In sozialen Medien wird Berberin als natürliche Alternative zu GLP-1-Analoga angepriesen. Kann der pflanzliche Abnehmhelfer dem Hype gerecht werden?
Berberin ist ein intensiv gelb gefärbtes Alkaloid aus der Gruppe der Isochinolinverbindungen. Ganz allgemein versteht man unter Alkaloiden basische, stickstoffhaltige organische Verbindungen, die im Körper unterschiedliche Wirkungen hervorrufen können. Berberin kommt in verschiedenen Pflanzen vor, zum Beispiel in der Gemeinen Berberitze, in der Kanadischen Orangenwurzel, in der Mahonie, in der Kolombowurzel und im Schöllkraut.
Früher wurde die Substanz unter anderem genutzt, um Wolle, Seide, Baumwolle und Leder gelb zu färben. Ältere pharmazeutische Nachschlagewerke beschreiben Berberin als Stoff mit blutstillenden, fiebersenkenden, antidiarrhoischen, antibakteriellen und pilzhemmenden Eigenschaften. Dort wird außerdem von Effekten auf den Blutdruck und von einer Anregung der Muskulatur von Darm, Harnblase und Gebärmutter berichtet.
Heutzutage wird Berberin nicht mehr für diese Einsatzgebiete verwendet – zumindest nicht bei uns in der evidenzbasierten Medizin. Andere Länder handhaben das durchaus anders. In aktuelleren Studien wurden vor allem Stoffwechseleffekte beobachtet; darunter unter anderem antidiabetische, lipidsenkende, antiadipöse, entzündungshemmende, antioxidative und antitumorale Wirkungen. Es konnte gezeigt werden, dass Berberin in den Stoffwechsel eingreift, zum Beispiel über Enzyme wie die AMP-aktivierte Proteinkinase und Signalwege, die für Insulin und den Energiestoffwechsel wichtig sind.
Berberin soll zudem die Konzentration des Darmhormons GLP-1 erhöhen und damit dessen Wirkung verstärken, sodass es in Studien den Blutzucker senken, Blutfettwerte verbessern und möglicherweise auch das Körpergewicht günstig beeinflussen kann. Eine aktuelle Studie aus China untersuchte einen Berberin-Abkömmling namens Berberin-Ursodesoxycholat bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes. In dieser Phase-II-Studie mit 113 Teilnehmern kam es über 12 Wochen zu einer dosisabhängigen Senkung des HbA1c-Wertes sowie zu Verbesserungen der Nüchternglukose, der Blutfette und der Leberwerte. Die Therapie wurde meist gut vertragen, am häufigsten traten leichte Magen-Darm-Beschwerden auf.
In Deutschland sind Nahrungsergänzungsmittel mit Berberin-Fruchtextrakt im Handel. Isoliertes Berberin ist in Form von Nahrungsergänzungsmitteln hingegen nicht zugelassen. Vorsicht ist geboten, wenn andere Arzneimittel eingenommen werden, da Berberin Wechselwirkungen mit ihnen haben kann. Zudem werden mögliche unerwünschte Wirkungen auf die Leber und den Magen-Darm-Trakt diskutiert. In der Schweiz kann man Berberin als Nahrungsergänzungsmittel bekommen, meist in Kapsel- oder Tablettenform mit üblichen Tagesdosen bis zu dreimal 500 Milligramm. In den USA wird Berberin ebenfalls als pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel verkauft, häufig mit 400 oder 500 Milligramm pro Kapsel und Empfehlungen für ein bis drei Einnahmen pro Tag.
In den sozialen Medien wird Berberin als angeblich „natürliche“ Alternative zu Semaglutid-Präparaten wie Wegovy® oder Ozempic® zum Abnehmen beworben. Diese Empfehlungen sind allerdings fragwürdig und neben den unklaren Vorteilen spielen auch mögliche Risiken eine große Rolle. Die United States National Library of Medicine kommt zu dem Schluss, dass es für viele der angepriesenen Anwendungen von Berberin keine überzeugenden Belege gibt und dass Abnehmen nicht zu den wenigen Bereichen gehört, in denen Berberin überhaupt als vielleicht hilfreich eingestuft wird. Das National Center for Complementary and Integrative Health erklärt, dass es nur wenige Studien zum Abnehmen mit Berberin gibt, diese Daten aber nicht ausreichen, um sicher zu sagen, dass Berberin beim Gewichtsverlust hilft.
Metaanalysen zu Berberin bei Adipositas werden von Experten kritisch gesehen, weil die eingeschlossenen Studien oft nur wenige Monate dauerten, relativ wenige Teilnehmer hatten und der Gewichtsverlust dabei noch nicht mal das wichtigste Untersuchungsziel war. Die Bezeichnungen „natürliches Wegovy“ und „natürliches Ozempic“ sind daher eher irreführend und es gibt keine Empfehlung, Berberin gezielt für einen Abnehmversuch einzusetzen. Neben Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen, Übelkeit und Erbrechen werden Schwindel, Kopfschmerzen, Muskelbeschwerden, Blutdruckabfälle, verlangsamter Puls und Herzrhythmusstörungen beschrieben, vor allem bei höheren Dosen. Auch allergische Reaktionen sind möglich. Die bisher veröffentlichten Sicherheitsdaten zu Berberin werden als unvollständig eingeschätzt, weshalb Vorsicht geboten ist.
Bildquelle: Diana Polekhina, Unsplash