Neue Medis, neue Hoffnungen – und alte Warnsignale. Der CHMP empfiehlt mehrere Arzneimittel, während ein Alzheimer-Wirkstoff scheitert. Plus: Warum CB1-Hemmer bei Adipositas trotz guter Zahlen kritisch bleiben.
Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA hat auf seiner Sitzung vom 8. bis 11.12.2025 mehrere neue Wirkstoffe bzw. Produkte positiv bewertet – das ist noch keine EU-Zulassung, aber in der Regel der letzte große fachliche Schritt vor der Entscheidung der EU-Kommission. Gleichzeitig zeigt ein neuer Phase-IIa-Datensatz, dass das Endocannabinoid-System als Zielstruktur bei Adipositas wieder auflebt – allerdings mit bekannten Nebenwirkungen.
Anktiva (nogapendekin alfa inbakicept) ist eine intravesikale Immuntherapie (IL-15-Signalweg), die in Kombination mit BCG für Erwachsene mit BCG-unresponsivem, hochrisikoreichem nicht-muskelinvasivem Blasenkarzinom (insbesondere CIS mit/ohne papillären Tumoren) vorgesehen ist. Ziel ist es, die lokale Tumorkontrolle bei Patienten zu verbessern, für die BCG allein nicht ausreicht.
Aumseqa (Aumolertinib) gehört zu den EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitoren und ist für erwachsene Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC (nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom) mit EGFR-Mutation vorgesehen. Es richtet sich gegen eine zentrale Treiberstruktur bei EGFR-mutierten Tumoren. Die Auswahl der Patienten erfolgt daher biomarkerbasiert.
Exdensur (Depemokimab) soll künftig bei schwerem eosinophilem Asthma und chronischer Rhinosinusitis mit Nasenpolypen zum Einsatz kommen.
Myqorzo (Aficamten) ist ein selektiver kardialer Myosin-Inhibitor, der bei symptomatischer obstruktiver hypertropher Kardiomyopathie (oHCM) im NYHA-Stadium II–III eingesetzt werden soll.
mNexspike ist ein mRNA-Impfstoff gegen COVID-19, dessen mRNA für Teile des Spike-Proteins codiert.
Gotenfia (Golimumab) ist ein TNF-α-Inhibitor (monoklonaler Antikörper). Gotenfia wird als Biosimilar zu Simponi eingestuft. Vergleichbare Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit werden berichtet.
Blarcamesine (Anavex): Der CHMP hat für Blarcamesine eine Ablehnung empfohlen. Begründet werden u. a. fehlender Wirksamkeitsnachweis (auch nach Betrachtung einer Untergruppe mit SIGMAR1-Mutation) sowie zusätzliche Unsicherheiten im Sicherheitsdatensatz (u. a. Hinweise auf Nitrosamin-Verunreinigungen in Wirkstoffchargen). Das Unternehmen hat eine Re-Examination beantragt. Für die Praxis ist das kommunikativ relevant: Patienten stoßen häufig auf „Hoffnungs-News“. Hier hilft eine klare Einordnung, dass es (noch) keine positive Nutzen-Risiko-Bewertung gibt.
Adipositas bleibt ein riesiger Markt, denn laut WHO waren 2022 etwa 2,5 Milliarden Erwachsene übergewichtig, darunter 890 Millionen mit Adipositas. Monlunabant ist ein inverser Agonist am Cannabinoid-1-Rezeptor (CB1) und wird oral, einmal täglich verabreicht. Es wurde in einer 16-wöchigen, randomisierten, placebokontrollierten Phase-IIa-Studie (Kanada, 25 Zentren; n=243) auf die Wirkung bei Adipositas geprüft. Gegenüber Placebo betrug die mittlere zusätzliche Gewichtsreduktion nach 16 Wochen –6,4 kg (bei 10 mg), –6,9 kg (bei 20 mg), –8,0 kg (bei 50 mg). Nebenwirkungen waren überwiegend gastrointestinal und psychiatrisch; Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen nahmen mit der Dosis zu (13 %; 27 %; 42 % vs. 0 % unter Placebo), häufige Abbruchgründe waren u. a. Übelkeit, Diarrhö, Angst, Reizbarkeit und Schlafstörungen.
Für die Beratung – falls sich das Prinzip weiterentwickelt – ist der historische Kontext wichtig: beim früheren CB1-Antagonist Rimonabant (Acomplia) empfahl die EMA nach Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses wegen psychiatrischer Nebenwirkungen (u. a. Depression), die Zulassung ruhen zu lassen. Monlunabant wird zwar als „neuer“ Ansatz untersucht, aber die Phase-IIa-Daten zeigen, dass gerade psychiatrische Symptome weiterhin ein zentrales Sicherheits- und Adhärenzthema bleiben könnten.
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