multiplayer‑Funktion erlaubt es, interprofessionelle Teams in Echtzeit zusammenzubringen – kollaborativ vor Ort oder über Distanz. Mehrere Lernende können simultan auf denselben Patienten treffen, gemeinsam agieren, ihre Kommunikation und Handlungsfähigkeit im Team trainieren. Bewertungs- und Reporting‑Tools markieren kritische Handlungen, zeichnen Szenarien auf und machen Leistung sichtbar und analysierbar – ideal für effektive Feedbackschleifen und nachhaltiges Lernen. Der Moderator steuert über ein mächtiges Kontrollpanel Dialoge, Vitalparameter, Animationen und den Ablauf. Über das Modul Virtual Manikin lassen sich eigene Fälle entwickeln, Werkzeuge, Diagnosen sowie NPC‑Interaktionen (Interaktionen mit Nicht-Spieler-Charakteren (Non-Player Character)) und Umgebungen nach Maß gestalten. Hinter all dem steht ein Team aus klinischen Fachkräften, Entwicklern und Qualitätssicherungs-Experten, die branchenübergreifend Inhalte erstellen und weiterentwickeln.
SimX senkt die Barrieren radikal: eine handelsübliche VR-Brille, Internetzugang, Lizenz, ein wenig Platz – mehr ist nicht nötig. Die Moderationssoftware lief auf meinem Surface-7-Pro-Tablet, die Ladezeiten zeigten sich erfreulich kurz. Natürlich gibt es grafisch wesentlich aufwendigere Systeme. Doch diese sind oft kabelgebunden, um die Rechenlast zu bewältigen. SimX setzt hingegen bewusst auf kabellose Freiheit und stabile Multiplayer-Funktionen. Letztlich geht es hier nicht um optischen Fotorealismus, sondern um das ungehinderte Trainieren von Abläufen und Entscheidungen. Nicht die grafische Darbietung ist ausschlaggebend für ein maximal immersives Erlebnis, sondern, sich flüssig und ruckelfrei in einem Szenario bewegen zu können. Für Organisationen und Bildungseinrichtungen bedeutet dies flexible Integration, bei geringen Kosten und großer Wirksamkeit. Szenarien können von überall gestartet, begleitet und reflektiert werden – und sind sofort wiederholbar, adaptierbar und skalierbar.
Die intuitive Moderationssoftware erlaubt Gegensprechen und Interaktion auch auf Distanz. Theoretisch könnte sich der Moderator in einer anderen Stadt oder auch in einem anderen Land befinden. Für alle Teilnehmer kann das Szenario auf Beamer oder Fernseher wiedergegeben werden. Handlungsstränge passen sich dem Verhalten der Teilnehmer an: Zögert jemand bei einer Herzinfarktsituation zu lange, lässt der Moderator den Patienten dekompensieren. So wird aus Übung Ernst und aus Theorie Erfahrung.
So eindrucksvoll immersive Szenarien sind, haben auch sie ihre Schattenseiten. Auch wenn es mittlerweile Zusatzmodule für Gerüche gibt – in der Standardausstattung fehlt der metallische Geruch von Blut. Ebenso wenig kann die Technik den physischen Druck einer Menschenmenge oder die körperliche Erschöpfung nach zehn Minuten Herzdruckmassage wirklich nachbilden. Manche Teilnehmer reagieren zudem mit Schwindel oder Übelkeit, andere empfinden die virtuelle Umgebung trotz aller Dramatik als künstlich und damit weniger ernst.
Auch die Kostenfrage ist nicht trivial – Anschaffung, Lizenzen und Betreuung können kleinere Organisationen überfordern. Und nicht zuletzt spielt die Haltung der Einsatzkräfte eine Rolle: Wer seit zwanzig Jahren im Rettungsdienst fährt, winkt mitunter ab und hält VR für Spielerei. Damit das Training wirkt, braucht es mehr als Technik – nämlich gute Moderation, klare Lernziele und die Verankerung im Ausbildungscurriculum. Erst dann wird aus virtueller Erfahrung echte Handlungssicherheit.
Ich habe nur die virtuelle Umgebung von SimX getestet, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz von den xR-Experten von StellDirVor implementiert wird. Allerdings gibt es auch noch andere Anbieter für medizinische Simulationstrainings. Jede einzelne Simulationssoftware hat ganz individuelle Stärken und verdient höchste Beachtung:
Simulationstraining im Rettungsdienst ist keine Spielerei, sondern eine sinnvolle und notwendige Erweiterung der Ausbildung. Es verbindet die Präzision medizinischer Algorithmen mit der Unberechenbarkeit realer Situationen. Für Teams und Organisationen bedeutet es: besser vorbereitete Einsatzkräfte, mehr Handlungssicherheit, weniger fatale Fehler. Für den Einzelnen die Chance, im Ernstfall nicht zum ersten Mal unter Feuer zu stehen – denn es zählt nicht nur der Mut, sondern das prozedurale Gedächtnis des Körpers, der die Abläufe im Schlaf beherrscht. Es zählt die innere Ruhe inmitten des Chaos. Und vielleicht, ganz am Ende, zählt das Bewusstsein: Man hat das Undenkbare schon einmal durchlebt und ist auf der anderen Seite angekommen. Bereit für einen Tag, der sicher kommen wird.
Bildquelle: Igor Omilaev, Unsplash