Stimulanzien wie Ritalin sollen Kindern mit ADHS beim Fokussieren helfen. Doch jetzt zeigt sich: Die Medikamente beeinflussen vor allem Wachheit und Motivation – und nicht direkt die Aufmerksamkeitszentren des Gehirns.
Stimulanzien wie Ritalin gehören zur Standardtherapie bei ADHS, Millionen Kinder nehmen sie täglich ein. Lange ging man davon aus, dass diese Medikamente direkt die Hirnregionen ansprechen, die für Aufmerksamkeit zuständig sind. Eine neue Studie von Neurologen um Benjamin Kay und Nico U. Dosenbach zeichnet jetzt ein anderes Bild: Stimulanzien wirken vermutlich vor allem auf die Belohnungs- und Wachheitszentren im Gehirn – und nicht unmittelbar auf die klassischen Aufmerksamkeitssysteme.
Die Forscher fanden heraus, dass Betroffene durch Stimulanzien nicht automatisch fokussierter werden, sondern wacher und motivierter an Aufgaben herangehen. Die gesteigerte Aufmerksamkeit sei ein Nebeneffekt davon, dass Kinder Aufgaben als lohnender empfinden und mehr Antrieb haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. „Die Verbesserung der Aufmerksamkeit ist ein sekundärer Effekt: Das Kind ist wacher und findet die Aufgabe spannender, was ihm wiederum hilft, sich besser darauf einzulassen“, erklärt Kay.
Um zu prüfen, welche Hirnareale durch Stimulanzien angesprochen werden, wertete das Team fMRT-Daten von fast 5.800 Kindern aus der ABCD-Studie aus. Dabei zeigte sich: Bei Kindern, die direkt vor der Untersuchung Stimulanzien eingenommen hatten, waren vor allem Wachheits- und Belohnungszentren deutlich aktiver, nicht jedoch die Aufmerksamkeitssysteme. Ein ähnlicher Effekt zeigte sich bei erwachsenen Probanden. Überraschenderweise ähnelte die Hirnaktivität der von ausgeschlafenen Menschen – selbst wenn die Kinder zu wenig geschlafen hatten.
Kinder mit ADHS, die Stimulanzien bekamen, schnitten laut Eltern und bei kognitiven Tests besser ab als unbehandelte Kinder. Der Effekt war besonders bei schweren Symptomen ausgeprägt. Kinder, die zu wenig schliefen, profitierten am meisten. Bei neurotypischen Kindern mit gutem Schlaf brachten Stimulanzien kaum messbare kognitive Vorteile. Das legt nahe, dass Stimulanzien die negativen Effekte von Schlafmangel zumindest kurzfristig ausgleichen können.
Die Studienautoren warnen jedoch, dass Stimulanzien nicht auf Dauer genügend Schlaf ersetzen können. Kay betont: „Zu wenig Schlaf ist immer schlecht, besonders für Kinder.“ Schlafmangel könne Symptome verursachen, die leicht mit ADHS verwechselt werden – und eine unnötige Medikation nach sich ziehen. Die Autoren fordern daher, Schlafprobleme bei der ADHS-Diagnose stärker zu berücksichtigen und Maßnahmen zur Schlafverbesserung zu prüfen.
Ob Stimulanzien über längere Zeit eher schaden oder sogar das Gehirn schützen könnten, ist bislang nicht abschließend geklärt. Die Forscher sehen hier einen Bedarf an weiteren Studien, um mögliche Langzeitfolgen – etwa durch eine dauerhafte Kompensation von Schlafdefiziten – besser zu verstehen.
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