Das Kind hat Bauchschmerzen, Fieber oder hartnäckigen Husten. Besorgte Eltern fragen sich: Müssen wir damit zum Arzt? Wie Gesundheitskompetenz an die Stelle der Angst treten kann – und welche Rolle das Bauchgefühl dabei spielt.
Mit Freude und Ehrgefühl durfte ich als Gastredner beim 12. Frankfurter Familienkongress den Impulsvortrag am Morgen halten. Mit dem Titel „Müssen wir damit zum Arzt? Gesundheitskompetenz bei Kindern beginnen“ erarbeitete ich einen Teil des Kongressthemas „Gesundheitskompetenz in die Familien tragen und Angebote entwickeln“. Am selben Vormittag berichtete Prof. Dr. Katharina Rathmann von der Hochschule Fulda über den wissenschaftlichen Hintergrund aus diversen Studien und Yvonne Adam vom Institut für Migration, Kultur und Gesundheit Berlin, wie Familien mit chronischer Erkrankung umgehen. Der Nachmittag war verschiedenen Workshops gewidmet. Das gesamte Programm findet sich hier auf der Homepage des Frankfurter Bündnisses für Familie. In diesem Text gebe ich also die Inhalte meines Vortrags wieder.
An apple a day keeps the doctor away – oder zu Deutsch: Ein Apfel gegessen kurz vor der Nacht, du hast den Doktor um sein Geld gebracht. Basale Gesundheitskompetenz, die mich auch noch arm macht – gibt es etwas Besseres? Wir Ärzte verdienen ja sowieso zu viel Geld. Um Ihre ohnehin vorhandene Gesundheitskompetenz zu stärken: Ja, Äpfel enthalten viele Ballaststoffe, das Beste ist unter der Schale, nämlich Antioxidantien und Vitamine. Das bekannte Sprichwort wurde vor etwa zehn Jahren auch innerhalb einer Studie analysiert. Mit folgenden Ergebnissen: Nur 9 Prozent aller Personen der Studie zur Ernährung aßen täglich einen Apfel, 39 Prozent davon hatten im letzten Jahr keinen Arzt aufgesucht, bei den Nichtapfelessern waren es nur 33 Prozent. Berücksichtigt man jedoch, dass die Apfelesser auch weniger rauchten, dünner waren, mehr verdienten und auch ein höheres Bildungsniveau hatten, lösen sich die Unterschiede vollends auf. Fallobstwiesenbauer in meiner Gegend werden mir meinen Verdienst wohl nicht kaputtmachen.
Dienstagmorgen in der Praxis, der Montag ist schon abgearbeitet. Der Dienstag bietet mehr Möglichkeiten für ausführlichere Gespräche. Meine Patienten bekommen wenigstens sieben Minuten Zeit, statt der üblichen drei Minuten. Ein Vater kommt mit seiner vierjährigen Tochter. Sie hustet, sie rotzt, er ist sehr besorgt. Er sagt: „Herr Doktor – sie ist schon seit letzter Woche krank.“ Ich untersuche das Kind, mache Späße, kläre das Nötigste ab und gebe dem Vater mit: „Eine einfache Erkältung. Ein paar Tage Ruhe, Tee, Nähe, frische Luft und alles wird gut.“
Das reicht dem Vater, aber trotzdem äußert er sehr leise: „Ich habe gelesen, es kann ja was Schlimmeres sein. Eine Bronchitis, eine Lungenentzündung, irgendetwas am Herz.“ Eines möchte ich uns an dieser Stelle bewusst machen: Gesundheitskompetenz entscheidet, ob Angst oder Vertrauen unser Handeln leitet. Gesundheit beginnt also nicht in der Praxis oder mit dem Arztbesuch. Gesundheit beginnt in den Familien, in den Köpfen, in der Vernunft und im Herzen.
Gesundheitskompetenz klingt sehr technisch, sehr bürokratisch, sehr theoretisch – und auch sehr deutsch. Im Kern ist der Begriff aber sehr menschlich: Er beschreibt die Fähigkeit, mit Gesundheit und Krankheit im Alltag umzugehen. Weise, mutig und vor allem informiert. Niemand muss privat medizinisches Wissen anhäufen. Es geht darum, innere Orientierung zu entwickeln. Es geht darum, zu lernen, wann man handeln muss, und wann es völlig ausreicht, stillzuhalten und abzuwarten. Für Gesundheitskompetenz gilt es, Signale zu deuten, Informationen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen, die von Wissen und Vertrauen getragen sind.
Eine Studie der Uni Bielefeld wertete diverse Fragebögen zur Gesundheitskompetenz aus und fand, dass das Gesundheitswissen bei 29 Prozent „problematisch“ sei und bei 27 Prozent „inadäquat“. 83 Prozent der Personen informierten sich außerdem über das Internet. Das bedeutet, jede zweite Familie kämpft im Alltag mit Unsicherheit, Überforderung und Angst. Dabei geht es nicht um individuelles Versagen. Wir haben ein gesellschaftliches Symptom und Problem! Übrigens: Immerhin auch nur 48 Prozent der Menschen mit exzellenter Gesundheitskompetenz aßen täglich Obst und Gemüse.
Ein weiteres Beispiel aus meiner Praxis. Eine Mutter stellt ihren Sohn vor: 6 Jahre alt, mit leichtem Fieber seit heute Morgen. „Ich weiß, das ist wahrscheinlich nichts“, sagt sie, „aber ich habe Angst, etwas zu übersehen.“ Wir sprechen lange. Wir sprechen über die Tante, die mit einer Herzbeutelentzündung in die Klinik kam, und über die Bronchitis des Sohnes, die doch vor einem Jahr so schlimm war. Ich frage sie: „Wovor haben Sie Angst, was wäre das Schlimmste, was passieren könnte?“ Sie sagt: „Dass ich etwas übersehe, dass es zu spät ist, das könnte ich mir nicht verzeihen.“ Und das sagen übrigens auch viele Erzieher: Es gibt eine bedeutende Angst davor, dass die ganze Gruppe krank wird, oder die vermeintliche Sprachentwicklungsstörung zu einer Legasthenie in der Schule wird (wird sie nicht!). Das ist für mich ein Bild von der Last der Verantwortung in einer Welt, die keine Fehler verzeiht. Zu der Mutter habe ich gesagt: „Das Wichtigste ist nicht, dass Sie alles richtig machen. Für Sie als Mutter ist das Wichtigste, da zu sein, wenn das Kind krank ist, auch wenn Sie unsicher sind.“ Denn Kinder lernen Gesundheit nicht aus Flyern, Büchern oder Apps, sondern aus dem Blick ihrer Eltern auf die Gesundheit. Aus der Ruhe in ihrer Stimme, aus der Erfahrung: Ich bin sicher hier bei meinen Eltern – auch wenn ich krank bin.
Jede App, jeder Bildschirm, jedes Gespräch – auch Zeitschriften sind voll davon: Gesundheit! Vorsorge! Risiken! Symptome! Und: Optimierung! Wir haben Zugang zu so viel mehr Gesundheitsinformationen als je zuvor – und das stiftet gleichzeitig so viel Verwirrung wie nie. Eltern googeln nachts Symptome. Bauchweh wird zu einer Blinddarmentzündung – oder zumindest einer Nahrungsmittelunverträglichkeit. Kopfschmerzen sind eine Migräne oder sogar gleich ein Tumor. Erzieher fragen sich, wann ein Kind zu krank ist für den Kindergarten, welcher Ausschlag nun gefährlich ist und ob bei den roten Augen jetzt Erblindung oder eine Massenepidemie der Kleinkindgruppe droht. Lehrer sehen Kinder, die müde, gestresst oder überreizt sind – und immer unkonzentriert. Wir können nicht jedes Fieber, jede Ansteckung vermeiden, wir können keine Hand-Fuß-Mund-Erkrankung in der Kitagruppe und keine Läuseepidemie verhindern. Wir können sie aber aufhalten oder eindämmen.
Gesundheitskompetenz bedeutet also auch, die Balance zwischen Schutz und Vertrauen zu halten. Gesundheit ist kein Zustand, den wir zwanghaft erhalten können. Gesundheit ist auch kein Ziel, das man erreichen muss. Gesundheit ist ein Prozess, ein Rhythmus, ein Auf und Ab, ein Hin und Her. Manchmal stark, manchmal schwach, manchmal energetisch, manchmal müde. Wenn wir das sehen und akzeptieren, dann können wir aufhören, uns für jede Krankheit zu schämen, weil wir nicht optimiert sind, weil nicht alles perfekt ist. Dann akzeptieren wir, dass es Erkältungen im Kindergarten gibt, dass es Kinder mit ADHS gibt, die wir abholen müssen, wo sie stehen, und die wir nicht hindrehen müssen, damit sie funktionieren.
Gesundheitskompetenz kann man lernen. Im Unterricht, in Präventionsprogrammen, vielleicht in der Schule oder sogar schon im Kindergarten. Aber ein Wachstum der Kompetenz gelingt nur in Beziehungen: Wenn ein Kind sieht, dass seine Eltern ihre Sorgen teilen, statt sie zu verdrängen, lernt es, dass Gefühle zum Gesundwerden dazugehören. Wenn Erzieher mit Eltern auf Augenhöhe sprechen, statt mit erhobenem Zeigefinger, bevormundend und mit vorgefertigten Ideen. Dann erst entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt mehr als ein Rezept. Und auch ich als Fachkraft darf sagen: „Ich weiß es nicht genau, aber wir finden es gemeinsam heraus“ – dann lehren wir Mut und Zuversicht und vermeiden Angst.
Gesundheitskompetenz entsteht dort, wo Menschen sich nicht gegenseitig belehren, sondern sich vertrauen und sich befähigen. Wir brauchen weniger Medizin – wir brauchen mehr Menschlichkeit. Ich bin Kinderarzt. Ich liebe meinen Beruf. Es gibt keinen besseren. Aber oft sehe ich, wie wir versuchen, Unsicherheit mit Diagnostik zu bekämpfen. Mit „Können Sie mal ein Blutbild machen?“, mit Abstrichen, obwohl keine wegweisenden Symptome vorliegen, mit Vorstellungen im Sozialpädiatrischen Zentrum bei Entwicklungsstörungen, damit man nichts verpasst. Wir behandeln Angst mit Antibiotikum, damit „es nicht schlimmer wird“ oder „zur Sicherheit“. Aber Eltern beruhigen wir nicht mit Fachbegriffen, sondern mit Zeit, Blickkontakt und einem offenen Ohr.
Gesundheitskompetenz der Eltern bedeutet nicht, immer zum Arzt zu gehen, sie bedeutet zu wissen, wann man nicht zum Arzt gehen muss. Klingt banal, ändert aber alles!
Eltern und Pädagogen brauchen verständliche, ehrliche Informationen, ohne Panikmache, ohne Fachchinesisch, im Klartext und vor allem wissenschaftlich fundiert. Zum Beispiel: Fieber ist kein Feind, sondern eine Abwehrreaktion. Impfungen überlasten das Immunsystem nicht, weil man das Immunsystem nicht überlasten kann. Und ein Husten ist keine Krankheit, sondern ein Abwehrmechanismus.
Gesundheitskompetenz beginnt mit der Einstellung und Haltung, wie wir über Gesundheit sprechen. Wenn wir bei Krankheit immer nur von „Versagen“ und „Bedrohung“ sprechen, schüren wir die Angst. Wenn wir Krankheit als Teil des Lebens begreifen – als Moment der Achtsamkeit, des Innehaltens und Ausruhens –, dann wächst Vertrauen.
Den Umgang mit Gesundheit und Krankheit lernen wir von anderen Menschen. Also zuerst von unseren Eltern, später vielleicht auch von Ärzten, ganz sicher aber nicht aus dem Internet. Information ohne Beziehung bleibt kalt und ungefiltert, Beziehung ohne Information bleibt hilflos und verzweifelt.
Einen letzten Praxisbericht will ich noch ansprechen. Eine Sechsjährige, mit ganz schlimmen Halsschmerzen, wird von der Mama, die Schlimmstes befürchtet, vorgestellt. Es steht mal wieder Scharlach im Raum. Wie immer frage ich zuerst das Kind, warum es beim Arzt sitzt. Sie schaut mich an, denkt kurz nach und sagt dann: „Ich habe ganz schlimmes Halsweh, aber ich habe meiner Mama schon gesagt, das kommt vom vielen Schreien gestern, weil wir uns so sehr gestritten haben.“ In der Tat konnte ich auch nicht viel finden – nicht mal eine Rötung. Ich war trotzdem tief beeindruckt. Das Kind hat verstanden, was viele Erwachsene vergessen haben: Körper und Seele sprechen dieselbe Sprache.
Gesundheitskompetenz darf keine private Glückssache sein. Sie ist ein öffentliches Gut – wie Bildung, wie Demokratie. Das steht auch so in der Kinderrechtskonvention. Wenn wir wollen, dass Familien gesunde Entscheidungen treffen, dann müssen Strukturen her, die ihnen das ermöglichen. Gesundheitskompetenz gehört in Kitas, Schulen, Medien – und dort gut reguliert. Wir brauchen Räume, in denen Fragen erlaubt sind und Menschen lernen dürfen, ohne Angst davor, auch mal falsche Fragen zu stellen.
Ich möchte jetzt, dass Sie an ein Kind denken, das Sie kennen. Das kann das eigene sein, das kann ein Kind sein, das Ihnen anvertraut ist als Erzieher, als Physiotherapeut, als Lehrer. Stellen Sie sich vor, dieses Kind fragt sie: „Bin ich sicher, wenn ich krank bin?“ Was würden Sie sagen? Ich würde mir wünschen, dass wir alle antworten könnten: „Ja, du bist sicher. Nicht etwa, weil wir ein so tolles Medizinsystem haben. Nicht, weil wir alles wissen. Nicht, weil wir alles im Internet nachlesen wollen und können – sondern, weil wir dich begleiten, wenn du krank bist, mit Herz, Verstand und Vertrauen.“ Das ist Gesundheitskompetenz in ihrer tiefsten Form: Sicherheit geben trotz Unsicherheit.
Denken wir nicht an die neuesten Medikamente, neueste Geräte zur Diagnostik, nicht an das Komplettentschlüsseln unseres Genoms, um alle Krankheitsmöglichkeiten dieser Welt vorherzusehen. Denken wir lieber an Kinder, die wissen, dass ihr Körper klug ist. Denken wir lieber an Eltern, die nachts ruhig schlafen, weil sie Vertrauen haben, nicht alles zu wissen und entscheiden zu können, zu müssen. Denken wir lieber an Fachkräfte, die Mut machen, statt Angst zu verbreiten.
Gesundheitskompetenz ist kein Luxus, sondern ein Recht. Sie ist die neue Form der Fürsorge und Prävention im 21. Jahrhundert. Wir werden gesünder, wenn wir menschlicher werden, entspannter und vertrauensvoller. Wir werden gesünder, wenn wir aufhören, nur die Angst zu managen, und anfangen, Vertrauen zu vermitteln. Wenn unsere Kinder eines Tages über uns sprechen, mögen sie nicht sagen: „Sie wussten immer, was zu tun war“, sondern: „Sie hatten den Mut, da zu sein, auch wenn sie nicht alles wussten.“ Das ist wahre Gesundheitskompetenz. Das ist Menschlichkeit. Das ist das Fundament einer gesunden Gesellschaft. Die genannte Studie hat übrigens auch den Medikamentenkonsum untersucht. Und hier sank die Medikamentengabe deutlich, auch ohne die obigen Begleitfaktoren. Also heißt es am Ende: An apple a day keeps the pharmacist away.
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