Eingriffe in die menschliche Keimbahn gelten als Tabu. Eine Firma in den USA will jetzt zeigen, was mit Genome Editing möglich ist. Ist das eine Schande oder eine Chance?
„Die größte bekannte Investition in die Tabu-Technologie“, nennt die Zeitschrift MIT Technology Review die 30 Millionen Dollar Kapital, die die Firma Preventiv von ungenannten Geldgebern eingesammelt hat, um genveränderte Babys zu erzeugen. Das Unternehmen sei nicht auf Profit, sondern auf das Gemeinwohl aus, beteuert Preventivs CEO Lucas Harrington. Er möchte transparent und behutsam erforschen, ob sichere Eingriffe in das Genom möglich sind. Langfristiges Ziel der Genmodifikationen sei es, Menschen vor Krankheiten zu schützen.
Die Idee ist nicht neu: Organismen genetisch aufzupeppen, um Bakterien zur Produktion von Medikamenten zu bewegen oder Erdbeeren vor Frost zu schützen, ist Sinn und Zweck der Gentechnik. Seit bald 40 Jahren wird auch versucht, Gene zur Heilung von Krankheiten zu verändern – manche sagen „manipulieren“. Einen ersten Erfolg feierte die Gentherapie im Jahr 1990 mit der Behandlung von Ashanti DeSilva, einem vierjährigen Mädchen, das an einer Immunschwäche litt. Der US-amerikanische Forscher French Anderson und andere schleusten im Labor intakte Kopien des defekten Gens in Ashantis Blutzellen ein, die, wieder zurück in Ashantis Körper, das fehlende Enzym produzierten.
Diese Pioniertat weckte große Hoffnungen, die jedoch ein ums andere Mal enttäuscht wurden. Andere Krankheiten, wie etwa die Muskeldystrophie, sind weit schwieriger zu behandeln, allein schon deshalb, weil man die intakten Genkopien im Organismus in möglichst viele Muskelzellen bringen müsste. Dieses Problem ließe sich umgehen, wenn man die korrekte Genkopie gleich in Ei- oder Samenzelle, Zygote oder eine frühes Mehrzellstadium einbauen würde, damit sie in allen Körperzellen zur Verfügung steht.
Der Haken an der Sache: Wächst aus den veränderten Zellen ein geschlechtsreifer Mensch heran, sind auch dessen Gameten und die aller seiner Nachkommen verändert. Während also die somatische Gentherapie auf die behandelte Person beschränkt bleibt – und deshalb allgemein begrüßt wird –, wird bei der Keimbahntherapie die neue Genausstattung weitervererbt, weshalb sie als Tabu gilt.
Allerdings war die Ablehnung der Keimbahntherapie lange Zeit wohlfeil, denn technisch wäre so ein Eingriff ohnehin nicht möglich gewesen. Das intakte Gen hätte sich mit unvorhersehbar vielen Kopien an beliebigen Stellen im Genom eingefügt und dabei unkalkulierbare Verwüstungen angerichtet. Ein Keimbahneingriff hätte dem Versuch geglichen, im Legoland mit einem Bulldozer einen einzelnen Legostein sinnvoll einzubauen. Doch diese grobschlächtigen Zeiten sind vorbei. Mit der Crispr/Cas-Technologie ist das Basteln an Genen ein präziser Eingriff geworden. Jetzt lässt sich besagter Legostein von einem umsichtigen Mitarbeiter gezielt austauschen. Das Ärzteblatt schrieb in dem Zusammenhang deshalb von „Genomchirurgie“.
Doch auch der Eingriff mit Crispr/Cas setzt voraus, dass die eigentliche Fortpflanzung im Labor stattfindet. Frauen müssten sich also auf jeden Fall der hormonellen Rosskur unterziehen, mit der mehrere Eizellen zur Reifung gebracht werden. Ob dann die Eizelle, die Samenzelle, die Zygote oder auch ein Mehrzellstadium genetisch verändert wird, ist eher nebensächlich. Wobei im Fall des Mehrzellstadiums wahrscheinlich später nicht alle Zellen die korrekte Genkopie trügen, der Mensch also ein Mosaikwesen wäre.
Die Technologie hinter der Keimbahntherapie ist aber nur ein Aspekt. Ein zweiter ist die rechtliche Situation. Die ist, zumindest in Deutschland, eindeutig. Im Embryonenschutzgesetz heißt es in § 5 klipp und klar: „Wer die Erbinformation einer menschlichen Keimbahnzelle künstlich verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Andere Länder, auch in der EU, sind da allerdings weniger restriktiv.
Ein dritter Aspekt ist die Ethik, die fragt: Soll man in die Keimbahn eingreifen dürfen? 1989, also ein Jahr vor der ersten gelungenen Gentherapie in den USA, kam die Zentrale Kommission der Bundesärztekammer zu dem Schluss: „Eine Keimbahngentherapie ist schon wegen ihrer zurzeit unabsehbaren Folgen auf das Individuum und seine Nachkommenschaft ausnahmslos abzulehnen.“
Vor sechs Jahren hat sich die Ethikkommission angesichts der neuen Präzisionstechnologie wieder mit der Keimbahntherapie befasst und das Thema auf fast 300 Seiten aufgedröselt. In Ihrem Abschlussbericht unterscheidet die Ethikkommission drei Szenarien, die sie jeweils unter ethischen Gesichtspunkten bewertet.
Ein mit einer schweren monogenen Erbkrankheit belastetes Paar möchte ein gesundes Kind. In diesem Fall das defekte Gen zu reparieren, wäre „das realistischste und zeitlich nächstliegende Anwendungsziel“ der Keimbahntherapie. Meist sind hier beide Eltern Träger eines rezessiven Gendefekts. Die Chance auf ein völlig gesundes Kind liegt also bei 25 %.
Allerdings haben solche Paare schon heute etablierte Möglichkeiten, ein gesundes Kind zu bekommen. Bei der Präimplantationsdiagnostik werden nach der Befruchtung die Genome der Embryonen gecheckt und nur intakte Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Auch eine Samenspende wäre möglich und technisch simpel. Die Ethiker spielen jedoch auch Fälle durch, in denen Eltern eine Samenspende und PID ablehnen, etwa, weil sie aussortierte Embryonen nicht verwerfen möchten. Ein weiterer denkbarer Fall wäre auch, dass beide Eltern homozygot, aber nur relativ leicht erkrankt sind, während das Kind schwer erkranken könnte. Möglich wäre das etwa bei der Mukoviszidose.
Aus diesen Sonderfällen leiten die Ethiker ab, dass ein Verändern der Keimbahn nicht grundsätzlich abzulehnen sei. Sie schreiben: „Zwar kann heute noch nicht eingeschätzt werden, ob Keimbahneingriffe irgendwann hinreichend sicher, wirksam und verträglich sein werden. Sollte das aber erreicht werden, so gebe es eine Reihe von ethischen Gründen, solche Eingriffe zu erlauben.“ Die Ethikkommission wäre also bereit, ethische Grundsätze und technische Möglichkeiten aufs Äußerste zu strapazieren, nur weil Menschen eine PID oder Samenspende nicht genehm ist. Man kann nur hoffen, dass der Gesetzgeber dem nicht folgt, sondern argumentiert, dass der Kinderwunsch dann offensichtlich doch nicht so drängend ist.
Eine Frau trägt ein mutiertes BRCA-Gen und erkrankt mit hoher Wahrscheinlichkeit an Brust- und/oder Eierstockkrebs. Sie möchte ihrem zukünftigen Mädchen dieses Schicksal ersparen und mit einem Keimbahneingriff präventiv das Risiko für die Erkrankung reduzieren. Der Unterschied zu Szenario 1 besteht darin, dass es hier nicht um Sicherheiten, sondern Wahrscheinlichkeiten geht, weil mehrere Faktoren zur Krankheit beitragen. Deshalb sieht die Ethikkommission dieses Szenario kritischer, zumal auch hier eine PID oder eine Geschlechtsselektion eine Alternative zur Gentherapie wäre.
Noch deutlicher wird die nur mittelbare Beziehung zwischen Genen und Krankheit bei Fällen wie einer genetisch bedingten Alzheimer-Demenz. Wollte man hier mit einer Gentherapie an der Keimbahn das Krankheitsrisiko reduzieren, müsste man etliche Gene verändern. Und mit jedem veränderten Gen stiege das Risiko, dass etwas schief geht.
An dieses Szenario denken wohl die meisten beim Schlagwort „Designerbaby“. Ein Paar möchte, ohne selbst besonders belastet zu sein, sein späteres Kind vor einer Krankheit schützen, und es deshalb mit einem oder mehreren Toleranzgenen ausstatten. So ein Eingriff fiele unter den Begriff Enhancement, den die Ethikkommission als „Verbesserung, Steigerung, Erhöhung, Erweiterung oder Intensivierung eines Zustands, eines Systems oder einzelner seiner Funktionen“ definiert.
Auch bei diesem Szenario argumentiert der Ethikrat recht gelassen: Enhancement sei per se nicht verwerflich, ganz im Gegenteil, schließlich sei der Wunsch, jemanden besser machen zu wollen, im Grunde das Ziel jeder Erziehung und Bildung, jedes Trainings und jeder Diät.
Dass der Ethikrat Keimbahneingriffe nicht grundsätzlich ablehnt, stieß prompt auf Kritik. Viele Politiker empörten sich über die entspannte Haltung der Ethiker. Auch die Deutsche Bischofskonferenz ließ über ihren Pressesprechers Matthias Kopp ausrichten, die katholische Kirche habe „erhebliche Vorbehalte gegen die Annahme, dass die menschliche Keimbahn nicht kategorisch unantastbar ist“. Dabei muss es beim genetischen Enhancement nicht zwangsläufig um größer, schneller und weiter gehen. Manch einer wäre vielleicht bemüht, zukünftige Menschen friedliebender und kooperativer zu designen. So ein Outcome wäre dann auch im Sinne der katholischen Kirche.
Wichtig ist momentan nur, dass die Gesellschaft sich mit dem Thema beschäftigt und sich eine Haltung erarbeitet. Denn nicht nur das Unternehmen Preventive aus den USA geht das Thema Designerbabys bereits konkret an. Schon im Jahr 2018 sollen die beiden gendesignten Zwillinge Lulu und Nana geboren worden sein. Ihr Schöpfer Jiankui He von der South University of Science and Technology of China in Shenzen habe nach eigenen Angaben in Embryonen das CCR5-Gen deaktiviert, wodurch die Mädchen gegen das HI-Virus resistent geworden seien. „Wir haben eine ganze Familie geheilt“, posaunte He auf Youtube. Zwar warf die Universität den Forscher He postwendend hinaus, aber was einmal passiert, kann wieder passieren. Und man muss kein besonderer Visionär sein, um sich die Schöpfungsfantasien der Elon Musks dieser Welt auszumalen.
Doch trotz weit entwickelter Technologie, trotz tendenziell wohlwollender Stellungnahmen von Ethikern, trotz Tabubrechern wie Jiankui He und Lucas Harrington von Preventive, und trotz potenzieller Investoren wie Elon Musk dürfte die reale Gefahr, dass genmanipulierten Übermenschen die Zukunft gehört, doch verschwindend gering sein. Es ist vermessen, anzunehmen, der Mensch könne sich quasi mit einem Fingerschnippen besser designen, als es die Evolution in Millionen von Jahren vermochte. Rekombination und Selektion sind ausschließlich auf die Optimierung von Lebewesen angelegte Prozesse, sie betreiben also im Grunde Genediting mit unendlich viel Zeit, mit der Erde als Megalabor und ohne rechtliche und ethische Einschränkungen. An unserem Genom hat die Evolution, wenn man so will, Jahrmillionen lang gefeilt.
Zwar könnten Elon Musk und andere Disruptoren trotzdem versucht sein, den Menschen als eine Art Nutzvieh zu sehen, das man in mancher Hinsicht optimieren kann, schließlich sind wir – zugegebenermaßen – genetisch für das Neandertal und nicht für die 5th Avenue oder gar für eine Reise zum Mars designt. Doch selbst wenn die Keimbahntherapie gesellschaftlich akzeptiert wäre, würden vermutlich Viele vor dem großen Aufwand der künstlichen Befruchtung zurückschrecken. Und selbst die hartgesottensten Befürworter würden davon Abstand nehmen, wenn es wegen der nur in Ansätzen verstandenen Komplexität unseres Organismus zu unvorhergesehenen und wohl meist auch unschönen Folgen käme. Bei Mäusen werden Fehlversuche als systemischer Kollateralschaden hingenommen. Bei Menschen sicher nicht.
Bildquelle: Midjourney