REPORTAGE | Wohlfühlort mit personalisierter Betreuung – so würde eine Kölner Tierärztin wohl ihr ambitioniertes Praxis-Projekt beschreiben. Wie sie Tiermedizin neu denkt und warum Besitzer hier eine besondere Rolle einnehmen.
„Und hier ist unser gläsernes Labor.“ Dominique Tordys Augen leuchten, als sie durch die noch leeren Räume führt, in denen sich bald Hunde, Katzen und Tierbesitzer tummeln sollen. Fast 900 Quadratmeter nennt sie jetzt ihr Eigen – und sie hat viel vor. Man merkt: Es geht um ein Herzensprojekt. „Ich möchte, dass hier endlich mal alle sinnvoll für die Tiergesundheit zusammenarbeiten, auf der Basis von gegenseitigem Verständnis“, träumt die Tierärztin.
Dominique Tordy mit Demo-Hund Rudi. Bildquelle: DocCheckLange Jahre hat Tordy als angestellte Tierärztin gearbeitet, in Praxen, Kliniken und bei Tierarztketten. Zu lange musste sie sich nach der Philosophie von anderen richten. Jetzt will sie ihre Vision einer modernen Tierarztpraxis verwirklichen – schon im März wird es so weit sein. „Der Trend geht ja schon allgemein zur Wohlfühlpraxis, auch bei den neuen Praxisketten. Das war für mich aber immer die klassische Tierarztpraxis, nur in aufgehübscht. Ich wollte so neu denken, dass ich keinen bestehenden Betrieb hätte umrüsten können.“ Ihr Konzept wirkt komplex – weil hier alles seinen Raum haben soll. Bei der Größe der Fläche sind die Voraussetzungen schon mal da. Doch auch in Tordys Kopf ist ganz viel Raum dafür, die Tierarztpraxis der Zukunft neu zu denken, weg von bekannten Strukturen.
Im Mittelpunkt stehen das Tier und sein Halter mit individuellen Bedürfnissen, quasi personalisierte Tiermedizin mit allen beteiligten Akteuren. Aber ihr ist wichtig: Sie möchte eine Ergänzung zu Haustierarzt, Spezialisten und Kliniken sein und nicht deren Konkurrenz. Ihr Konzept Pet-Care-Center basiert auf zwei Säulen: einer Kleintierpraxis mit Terminsprechstunde und telemedizinischem Angebot und einem Coachingcenter mit Trainingsbereich für Menschen und ihre Hunde.
Das Pet-Care-Center soll eine Anlaufstelle für ängstliche Tiere und lernwillige Besitzer sein. „Der Status von Haustieren hat sich verändert. Sie sind zu Familienmitgliedern geworden und so hat sich auch der Anspruch an ihre Behandlung gewandelt“, sagt die Tierärztin. Praxisräume mit viel Platz für Träume. Bild: DocCheckSie möchte Raum für Fragen, Anleitung und Training schaffen. Das sieht man ihren Räumlichkeiten, die sich noch im Bau befinden, auch an. Die Gänge und Wartebereiche sind großzügig und sollen an vielen Stellen hüfthohe Trennwände bekommen – so behalten Tierbesitzer den Überblick, während nervöse Vierbeiner zur Ruhe kommen oder aneinander vorbeigeleitet werden können. Barrierefrei ist die Praxis auch. Neben dem auffälligen Platzangebot soll es hier außerdem sehr digital zugehen. Das Personal greift auf alle Infos per Tablet zu, eine hauseigene App führt durch den Besuch.
Mensch und Tier sollen sich wohlfühlen: Im Wartebereich sind Snackautomaten und Getränke für alle geplant. Während man als Halter auf den Termin wartet, kann man zuschauen, wie die abgegebenen Proben im Labor verarbeitet werden. Durch große Glasscheiben kann man der TFA auf die Finger schauen, ein Bildschirm überträgt das Bild des Mikroskops nach draußen. Wer wollte nicht schon mal die Milben bestaunen, die sich gerade im Ohr von Bello pudelwohl fühlen oder Urinkristalle funkeln sehen, wegen denen Mikesch solche Schmerzen hat. Tordys Motto: personalisiertes Erleben statt klassisches „durchgeschleust werden“. Der Tierbesitzer soll mit ins Boot steigen und alle Schritte des Tierarztes verstehen und nachvollziehen können – davon erhofft sich Tordy eine bessere Compliance. „Die Tierhalter müssen kennenlernen, was wir Tierärzte und TFAs wirklich tun und die Möglichkeit haben, sich dem Tierarzt gegenüber verständlich auszudrücken“, erklärt sie.
Für Remote-Ratschläge und Besitzer mit weiter Anfahrt soll es auch ein telemedizinisches Angebot geben. Eine Krux bei der Telemedizin möchte Tordy direkt im eigenen Haus angehen: kompetent mitarbeitende Tierbesitzer. Der Halter soll zum Verbündeten werden. Das gemeinsame Ziel: ein gesundes und glückliches Tier. Hierfür gibt es die zweite Säule, das Coachingcenter. Es soll Tierbesitzer ausbilden, damit sie besser mit dem Arzt zusammenarbeiten können. Sie sollen Kompetenzen entwickeln und lernen, selbst Parameter wie Atemfrequenz, Herzfrequenz oder Schleimhautfarbe zu erheben, Fieber zu messen oder ihr Haustier richtig abzutasten. Auch sollen sie lernen, Notfälle realistischer einzuschätzen. Bildquelle: DocCheck
Im Coachingcenter sind Seminare für Besitzer und Tierärzte geplant. Die Räume sollen auch von Externen buchbar sein. Tordy hat außerdem Ideen für eigene Kurse mit Fokus auf Tierbesitzer: Wissenswertes vor dem Hundekauf, mein junger/alter Hund, mein Hund mit Erkrankung, was muss ich bei bestimmten Rassen beachten? Auch Kurse für Kinder soll es geben. Tordy möchte Menschen zu besseren Tierhaltern machen – ein ehrbares Ziel. Den Wunsch dahinter kann sicher jeder Tierarzt nachvollziehen.
Im Zuge einer Club-Mitgliedschaft sollen die Tierbesitzer auch Übungsflächen und Anleitungen zur Verfügung gestellt und Hilfe bei der Termin- und Spezialisten-Suche bekommen. Sie können mit ihrem Tier – ob Welpe oder ängstlicher Tierschutzfall – in Ruhe Abläufe aus der Tierarztpraxis üben und sich Tipps vom Fachpersonal einholen. Ganz ohne Stress sollen sie mit ihren Tieren den Umgang beim Tierarzt und verschiedene Untersuchungssituationen üben. Angeleitet werden sie spielerisch durch eine hauseigene App und die Tierärzte und TFA vor Ort. Auch Trainer, Physiotherapeuten, Fütterungsberater, Züchter oder Groomer sollen hier mit einbezogen werden.
Tordy will den Fokus auf gute Haltung, Präventionsarbeit und personalisierte Versorgung legen. Sie hat erkannt – Humanmediziner kennen es –, dass Tierbesitzer sich bei klassischen Tierärzten oft nicht ernst genommen und abgefrühstückt fühlen. Berufsbilder wie Tierheilpraktiker nehmen sich im Gegenzug Zeit und betrachten den Patienten ganzheitlicher. Diesen Ansatz möchte die Tierärztin bei sich in der Praxis verstärkt fahren. Sie veranschaulicht ein gängiges Dilemma mithilfe eines Beispiels. Der Tierarzt denkt: Das Antibiotikum muss in die Katze, egal wie. Der Halter möchte, dass sein Tier gesund wird, sich dabei aber nicht komplett unbeliebt machen und verliert bei jeder Zwangsapplikation Schweiß und Tränen. Beide haben also das gleiche Ziel, aber jeweils einen anderen Fokus. Gemeinsam möchte Tordy Wege finden, um alle Beteiligten besser ans Ziel zu bringen.
Fast zu gut, um wahr zu sein, so scheint die Welt, die Tordy mit ihrem Projekt skizziert. Viel Zeit und Raum für Individualität – das kostet natürlich Geld. Deswegen hat die Tierärztin für das Pet-Care-Center auch Industriepartner mit an Bord, deren Futter oder Pflegeprodukte man dort ausprobieren und kaufen kann. Durch Telemedizin und App spart sie Räume und Personal. Sie hat sich in der Vorbereitung auch angesehen, in was Tierhalter gerne investieren – das meiste Geld fließt tatsächlich in Futter, Bedarfsartikel und Zubehör, gefolgt von Tierärzten und Versicherungen. Der Heimtiermarkt in Deutschland boomt weiterhin. Während der Nachbar dreimal die Woche ins Edel-Fitnessstudio geht, findet man also Frau Müller mit ihrem Wuffi in Zukunft in Dominique Tordys Wohlfühl-Vet-Zentrum? Wenn es nach der Veterinärin geht: Ja, klar! Bleibt abzuwarten, ob ihr Plan aufgeht. Eine Welt mit kompetenten Tierbesitzern und entspannten, routinierten Haustieren steht aber gewiss bei jedem Tierarzt auf dem Wunschzettel.
Bildquelle: Midjourney