Im Wohnzimmer stehen die Plätzchen bereit, im Kamin knistert ein Feuer: ein wohlig warmer Heiligabend. Doch plötzlich verlieren die Gastgeber das Bewusstsein. Wer ist der Täter?
Ein großer Vorteil unseres Berufs ist aus meiner Sicht, dass ich nie weiß, was mich erwartet. Ich könnte nicht in einem Bürojob arbeiten, in dem nichts Überraschendes passiert. Ein großer Nachteil unseres Berufs ist dafür, dass wir nie wissen, wann Menschen unsere Hilfe brauchen. Wir können uns nicht am 23.12. um 16 Uhr abmelden und mit dem Auto zu „Driving home for Christmas“ nach Hause fahren. Irgendjemand muss 24/7 einsatzbereit sein – und deshalb arbeitet man meist entweder an Weihnachten und hat Silvester frei oder umgekehrt. Beides freizuhaben, ist sehr selten.
Im letzten Jahr war ich in der Weihnachtsgruppe. Der Tag war relativ ruhig, aber ein Einsatz blieb mir in Erinnerung. Gegen Abend ging der Melder, darauf stand wieder mal „Person nicht ansprechbar“. Selbst ein Stein ist ansprechbar, er kann nur nicht antworten. Wir wissen also alle, dass „Person nicht ansprechbar“ Unfug ist. Wir wissen aber auch alle, was damit eigentlich gemeint ist: Irgendjemand ist bewusstlos und braucht medizinische Hilfe.Unsere Fahrt brachte uns in ein vornehmes Wohngebiet mit eher großen, frei stehenden Einfamilienhäusern. Da der RTW und wir als NEF parallel alarmiert wurden, fuhren wir auch gemeinsam los und trafen zeitgleich ein.
Das Haus war hell erleuchtet, davor standen mehrere Autos. Offensichtlich war eine größere Familienfeier im Gange. Uns wurde die Tür von einer sichtlich mitgenommenen, jungen Frau geöffnet. Sie beklagte Sehstörungen und Übelkeit, wollte uns aber eigentlich zu ihren Eltern führen, die auf der Couch lagen. Wegen der Eltern hatten sie angerufen. Noch während ich gedanklich differenzialdagnostische Möglichkeiten von Fischvergiftung bis Migräne jonglierte, piepsten unsere Warngeräte am Rucksack in einem sehr schrillen Ton. Kohlenmonoxid! Ein tödliches und sehr tückisches, weil absolut geruchsloses Gas. Schon ein einziger Atemzug kann reichen und man liegt selbst daneben.
Es gibt unzählige, tragische Berichte von Rettungskräften, die im Einsatz für andere gestorben sind, weil sie das Kohlenmonoxid nicht bemerken konnten. Dafür tragen wir an jedem Rucksack ein kleines CO-Warngerät – damit wir nicht irgendwann daneben liegen. Wir gingen direkt wieder raus, ließen die Tür auf. Wir gaben den Angehörigen sehr deutliche Kommandos, die Fenster und Terrassentür aufzureißen. Hätte man die Luft anhalten und hereinrennen können? Vielleicht. Aber was, wenn man dann stolpert? Ich habe in solchen Situationen gelernt, herauszugehen und draußen zu bleiben. Von der Terrasse aus konnten wir außerdem sehen, dass beide Eltern auf der Couch lagen und stabil atmeten. Die Kinder waren deutlich fitter als die Eltern, einige wirkten überhaupt nicht betroffen. Die nachalarmierte Feuerwehr belüftete das Haus und rettete alle Personen aus dem Gebäude.
Es stellte sich heraus, dass in dem alten Haus erst im Sommer die Fenster und alle Türen getauscht wurden. Zu Weihnachten wurde der alte Kamin angemacht. Das langsam ausklingende Kaminfeuer verbrannte zuletzt unvollständig und dabei muss eine relevante Menge Kohlenmonoxid entstanden sein. Die Symptome waren so unklar, dass niemand darauf kam, dass es vom Kamin kommen könnte. Bereits geringe Mengen Kohlenmonoxid können einen so beeinträchtigen, dass man die Situation nicht mehr beurteilen kann. Selbst Feuerwehrleute oder Schornsteinfeger sind also nicht davor gefeit.
Die Verwendung von CO-Meldern in Wohnräumen und in der Nähe von Schlafräumen ist die sicherste Methode. Die Platzierung in der richtigen Höhe muss hierbei dringend beachtet werden. Heizungen, Gasthermen, Öfen und Kamine sollten regelmäßig gewartet werden, insbesondere aber umgehend nach Modernisierungs- oder Sanierungsmaßnahmen! Abzüge, Schornsteine und Lüftungen sollten freigehalten werden und auch wenn es sich eigentlich von selbst versteht: niemals einen Grill, Campingkocher oder Generatoren in Innenräumen benutzen! Ja, Leute machen sowas. Und wenn das Ding wirklich mal piepst: Auf jeden Fall ernst nehmen! Zum nächsten Fenster gehen, öffnen. Umgehend das Gebäude verlassen, andere warnen. Dann die 112 wählen und unter keinen Umständen wieder ins Gebäude gehen. Wenn die Feuerwehr das Gebäude dann wieder freigibt, kann auch weiter gefeiert werden.
Die Weihnachtsfeier in unserer betroffenen Familie war dann leider erstmal vorbei. Bis auf zwei Kinder hatten alle relevant hohe Mengen Kohlenmonoxid im Blut. Dafür haben wir spezielle Messgeräte im Rettungsdienst, die das über einen Fingerclip messen können. Die normalen Pulsoximeter können das nicht, unsere können das (teilweise). Da fast alle auch neurologische Symptome hatten, wurden sie zur Sauerstoffbehandlung mitgenommen. Eine Überdrucktherapie war nicht notwendig. Alle Beteiligten erholten sich rasch und waren schon am nächsten Tag wieder zu Hause. Zum Glück gibt es für solche Fälle ja nicht nur Heiligabend, sondern auch noch zwei Weihnachtstage.
Und so machen wir es auch – wer Heiligabend Dienst hat, feiert am ersten und zweiten Weihnachtstag. Und umgekehrt. So sind alle Dienste besetzt und trotzdem können alle feiern. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und bleibt gesund!Bildquelle: Imkara Visual, Unsplash