Der Winter ist ein Segen für Allergiker, doch die nächste Allergiesaison naht. Welche neuen Therapien ihr empfehlen könnt – und von welchen Routinen ihr die Nase voll haben solltet.
Kurz vor Beginn der Gräserpollensaison lohnt sich ein doppelter Blick in die Allergologie: Zum einen hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erstmals eine subkutane Gräserpollen-Immuntherapie unter dem deutschen TAV-Rahmen zugelassen, die in Deutschland unter dem Namen Grassmuno® vermarktet werden soll. Zum anderen liegt die ARIA-EAACI-Guideline 2024–2025 zur Behandlung der allergischen Rhinitis (AR) vor – mit einigen merkbaren Akzentverschiebungen zum Vorgänger.
Grassmuno® ist eine subkutane Allergen-Immuntherapie (SCIT) zur kausalen Behandlung der Gräserpollen-assoziierten allergischen Rhinitis bzw. Rhinokonjunktivitis. Das Präparat kombiniert Gräserpollen-Allergenextrakte mit einem Adjuvans-System aus Monophosphoryl-Lipid A (MPL®) und dem biologisch abbaubaren Depot-Adjuvans Microcrystalline Tyrosine (MCT). Es ist eine aluminiumfreie Kurzzeit-Immuntherapie und wird präsaisonal in sechs Injektionen verabreicht. Indiziert ist es laut Herstellerangaben für Erwachsene mit moderaten bis schweren Symptomen, auch bei gut kontrolliertem Asthma.
Das „wirklich Neue“ ist weniger das Prinzip der SCIT, sondern die Kombination aus regulatorischem Status und Therapielogik: Grassmuno® ist nach Angaben des Unternehmens die erste subkutane Gräserpollen-Immuntherapie, die im Rahmen der Therapieallergene-Verordnung (TAV) zugelassen wurde. Für Ärzte und Apotheker bedeutet das vor allem: Es ist ein Produkt, das die aktuellen Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit im TAV-Verfahren abgebildet hat. Dieser Punkt kann im Gespräch mit kritischen Patienten (Stichwort „Allergenpräparate sind doch alle gleich“) durchaus Relevanz haben.
Der Vorteil ist die Kurzzeit-Strategie. Klassische SCIT-Schemata sind in der Versorgungsrealität oft durch Termin- und Adhärenzprobleme limitiert. Eine präsaisonale Option mit sechs Injektionen kann diese Schwierigkeit deutlich vereinfachen: weniger Termine, klarer Zeitrahmen, gute Planbarkeit vor Saisonstart – und potenziell bessere Therapietreue, weil die Hürde der monatelangen Aufbauphase entfällt.
Dass das Kurzzeit-Schema nicht nur organisatorisch für die Praxen und Patienten attraktiv ist, sondern auch klinisch wirkt, belegen die publizierten Studiendaten. In der zulassungsrelevanten Schlüsselstudie mit 555 Erwachsenen (randomisiert) wurde der EAACI Combined Symptom and Medication Score (CSMS0-6), ein kombinierter Score aus Symptomlast und Bedarf an Begleitmedikation, in der Peak-Saison signifikant verbessert: −0,27 Punkte gegenüber Placebo (95 % KI −0,42 bis −0,12), entsprechend −20,3 % relativ (p = 0,0005). Die Behandlung wurde als gut verträglich beschrieben. Eine frühere randomisierte Feldstudie mit sechs präsaisonalen Injektionen zeigte je nach Regime sogar Effektstärken von ca. 33–40 % CSMS-Verbesserung vs. Placebo.
Die neue ARIA-Guideline ist methodisch als GRADE-basierte Empfehlung, also mit transparenter Einstufung von Evidenzqualität und Stärke, mit Einbezug von Real-World-Daten angelegt. Inhaltlich setzt sie zwei sehr praxisrelevante Signale.
Ein Detail, das in der Beratung oft untergeht, aber leitlinienseitig neu klarer benannt wird: Unter den INCS werden Fluticasonfuroat bzw. Fluticasonpropionat in der Guideline als „zu bevorzugen“ gegenüber mehreren anderen Wirkstoffen konditional genannt (bei niedriger / sehr niedriger Evidenz in vielen Vergleichen). Bei den Fixkombinationen wird für Erwachsene Azelastin/Fluticason gegenüber Olopatadin/Mometason konditional favorisiert (moderate Evidenz für saisonale AR).
Die in der ARIA-Guideline diskutierten Fixkombinationen sind in Deutschland grundsätzlich verfügbar – aber mit unterschiedlichem „Alltagsstatus“. Azelastin/Fluticason ist seit längerem als verschreibungspflichtiges Präparat (z. B. Dymista®) und über weitere Produkte der ATC-Gruppe R01AD28 etabliert. Nach dem regulatorischen Switch (Änderung der AMVV) kommen ab Januar 2026 zudem erste OTC-Versionen der Kombination Azelastin/Fluticason auf den Markt (mit den jeweils präparatespezifischen Einschränkungen/Anwendungsbedingungen, die in der Beratung zwingend mitbedacht werden müssen). Die Kombination Olopatadin/Mometason ist in Deutschland als Ryaltris® verfügbar, bleibt aber nach wie vor rezeptpflichtig.
Für die Offizin heißt „anders beraten“ vor allem: schneller und strukturierter zu einer wirksamen intranasalen Strategie zu führen, statt sich im klassischen „erstmal Tablette, dann mal sehen“ zu verlieren. Das bleibt zwar weiterhin eine Option bei milder Symptomatik, aber die Guideline unterfüttert stärker, dass bei relevanter Nasenobstruktion und Leistungseinbußen die intranasale Therapie der Dreh- und Angelpunkt ist – und dass die Fixkombination für viele Patienten pragmatisch die schnellere und zufriedenstellendere Eskalation darstellt.
Gleich bleibt: Gute Ergebnisse hängen weiterhin massiv an Basics, die im Patientenalltag oft nicht sitzen – korrekte Applikationstechnik, regelmäßige Anwendung, die Aufklärung über einen realistischen Wirkeintritt (INCS wirken nicht innerhalb weniger Minuten wie ein Dekongestivum) und eine saubere Abgrenzung zur Rhinitis medicamentosa bei „Dauerspray-Kunden“. Neu ist, dass ARIA das Thema Dekongestiva noch klarer begrenzt und damit pharmazeutische Interventionen (frühes Stop-Signal, Entwöhnungsstrategien, ärztliche Abklärung bei chronischer Obstruktion) zusätzlich legitimiert. In der Apotheke wird die Relevanz von Grassmuno® vor allem über Selektion und Timing laufen: Patienten, die trotz leitliniengerechter intranasaler Therapie saisonal deutlich eingeschränkt sind, sind Kandidaten für das Gespräch über kausale Optionen. Eine präsaisonale Kurzzeit-SCIT senkt hierbei zumindest die organisatorische Hürde. Dass die Markteinführung in Deutschland für Q1/2026 erwartet wird, passt dabei exakt in die „Jetzt-Planen-statt-in-der-Saison-Reparieren“-Logik.
Wer also jetzt, vor dem Saisonstart, intranasal leitliniengerecht einstellt und geeignete Patienten frühzeitig für eine kausale Therapie identifiziert, reduziert dadurch vielleicht nicht nur deren Symptome, sondern möglicherweise auch die Versorgungslast in der Hochsaison.
Bildquelle: Natalia Blauth, Unsplash