KOMMENTAR | Ökonomischer Druck, Personalmangel, überbordende Bürokratie und digitale Konkurrenz schnüren den Apotheken zunehmend die Luft ab. Warum Bequemlichkeit jetzt tödlich wäre.
Die Situation der Apotheke im zunehmend überlasteten Gesundheitssystem ist paradox. Sie ist zwar für viele Menschen die am leichtesten erreichbare Gesundheitseinrichtung, zugleich aber strukturell auf eine Rolle festgelegt, die ihr volles Potenzial oft ungenutzt lässt. Während Hausarztpraxen überlaufen sind, Notaufnahmen zur Bagatellambulanz werden und digitale Gesundheitsangebote zwischen Hype und Hilflosigkeit pendeln, bleibt die Apotheke vor Ort oft außen vor.
Apotheken sind niedrigschwellig, aber nicht niedrigkompetent. Im Gegenteil: Der Erfolg der Apotheke als erste Anlaufstelle beruht gerade darauf, dass sie ohne Termin, ohne Zugangshürden und ohne formale Eintrittsbarrieren bei gleichzeitig hoher fachlicher Qualifikation funktioniert. Menschen schätzen die unmittelbare Verfügbarkeit, die Verständlichkeit der Beratung und die pragmatische Problemlösung. Gerade bei kleineren Gesundheitsproblemen übernehmen Apotheken eine Filterfunktion und können dazu beitragen, unnötige Arztbesuche zu vermeiden. Auch als Frühwarnsystem funktioniert die Apotheke, da die Mitarbeiter Patienten oft häufiger sehen als Hausärzte. Subtile Veränderungen – zunehmende Verwirrtheit, vermehrte Stürze, auffällige Selbstmedikation – lassen sich hier beispielsweise bei Senioren früh erkennen und zur ärztlichen Abklärung weiterleiten. Das Gesundheitssystem entlastet ferner eine bereits heute oft informell getätigte Erst-Triage in Apotheken. Dabei beurteilt das pharmazeutische Personal die Dringlichkeit eines Gesundheitsanliegens. Was ist banal, was potenziell gefährlich? Was kann vor Ort gelöst werden, was gehört weitergeleitet? Wer braucht dringend ärztliche Abklärung und wer vor allem Aufklärung? Apotheker übernehmen mit diesen und weiteren meist unvergüteten Leistungen bereits heute Aufgaben der Prävention und Primärversorgung.
Die Politik will jetzt den Apotheken mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) mehr Kompetenzen zusprechen. Sie sollen zukünftig stärker in die medizinische Grundversorgung und Prävention eingebunden werden. Bei einigen chronischen Erkrankungen sollen Apotheker unter bestimmten Bedingungen verschreibungspflichtige Medikamente einmalig in der kleinsten Packungsgröße abgeben dürfen und bei unkomplizierten Erkrankungen Medikamente nach festen Protokollen auch ohne ärztliches Rezept abgeben können. Apotheken sollen, bis auf Lebendimpfstoffe, auch weitere Impfungen verabreichen und Schnelltests auf Erreger wie Influenza oder RSV durchführen sowie dafür werben dürfen. Ärzteverbände üben allerdings Kritik an der Übernahme ärztlicher Aufgaben durch Apotheker, und Krankenkassen fürchten zusätzliche Ausgaben.
Ein Blick ins Ausland zeigt jedoch, dass mehr apothekerliche Kompetenzen vor allem beim eigenständigen Verordnen, Impfen und Anordnen von Diagnostik eine Entlastung sein können. Großzügige Verschreibungsrechte gibt es etwa bereits in Großbritannien. Dort können qualifizierte „pharmacist independent prescribers“ verschreibungspflichtige Arzneimittel eigenständig verordnen, solange es innerhalb ihrer Kompetenz liegt. In Frankreich dürfen Offizinapotheker seit 2019 regulär impfen. Inzwischen ist ein breites Spektrum an Impfungen für Erwachsene in der Apotheke erlaubt. Auch in anderen Ländern ist die Impfung durch Apotheker ein etablierter Standard. In Kanada können Apotheker je nach Provinz Laboruntersuchungen selbst anordnen und die Ergebnisse eigenständig zur Therapieanpassung nutzen. In den USA ist die Anordnung und Interpretation von Labortests in vielen Bundesstaaten innerhalb „collaborative practice agreements“ Teil der Routinepraxis klinisch tätiger Apotheker.
Mehr Kompetenzen für Apotheker können zu einem leistungsfähigen und zugleich kosteneffizienten Gesundheitswesen beitragen – die Bevölkerung steht dem meist aufgeschlossen gegenüber. Dies zeigte kürzlich eine Studie, die der Schweizerische Apothekerverband pharmaSuisse durchführen ließ. Zwei Drittel der Befragten könnten sich etwa eine Erst-Triage in der Apotheke vorstellen, anstatt direkt einen Arzt aufzusuchen. Die Apotheke wird dabei nicht als Ersatz für Ärzte gesehen, sondern als vorgelagerte Instanz, die sortiert, priorisiert und entlastet. Denkbar sind auch standardisierte Kurzscreenings – etwa für ältere Menschen – zu Sturzrisiko, kognitiven Veränderungen oder Mangelernährung. Sie könnten in der Apotheke niedrigschwellig angeboten werden, mit klar definierten Überleitungswegen in die ärztliche Versorgung.
Medikationsfehler, Wechselwirkungen und Adhärenzprobleme zählen zu den unterschätzten Risiken der Arzneimitteltherapie. Eine systematische pharmazeutische Begleitung wäre daher in vielen Fällen eine sinnvolle Präventionsmaßnahme. Doch Prävention ist bislang selten Geld wert. Die Schweizer Studie zeigt zudem eine Diskrepanz zwischen Interesse und Nutzung präventiver Leistungen in Apotheken. Vorsorgechecks, Impfungen, Medikationsanalysen oder Beratungen zu chronischen Erkrankungen stoßen zwar auf Interesse, werden aber bislang vergleichsweise selten in Anspruch genommen. Leistungen aus der Apotheke sollen – so der häufige gesellschaftliche Anspruch – weder die Patienten noch die Krankenkassen etwas kosten. Wo Leistungen jedoch nicht vergütet werden, bleiben sie Randangebote. Wenn sie selbstzahlend angeboten werden, werden sie sozial selektiv angenommen, was eine Benachteiligung sozial Schwächerer bedeuten würde.
Die Inanspruchnahme würde jedoch vermutlich sprunghaft steigen, wenn Leistungen wie Blutzucker- und Lipidchecks aus der Apotheke, Impfberatung, Rauchentwöhnungsprogramme oder strukturierte Angebote zur Gewichts- und Stoffwechselgesundheit regelhaft von der Krankenversicherung übernommen würden. Über diese Angebote hinaus kann die Apotheke ihre Rolle als Wissensvermittlerin stärken. Durch regelmäßige Gesundheitsabende, kleine Vortragsreihen, digitale Sprechstunden oder Kooperationen mit Volkshochschulen und Schulen kann sich die Apotheke als Ort evidenzbasierter Gesundheitsbildung etablieren. So entsteht ein Gegengewicht zu Gesundheitsmythen und Desinformation, die z. B. über soziale Medien verbreitet werden.
Politisch stellt sich damit die Frage: Will man Prävention ernsthaft fördern oder nur, wenn Leistungserbringer sie ohne Bezahlung anbieten? Die Apotheke könnte zukünftig noch stärker ein Ort präventiver Gesundheitsversorgung sein. Aber sie wird es nur dann, wenn das System bereit ist, diese Rolle auch zu finanzieren.
Ideen für die Apotheke der Zukunft scheitern oft nicht an fehlender Kompetenz, sondern an politischen Rahmenbedingungen. Entweder Apotheken bleiben das, was sie formal sind: Abgabestellen mit Zusatznutzen. Das rettet allerdings die wenigsten der Betriebsstellen und wird dazu führen, dass die Apothekenanzahl immer weiter sinkt. Oder die Apotheke vor Ort wird offiziell anerkannt als das, was sie faktisch längst ist, und auch entsprechend bezahlt: ein zentraler Pfeiler der primären Gesundheitsversorgung und Ort für Gesundheitsprävention.
Umfrage: Monitoring primäre Gesundheitsversorgung. pharmaSuisse, 2025. (online)
Website: What can a pharmacist prescriber prescribe? NHS Business Services Authority, Stand: 15.01.2026 (online)
Positionspapier: PGEU Position Paper on the Role of Community Pharmacists in Vaccination. Pharmaceutical Group of the European Union (PGEU), 2023. (online)
Donovan J et al.: Barriers to a full scope of pharmacy practice in primary care: A systematic review of pharmacists' access to laboratory testing. Canadian Pharmacists Journal, 2019. doi: 10.1177/1715163519865759
Praxis-Leitdokument: Practice Directive Laboratory Testing and Point-of-Care Testing, PEI College of Pharmacy, 2025. (online)
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