Kreislaufstillstand. Jetzt zählt jede Sekunde, ein Leben steht auf Messers Schneide. Doch heute greifen alle Rädchen ineinander. Wenn Vorbereitung, Teamarbeit und ein Quäntchen Glück zusammenkommen.
Es ist ein Freitagnachmittag im Spätsommer, die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Wir sitzen im Aufenthaltsraum der Rettungswache. Ein alter Ventilator kämpft vergeblich gegen die stehende Luft: rrr rrr … rrr – das Geräusch bohrt sich in meinen Kopf und baut sich in den Halbschlaf mit ein, vermischt mit gedämpften Stimmen aus dem Fernseher.
Der Melder reißt uns blitzartig aus der Trägheit, in die Schuhe, Jacke, es geht los wie immer. Internistischer Notfall, V. a. akutes Koronarsyndrom. Das kann von gar nichts bis erfolglose Reanimation alles sein. Während wir uns durch den Feierabendverkehr kämpfen, geht mir der Gedanke nochmal durch den Kopf – auch hier scheint unsere Welt zunehmend von Extremen regiert. Wie oft waren wir vor Ort und es war „nichts“, eine Fehleinschätzung, eine Fehlalarmierung, eine soziale Indikation. Kein ACS. Gut für die Betroffenen, aber auch gut für uns alle? Und wie oft war alles zu spät, wir brechen in das Leben wildfremder Leute, hektisch werden Türen geöffnet, wir stehen in Wohnzimmern, fassungslose Gesichter, während dieser Mensch dort auf dem Boden liegt – oft schon bläulich verfärbt. Dann sind wir zu spät und können nur versuchen, eine Hand zu geben, ein paar Sätze, etwas Zeit, um das Unsagbare in Worte zu fassen – und manchmal auch nur schweigen.
Ich habe keine Zeit mehr, diese Gedanken zu Ende zu spinnen – wir sind schon da. Wir hasten aus dem Wagen, Rucksack, Defi, Sauerstoff. Ein Haus am Stadtrand, wir sprinten wie so oft ins Wohnzimmer. Und doch ist heute etwas anders – geordneter. Ein Mann liegt auf dem Boden, leicht bläulich verfärbt, der Brustkorb nackt, eine junge Frau drückt rhythmisch auf ihn ein, ich schätze eine Frequenz von 120/min. Eine ältere Dame steht daneben, Entsetzen in den Augen, aber da ist gleichzeitig auch Ruhe und Fassung.
Die junge Dame blickt auf und berichtet kurz und knapp, während sie unbeeindruckt weiterdrückt: „Ich wurde dazu gerufen, beobachteter Kreislaufstillstand, Reanimation seit ca. 8 Minuten, nimmt Simvastatin und Ramipril.“ Ich nicke, während Elektroden angelegt, Zugang und Intubation vorbereitet werden. Es läuft, wir sind noch im Spiel. Unser Team übernimmt, der Defibrillator zeigt Kammerflimmern. „Alle weg vom Patienten?“ Nach dem „Ja!“ löse ich den Schock aus und der Patient springt in einen Sinusrhythmus, ventrikuläre Extrasystolen schießen immer wieder wie bösartiges Störfeuer in die Kurve, aber der Rhythmus hält. Ich sehe die Hebungen in mehreren Ableitungen, wir bereiten Heparin und Aspisol vor, die Intubation gelingt schnell und glatt.
Wir verladen den Mann ins Auto, ein Rettungsassistent telefoniert mit der Leitstelle „STEMI, suffiziente Laienreanimation, ROSC vor 10 Minuten, kreislaufstabil.“ Er blickt kurz zu mir rüber: „Wir sind angemeldet, direkt in den Herzkatheter.“ Ich nicke und blicke die junge Frau an, die auf dem Bürgersteig vor dem Haus steht „Danke Ihnen, das war wirklich super!“ Die Andeutung eines Lächelns huscht über ihr blasses Gesicht, wir fahren los.
In der Wagenhalle der Klinik steht ein Pfleger und erwartet uns schon, helfende Hände und klare, kurze Kommandos, während wir durch die Flure eilen. Nur einen Augenblick später sind wir im Kontrollraum vom Herzkatheterlabor und hängen am Fenster zum Saal wie kleine Kinder, die gebannt auf die erleuchteten Straßen der niemals schlafenden Großstadt starren.
Quelle: DocJay
Auf den Monitoren schlängeln sich Drähte durchs Bild, wie eine Tintenexplosion blitzt kurz der bizarre schwarze Baum der Koronargefäße auf. Das Team ist fokussiert und ruhig, nur kurze Kommandos durchbrechen die angespannte Stille. „Die mediale RCX ist zu – schauen wir mal“, kommentiert ein Arzt neben uns.
Ich schreibe das Protokoll fertig, wir verlassen die Klinik und melden uns frei, die nächsten Einsätze folgen. Aber der Einsatz lässt mich nicht mehr los, er ragt heraus aus der endlosen Kette von Banalitäten oder Tragödien. Eine Woche später sind wir wieder in der gleichen Wagenhalle und da, wie eine merkwürdige Laune des Schicksals, steht er: Der Pfleger, der uns damals empfangen hat. „Hi! Wie geht es unserem Patienten von letzter Woche?“ Er grüßt zurück: „Alles gut, gestern auf die Normalstation verlegt, läuft schon über den Flur.“ Mir passiert etwas Seltenes, ein ganz kurzer Schauer läuft über meinen Rücken, eine Mischung aus Dankbarkeit, Ergriffenheit und Stolz.
Wie oft waren wir zu spät, wie oft sollte es nicht sein. Aber dieses Mal gelang das, was wir immer wollen. Alle Rädchen haben ineinandergegriffen, jede Hand wusste, was zu tun ist – verbunden mit einer gehörigen Portion Glück: Die junge Frau war eine Nachbarin des Patienten, eine Medizinstudentin. Sie lag gerade im Garten, als sie den Aufschrei von nebenan hörte. Der Schauer ging so schnell vorüber, wie er kam, aber ein leises Gefühl der Dankbarkeit blieb: Wozu wir Menschen fähig sind, wenn es drauf ankommt. Was unser System leisten kann, wenn wir einmal genau richtig kommen. Manchmal wird alles gut.
Bildquelle: Molly the Cat, Unsplash