Um dieses Superfood kommt keiner herum: Matcha ist in aller Munde. Sogar am klassischen Grüntee zieht er vorbei. Was sagt die Wissenschaft?
Es ist die Zeit der guten Vorsätze: Mehr Sport und bessere Ernährung sind zwei Klassiker. Vieles scheitert aber nach wenigen Wochen an festgefahrenen Routinen. Wie praktisch wäre es da, mit einer kleinen Umstellung der Trinkgewohnheiten multiorganische Positiveffekte zu erzielen! Unterstützt durch intensives Influencing geht Matcha-Tee seit einiger Zeit viral. Dank stimulierender sowie antioxidativ und antiinflammatorisch wirksamer Inhaltsstoffe soll Matcha durch Einflussnahme auf verschiedenste Stoffwechselwege mannigfache kardiometabolische, tumorprotektive und kognitive Positivwirkungen entfalten. Doch bei der Studienrecherche fallen auch Warnungen vor potenziellen Risiken ins Auge.
Etymologisch leitet sich „Matcha“ vom japanischen „Ma“ (zermahlen / pulverisieren) und „Cha“ (Tee) ab. Damit bezieht sich der Name auf das besondere, in Japan entwickelte Herstellungsverfahren des ursprünglich aus China stammenden Matcha-Tees. Das Zermahlen und Pulverisieren von grünen, also nicht fermentierten (nicht enzymatisch oxidierten) Teeblättern ist das zentrale Prozedere. Während bei herkömmlicher Tee-Zubereitung nur der Aufguss mit den wasserlöslichen Inhaltsstoffen getrunken wird, begründet beim Matcha-Tee die nahezu verlustfreie Verarbeitung der gesamten, nur von Stilen und Adern befreiten Teeblätter einen vielfältigeren und höheren Erhalt an Inhaltsstoffen.
Eine „Schattierung“ genannte Vorbehandlung, bei der die Teepflanzen vor der Ernte für mehrere Wochen beschattet werden (traditionell mit Bambusmatten), forciert die Chlorophyll- und Aminosäureproduktion. Dabei wird besonders der Gehalt der nicht-proteinogenen Aminosäure L-Theanin herausgestellt, die dem Matcha-Tee ein oft als Alleinstellungsmerkmal genanntes, vollmundiges Umami-Aroma verleiht. Andere würden den Geschmack als grasig oder wiesenähnlich bezeichnen. Ihrerseits als Nahrungsergänzungsmittel beworben, soll L-Theanin durch seine beruhigende Wirkung in Kombination mit dem anregenden Teein/Koffein in besonderer Weise Aufmerksamkeit und Konzentration erhöhen (hier, hier).
Im Gegensatz zu den wasserlöslichen Inhaltsstoffen „normaler“ Aufgusstees, besteht das Spektrum der Matcha-Inhaltsstoffe zu 60 bis 70 % aus hydrophoben Bestandteilen wie fettlöslichen Vitaminen, wasserunlöslichen Ballaststoffen, Chlorophyll und Proteinen. Der restliche Anteil umfasst Polyphenole (starke Antioxidantien), Koffein, Aminosäuren, Mineralstoffe, wasserlösliche Vitamine und Ballaststoffe.
Die gesundheitsfördernde Wirkung wird zuvorderst den stark antioxidativen Eigenschaften der enthaltenen Polyphenole und Vitamine (C, E) zugeschrieben. In Matcha wird das Polyphenol-Profil durch einen 90-prozentigen Catechin-Gehalt dominiert. In der Werbung werden die im Matcha-Tee im Vergleich zu herkömmlich Grüntee-Aufgüssen höheren Gehalte all dieser bioaktiven Wirkstoffe – und folglich eine stärkere antioxidative und antiinflammatorische Wirkung – als Totschlagargument für höhere gesundheitsfördernde Effektivität herausgestellt. Aber gibt es dafür auch evidente Belege?
Die Studienrecherche ist ergiebig, aber durch einen eklatanten Mangel an klinischen Humanstudien charakterisiert. Es dominieren In-Vitro-Untersuchungen und Beobachtungsstudien mit Tiermodellen, die tatsächlich auf vielschichtige gesundheitsfördernde Matcha-Wirkungen hindeuten. Doch wird die Überlegenheit gegenüber herkömmlich aufgegossenem Tee in den seltensten Fällen durch vergleichende Studien untersucht. Dabei sind die in Matcha-Tee bestimmten Gehalte an Polyphenolen und Vitaminen nicht per se höher als in normal aufgegossenem Grüntee. Das Beschatten fördert zwar die Chlorophyll- und Theanin-Synthese, hemmt aber die Polyphenol-/Catechinbildung. Letztere hängt zudem vom Reifegrad der zermahlenen Teeblätter ab.
Die teuersten, ausschließlich aus jungen Teeblätter hergestellten Sorten sind extrem chlorophyll- und L-theaninreich, aber etwas ärmer an Catechinen. Die Verarbeitung des gesamten Blattes gleicht diesen Verlust aber meistens aus und sorgt überdies für ein breiteres Spektrum bioaktiver Verbindungen (v. a. fettlösliche Vitamine). Die Recherche nach klinischen Human-Interventionsstudien, die wissenschaftlichen Standards entsprechende Befunde für die vermeintlich herausragenden krankheitsprotektiven Wirkungen liefern, ähnelt der Stecknadelsuche im Heu.
Hemmende Wirkungen auf die Proliferation und Metastasierung von Krebszellen wurden ausnahmslos in vitro an Krebszelllinien nachgewiesen. Die Recherche führt dabei immer wieder zu einer Studie der Salford-Universität, die Hinweise liefert, dass Matcha-Tee Stammzellen einer Brustkrebs-Zelllinie durch Eingriff in den mTOR-Signalweg blockiert. Zur Frage, ob nicht isolierte Catechine stärkere antitumoröse Wirksamkeit entfalten, berichten verschiedene Studienautoren (hier, hier) von Synergieeffekten der verschiedenen im Grüntee enthaltenen Catechine, die bei Einzelapplikation nicht erreicht würden. Zudem sei die Bioverfügbarkeit isolierter Catechine in der Regel niedriger als im Verbund mit anderen Tee-Inhaltsstoffen. Allerdings wird Matcha in dieser Arbeit nicht separat von Grüntee klassischer Zubereitungsweise separiert. Eine bei vielen in vitro-Modellen beobachtbare Schwäche ist der Einsatz von Wirkstoffkonzentrationen, die den realen Tee-Konsum deutlich übersteigen.
Für Matcha-Wirkungen auf kognitive Leistungen verläuft die Recherche nach Human-RCTs am ergiebigsten. Darunter finden sich Arbeiten mit statistisch relevanten Probandenzahlen, die Hinweise auf günstige Akut- und Langzeitwirkungen des Matcha-Konsums liefern. Uchida et al. haben 2024 die Wirkung von Matcha auf Personen im Alter zwischen 60 und 85 Jahren mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen in einem doppelt verblindeten Interventionsdesign untersucht. Bei einer Probandenzahl von 99 und einer Interventionsdauer von 12 Monaten führte der regelmäßige Matcha-Konsum gegenüber einer Placebokohorte zu einer signifikanten Verbesserung der sozialen Kognition (Emotionserkennung aus der Mimik) und zu einer leicht verbesserten Schlafqualität. Weitere Human-RCTs eruierten in psychischen Stresssituationen anxiolytische und aufmerksamkeitssteigernde Matcha-Wirkungen (hier, hier), die der besonderen Wirkstoffkombination aus L-Theanin, Koffein und Catechinen zugeschrieben werden.
Aus älteren Studien ist bekannt, dass das aktivste Catechin im Matcha – Epigallocatechin-3-gallat (EGCG) – die Blut-Hirn-Schranke überwindet (hier) und die für die Demenzentwicklung relevante Beta-Amyloid-Produktion/Akkumulation inhibiert (hier, hier). Diese stark antioxidative Wirkung von EGCG könnte für die Leistung des Gehirns von besonderer Bedeutung sein, da dessen Strukturen durch einen hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren für oxidativen Stress anfälliger sind als andere Gewebe. Auch die hirngängige Koffein-Theanin-Kombination im Matcha könnte nach Ergebnissen einer Human-RCT (hier) durch Erhöhung der dopaminergen und cholinergen Signalübertragung zu kognitiven Leistungsverbesserungen beitragen.
Kardiometabolische Matcha-Wirkungen – in der Werbung oft besonders prominent herausgestellt – wurden bisher nur an Tiermodellen untersucht. Günstige Wirkungen auf die Glucose-Insulin-Homöostase und Blutfettwerte deuten zumindest bei Mäusen auf signifikante Schutzeffekte gegen die durch Fehlernährung verursachten Stoffwechselstörungen hin (hier, hier). Nur müssten diese Ergebnisse in Human-RCTs bestätigt werden, bevor falsche Erwartungen geweckt und Matcha als kardiometabolische Wunderwaffe verkauft wird.
Körperliche Leistungsfähigkeit und effektive Fettverbrennung stehen hoch im Kurs. Die spärlich belohnte Studienrecherche führt zu zwei von Willems et al. publizierten Human-RCTs, die Matcha-Tee das Potential zur Intensivierung der Fettoxidation bei aerober Belastung bescheinigen (hier, hier). Für eine täglich Matcha-trinkende Interventionskohorte sich moderat aerob belastender („Walking“) Frauen wurde sowohl akut als auch längerfristig (3 Wochen 3 g Matcha pro Tag) gegenüber der Placebokohorte eine bis zu 35 % höhere Fettoxidationsrate bei gleicher Belastungshöhe gemessen. Relativierend merken die Studienautoren an, dass die metabolischen Auswirkungen von Matcha für den Erfolg von Programmen zur Gewichtsabnahme nicht überbewertet werden sollten.
An dem in jüngerer Zeit so stark in den gesundheitlichen Fokus geratenen Darm-Mikrobiom kommt kein Superfood vorbei. Zur diesbezüglichen Matcha-Wirkung findet sich zumindest eine Interventions-RCT mit 33 menschlichen Probanden (hier). Die zweiwöchige Matcha-Intervention führte zu einer signifikanten Erhöhung der Beta-Diversität mit Zunahme als günstig (Coprococcus; Ballaststoff-Abbau zu kurzkettigen Fettsäuren) und Abnahme als ungünstig (Fusobacterium) erachteter Bakteriengattungen. In der Placebogruppe blieben diese Veränderungen aus. Eine Nachbeobachtung zu möglichen gesundheitlichen Positivfolgen fand nicht statt.
Wie bei zahlreichen zu „Superfoods“ erhobenen Produkten gibt es auch zu Matcha-Tee Warnhinweise von offizieller Seite. 2019 hat das Bundesinstitut für Risikobewertung in einer Stellungnahme vor hohen Aluminiumbelastungen in einzelnen getesteten Matcha-Produkten – dazu zählen auch angereicherte Smoothies, Müslis, Kekse u. a. – gewarnt. Aktuell weist die Verbraucherzentrale des Bundes auf potenzielle Gefahren durch erhöhte Aluminium- und Bleigehalte in Matcha-Tees hin. Durch den fast vollständigen Verzehr der Teeblätter und die ausbleibende Filtrierung bei der Zubereitung sei die Gefahr erhöhter Schadstoffaufnahmen größer als in klassischem Aufguss-Tee. Maßvoller Konsum sei daher geboten. Kindern, Schwangeren und Stillenden wird aufgrund des mitunter hohen Koffeingehalts zum Verzicht geraten. Da „Matcha“ zudem kein lebensmittelrechtlich geschützter Begriff ist, fehlten Vorgaben zu Materialqualität (Teepflanzen) und Herstellungsweise sowie Abgrenzungskriterien zu herkömmlichen Grüntees. Die Bezeichnung „Matcha“ sei daher kein Qualitätsgarant.
Trotz der in einzelnen Human-RCTs ermittelten positiven Wirkungstendenzen kommen auch zwei Metaanalysen (hier, hier) zu dem Schluss, dass die meist kleinen Probandenzahlen keine statistisch belastbaren Wirksamkeitsnachweise liefern. Zudem sind direkte Vergleichsstudien zwischen klassisch aufgebrühtem Grüntee und pulverisiertem Matcha äußerst rar, sodass die Frage unbeantwortet bleibt, ob Matcha aufgrund seines höheren Wirkstoffgehalts tatsächlich ein besonderes Wirksamkeitsprofil aufweist. Dass Matcha-Tee bei nicht vollends aus dem Ruder laufenden Trinkmengen ein gesunder, energiearmer Flüssigkeits- und Vitalstoffspender sein kann, liegt nahe. Ob er im Vergleich zu herkömmlichen Grün- oder anderen Teesorten eine herausragende Variante ist, lässt sich nicht seriös beurteilen. Für die Übertragbarkeit von in vitro- sowie an Tiermodellen gewonnenen Befunden auf den Menschen fehlen hinreichende Belege. Soweit der wissenschaftliche Blick.
Eine kleine nicht repräsentative Umfrage im teeliebenden Bekanntenkreis liefert ein ziemliches Schwarz-Weiß-Ergebnis. Der vollmundige Geschmack mit spezieller Umami-Aromatik ist für die einen Hauptgrund, Matcha zu lieben, für die anderen, ihn zumindest pur nicht „herunterzubekommen“. An gesundheitlich günstige Wirkungen „glauben“ die meisten, was zumindest Nocebo-Effekte unwahrscheinlich macht. Gefährlich wird es immer dann, wenn der Eindruck vermittelt wird, behandlungsbedürftige Erkrankungen seien allein durch ein einzelnes Getränk oder Lebensmittel kurierbar. Der sprichwörtliche „Apple a Day“ hält eben nicht immer den „Doctor away“ und Matcha-Tee vermag das ganz sicher auch nicht. Inwieweit er zum humanen Gesundheitserhalt beiträgt, steht auf wackligen Füßen – was aber die bislang untersuchten Wirkungen nicht diskreditieren soll, zumal das Schadensrisiko trotz Warnungen aus der Verbraucherzentrale überschaubar zu sein scheint. Viel mehr als das Ausbleiben erhoffter Wirkungen ist eher nicht zu befürchten, sofern beim Genuss Maß gehalten wird. In diesem Punkt ist der hohe Preis sicher hilfreich.
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Bildquelle: Kairi Kaljo, Unsplash