Weihnachten ist geschafft, ein Glück! Doch zum Aufatmen bleibt kaum Zeit: Warum der letzte Tag des Jahres für Häftlinge besonders schwierig ist und was Knaller und Raketen mit Trauma zu tun haben.
Ich betrete die Anstalt nach den Weihnachtsfeiertagen, „zwischen den Jahren“, wie es so schön heißt. Und genau so fühlt es sich an. Luftleerer Raum. Seltsame Stille. Es ist nicht mehr 2025, aber auch noch nicht 2026. Weihnachten ist überstanden, doch das nächste Armageddon steht bevor: der Jahreswechsel. Silvester. Die Gefangenen sind froh, das heilige Fest der Liebe ohne Liebe hier drinnen einigermaßen überstanden zu haben. Das Fest des Feierns ohne Feiern haben sie dabei gar nicht mehr auf dem Schirm. Den Tag, an dem man sich ein letztes Mal im Jahr gehen lässt, zu viel trinkt, tanzt und hirnlos Sprengsätze in die Luft jagt. Dieser eine Tag im Jahr, an dem einen niemand am nächsten Morgen verurteilt, weil dieses landesweite Besäufnis von der Tradition getragen und vom Brauchtum abgesegnet ist. Die Gefangenen haben ihn verdrängt.
Erst am 31.12., wenn das Kreischen und Heulen der ersten Feuerwerkskörper mittags durch die vergitterten Fenster der Anstalt dringt, schießt den Inhaftierten durch den Kopf, was sie im letzten Jahr um diese Zeit gemacht haben. Mit wem sie diesen Tag verbracht und wie ausgelassen sie gefeiert haben. Vielleicht denkt der ein oder andere an sein Haustier. Seinen Hund, der jetzt ohne ihn verängstigt unter dem Bett zittert, wenn draußen das Chaos aus Böllern und Feuerwerk losbricht. An seinen kleinen Sohn, der jetzt vom Onkel lernen muss, wie man die Raketen in die Flaschen stellt, bevor man sie anzündet. Vielleicht hatte man Pläne, vielleicht sogar Karten für eine Veranstaltung oder einen Urlaub gebucht. Die Welt dreht sich draußen ohne einen weiter – und heute schmerzt es besonders.
Der größte Teil der Gefangenen wird versuchen, den Jahreswechsel zu verschlafen. Was nicht einfach ist, denn unsere JVA liegt mitten in der Stadt. Das Feuerwerk ist nicht zu überhören. Man befindet sich quasi mittendrin. Daheim kann man die Jalousien herunterlassen und die Musik aufdrehen. Oder die teuren Schallschutzkopfhörer aufsetzen. Oder wenigstens die guten alten Ohropax®. Noch ein Kissen über den Kopf und einschlafen. Nichts davon ist für unsere Gefangenen verfügbar. Sie sind dem Ganzen akustisch ausgeliefert.
Für einen Teil der Gefangenen wird diese Nacht zu ihrem persönlichen Endzeit-Szenario. Für Herrn El Masri aus der 19 zum Beispiel. Als im Oktober 2023 die Hamas den Gaza-Streifen bombardierte, saß er gerade mit seiner Familie beim Essen. Alles begann mit dem gefürchteten, langgezogenen Ton der Sirenen. Ein unbarmherziger, schneidender, kompromissloser Heulton, der nichts anderes als Lebensgefahr bedeutet. Die El Masris hatten keinen Keller und so drückte man sich im Wohnzimmer unter dem Esszimmertisch aneinander und betete, als die Raketen einschlugen. Immer wieder derselbe makabre Sound. Ein langgezogenes Pfeifen, begleitet von einem intensiven Knistern. Als würde eine Raumfähre starten, gefolgt von einem markerschütternden Knall, der die Erde, das Haus und die komplette Umgebung vibrieren ließ. Tassen fielen aus den Schränken, Stühle gerieten ins Wanken, manchmal zerbarsten Fensterscheiben von der Druckwelle.
Bei der ersten Angriffswelle bliebt das kleine Haus der El Masris verschont, doch bereits eine Woche später schlug eine Artillerierakete mitten in der Nacht im Schlafzimmer seiner Kinder ein. Von seinen drei geliebten Engeln war nichts übrig, anhand dessen man sie hätte identifizieren können. Seine Frau lebte noch einige Stunden und starb kurze Zeit später im Lazarett an ihren Verbrennungen. Noch sechs weitere Monate blieb Herr El Masri in Gaza bei Mitgliedern seiner Familie. Dieses hochtraumatische, barbarische Szenario wiederholte sich noch insgesamt drei Mal. Ein Großteil seiner Familie ist jetzt tot. Herr El Masri wird diesen Mittwoch nicht schlafen. Er wird trotz der großzügig ausgegebenen Beruhigungsmittel des Arztes im Status einer stagnierenden, andauernden Panikattacke festhängen. Vielleicht wird er weinend unter seinem Bett kauern, vielleicht wird er sich einnässen. Mit etwas Glück dissoziiert er hart und sitzt in katatoner Starre auf seinem Bett, bis die Sonne aufgeht und draußen alle betrunken in die Kiste fallen.
Der Soldat aus der 63, der versucht hat, seine PTBS eigenständig mit Drogen zu kurieren, gescheitert und dann hier gelandet ist, der fahnenflüchtige Junkie aus der Ukraine, der nach eigenen Angaben lieber tausend Jahre in einem deutschen Gefängnis sitzt, als noch eine einzige weitere Sekunde in dieses „Schlachthaus von Mariupol“ zurückzukehren, der inzwischen 20-jährige Kindersoldat aus Mali; sie alle werden bis zum Morgengrauen und darüber hinaus ihre persönliche Hölle wieder und wieder durchleben.
Der ein oder andere schwer depressive Patient wird den Jahreswechsel zum Anlass nehmen, seinem Leben ein Ende setzen zu wollen. Einfach, weil es ein prägnantes Datum ist. Einfach, weil es ein weiterer Moment ist, der schwer zu ertragen ist. Das Personal im Gefängnis ist in dieser Zeit besonders aufmerksam, und so hoffen wir einfach, dass wir bemerken, wenn jemand einen inneren Krieg auskämpft. Hoffen, dass wir den Patienten finden und stabilisieren können. Hoffen, dass wir in diesem Jahr „zu Null“ (= keine Suizide) aus den Feiertagen rauskommen.
Ein Teil der Gefangenen wird allerdings feiern. Um null Uhr gibt es traditionell großes Geschrei in den Hafträumen. Nicht lang. Nur ein kleines Zeichen des Zusammenhaltes. „Wir leben noch. Wir sind noch hier. Auch wir sind im neuen Jahr angekommen.“ Danach werden sich ein paar der Männer die Hälse verrenken, um noch ein paar Blitze des Feuerwerkes durch das Fenster zu erspähen. Die Kollegen des AVD, die in dieser Nacht Dienst haben, besorgen sich etwas Feines zu Essen von draußen – Sushi oder Pizza – wünschen sich um Mitternacht ein gutes neues Jahr, und irgendwer feuert immer eine Konfettikanone ab, die dann bis Ostern ihre Spuren in jeder Ritze des Büros hinterlässt.
Ich selbst werde davon nichts mitbekommen. Die Fachdienste haben meistens an Heiligabend und Silvester frei. Ich werde Freitag früh die Anstalt betreten, über die Reste von Konfetti und Luftschlangen hinwegtreten und mich fühlen wie der Besenwagen. Das große Drama ist vorüber. Ich war nicht dabei. Ich werde mein Fach leeren und erst heute erfahren, ob es einen Suizid oder andere Vorfälle gab. Ob ich „den“ Gefangenen vielleicht kannte, ob es „einer von meinen“ war oder ob alles ganz ruhig verlaufen ist.
Man nimmt sich mal wieder vor, es langsam angehen zu lassen. Sich dieses Jahr nicht stressen zu lassen, weniger Sonderaufgaben anzunehmen und überhaupt mal etwas kürzer zu treten. Auf dem Weg zum Büro begegne ich Mariana, der Sozialarbeiterin. Ich freue mich, sie zu sehen. Man umarmt sich, wünscht sich ein „gutes neues Jahr“, was zwar von Herzen kommt, aber seltsam hohl klingt zwischen den Gitterstäben. Mariana hat gute Laune. „Du Lotte, weißt du, was ich mir die letzten Tage überlegt habe? Wenn man für die Nichtarbeiter eine Gruppe anbieten würde, so einmal die Woche. Zum Thema Beziehungen. Oder Trauma. Oder auch einfach jeden Monat ein anderes Thema …“ Ich bin sofort Feuer und Flamme. „Das ist super! Ich hab’ noch ein Manual von der Psychotagung, das wollte ich eh mal ausprobieren …“ Ach so, ja. Kürzertreten.
„Warst du schon am Fach?“, fragt sie, und das Strahlen in Ihrem Gesicht weicht einer stillen Ernsthaftigkeit. „Gerade erst eingestempelt“, erwidere ich. „El Masri war die ganze Nacht wach. Muss übel gewesen sein.“ Als ich mein Büro aufschließe, liegt das Manual von der Psychotagung auf meinem Schreibtisch, das ich letztes Jahr eigentlich wegheften wollte. Ich nehme es wieder zur Hand. Der Vorsatz, kürzerzutreten, muss warten. Die Geister, die das Feuerwerk gerufen hat, verschwinden nicht von allein. 2026 beginnt nicht mit einem Knall, sondern mit Zuhören. Also gehen wir es an.
Bildquelle: Gaelle Marcel, Unsplash