Von außen betrachtet wirkt das Leben einiger Menschen perfekt: intakte Familie, abbezahltes Haus, sicherer Job. Doch all das schützt nicht vor Sorgen und Krankheit – wie wir im Rettungsdienst täglich sehen.
Auch im Bentley wird geweint – das ist die moderne Version eines Spruchs, den meine Oma immer sagte. Oma wusste schon: „Unter jedem Dach ein Ach“. Als Kind war das für mich sehr abstrakt. Ich hatte eine super Kindheit, ich konnte mir nicht mal theoretisch vorstellen, was sie damit meint. Heute weiß ich es umso besser. An einem Sonntag im November hatte ich Notarztdienst und es war einer dieser Novembertage, an denen es erst nie so richtig hell und dann sehr früh richtig dunkel wird. Zuerst fuhren wir in ein sehr vornehmes Wohnviertel, in dem wir eher selten Einsätze haben. Vor dem frei stehenden Bungalow begrüßte uns der Vater des Patienten und führte uns nach drinnen. Sein 20-jähriger Sohn sei am Vortag aus einer Entzugstherapie aus einer Privatklinik in Bayern zurückgekommen.
Ein eigentlich gut aussehender, junger Mann lag rücklings auf einer Couch. Er lag in seinem eigenen Erbrochenen, hatte sich auf Hemd und Hose übergeben.Neben ihm hielt ihm seine Freundin seine Hand. Liebevolle Eltern, eine tolle Freundin, ein gutes Elternhaus – aber was weiß ich schon. Gar nichts. Ich weiß nichts darüber, warum es so kam, wie es kam. Und natürlich macht das nachdenklich. Medizinisch war hier für mich nicht viel zu tun. Venenzugang legen, Blutzucker messen, Vitalparameter alle stabil, körperliche Untersuchung, Zielklinik aussuchen und wir haben wieder „die 1 im Kreis“ – wir sind also frei über Funk.
Manche Schicksale sind so viel größer als die Medizin, die wir machen können.Die Vorweihnachtszeit und Weihnachten insbesondere ist wie eine Lupe. Schönes wird schöner, schlimme Dinge noch schlimmer. Familien mit kleinen Kindern zelebrieren Wichtel, besuchen Weihnachtsmärkte, basteln Wunschzettel. Eine faszinierende und einmalige und besonders schöne Zeit. Für allein lebende Menschen wird die Einsamkeit übermächtig. Während sie sich im Sommer und Herbst noch durch Aktivitäten im Freien zumindest zeitweise betäuben ließ, nimmt sie jetzt im kalten Winter allein in der Wohnung jeden Raum ein. Die Stille wird unerträglich still, Probleme werden übergroß.
In unserem zweiten Einsatz wurden wir von der Polizei hinzugezogen. Ein junger Mann hatte in einem WhatsApp-Chat einen Suizid angekündigt. Es gab ein eindeutiges Foto aus einem Wald, dazu einen Abschiedstext. Es folgte eine aufwändige Suche. Am Ende der Suche fand die Polizei den unterkühlten, zitternden Mann. Er hatte vor einiger Zeit eine Insolvenz anmelden müssen. Daraufhin habe sich seine Frau von ihm getrennt und er sah keinen Lebenswillen mehr. Am nächsten Tag wäre es genau ein Jahr her, dass alles angefangen habe. Er habe keine Kraft, diesen Tag zu erleben.
In unserem dritten Einsatz fuhren wir mit dem Stichwort „bewusstlose Person“ in ein Haus aus den 70er Jahren. Wir wurden erneut von einem älteren Herrn in einem sehr in die Jahre gekommenen und etwas löchrigen Bademantel eingewiesen. Er führte uns zu seiner Frau, die leblos im Bett lag. Sie war offensichtlich schon längere Zeit tot. Er habe unten noch ferngesehen und sei später raufgekommen. Als wir ihm mitteilten, dass seine Frau leider verstorben sei, verstand er das erst nicht. Danach kam es zu einer heftigen Trauerreaktion. Er legte sich neben seine Frau und bat uns ihm was zu geben. Er möchte mit ihr gehen. Jetzt und hier.
Wir verständigten Notfallseelsorger und blieben so lange noch bei ihm – auch um eine akute Selbstgefährdung auszuschließen. Er berichtete, dass er seine zwei Kinder vor vielen Jahren beerdigt habe. Es gäbe niemanden mehr. Nur noch sie beide in einem riesigen Haus. Von dem Haus bewohnen sie eigentlich nur noch zwei Räume. Der Rest sind Kinderzimmer, die lange leerstehen. Eine große Kellerbar, in der seit Jahrzehnten niemand mehr etwas getrunken hat. Alles Relikte von früher. Die beiden lebten in einer Art Museum.
Der letzte Einsatz fand in einem Neubau statt. Der Familienvater um die 40 Jahre jung, aber mit erheblichem Übergewicht. Er beklagte stärkste Bauchschmerzen. Er sei vor zwei Wochen notfallmäßig am Bauch operiert worden. Als er das Shirt hob, war ich wirklich irritiert. Aus dem Bauch schauten Teile des Darms hervor! Die OP-Wunde war aufgeplatzt. Er berichtete, dass er bereits über Monate Symptome gehabt habe, diese aber während der Bauphase ignoriert habe. Ja – er habe die Symptome ignorieren müssen. Er wurde ja auf dem Bau gebraucht, ein Ausfall sei einfach keine Option gewesen. Letztlich wurde er dann mit einer perforierten Sigmadivertikulitis eingewiesen, als es nicht mehr anders ging. Später habe er sich gegen ärztlichen Rat vorzeitig entlassen und dann auf dem Bau weiter gearbeitet. Ganz vorsichtig, wie er sagte.
Die Notwendigkeit einer Einweisung mit diesem Befund war selbst ihm aber ohne Diskussionen vermittelbar. Und trotz allem schwebte über der ganzen Szenerie die große Frage, wie es weitergeht. Mit dem Hausbau, dem viel zu großen Schuldenberg und einem Vater, der für Wochen bis Monate ausfällt.Von außen sieht man nur einen schicken Neubau, doch darin sieht es ganz anders aus.
Robin Williams hat gesagt: „Jeder, den du triffst, kämpft einen Kampf, von dem du nichts weißt. Sei freundlich. Immer.“ Ich finde, das ist ein sehr guter Ratschlag. Passt aufeinander auf, seid nett zueinander und bleibt – oder werdet – wieder gesund.
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