Chronische Schmerzen mindern nicht nur die Lebensqualität, sondern gehen auch mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck einher. Worauf Ärzte bei Patienten mit multiplen oder generalisierten Beschwerden besonders achten sollten.
Sie zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen krankheitsbedingter Einschränkungen: chronische Schmerzen. In Europa sind je nach Studie zwischen 12,7 und 33,7 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Laufe ihres Lebens betroffen. Trotz dieser hohen Prävalenz war der Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und Bluthochdruck bislang nur unzureichend erforscht. Eine neue Analyse schließt diese Lücke und liefert erstmals belastbare Langzeitdaten aus Daten einer großen, gut charakterisierten Bevölkerungsstudie. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Ärzte dem wechselseitigen Zusammenspiel von chronischen Schmerzen und Hypertonie künftig deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.
Für ihre Analyse werteten die Forscher Daten von 206.963 Teilnehmern der UK Biobank im Alter zwischen 40 und 69 Jahren aus, die zu Studienbeginn keine arterielle Hypertonie hatten. Schmerzen erfassten sie mit standardisierten Fragebögen. Dabei berücksichtigten die Autoren sowohl die Dauer als auch die Lokalisation, die Anzahl betroffener Körperregionen und den Unterschied zwischen lokalisierten und generalisierten Schmerzmustern. Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 13,5 Jahren entwickelten knapp 20.000 der Teilnehmer erstmals eine ärztlich dokumentierte Hypertonie.
Die Ergebnisse zeigen, dass bereits kurzfristig auftretende Schmerzen mit einem leicht erhöhten Risiko verbunden sind, im weiteren Verlauf Bluthochdruck zu entwickeln. Deutlich ausgeprägter war dieser Zusammenhang bei chronischen Schmerzsyndromen. Personen mit chronisch lokalisierten Schmerzen hatten ein um rund 20 Prozent erhöhtes Hypertonie-Risiko, während es bei chronisch generalisierten Schmerzen sogar um etwa 75 Prozent anstieg. Die Effekte blieben auch nach umfassender statistischer Anpassung bestehen. Unter anderem berücksichtigten Forscher demografische Faktoren, den Lebensstil, metabolische Risiken und Begleiterkrankungen. Bei der Analyse fanden sie einen klaren Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Mit jeder zusätzlichen Körperregion, die von chronischen Schmerzen betroffen war, nahm das Risiko für eine spätere Hypertonie weiter zu. Pro weiterer schmerzhafter Lokalisation stieg das Risiko um etwa 7 Prozent. Die Beobachtung spricht gegen einen Zufallsbefund. Sie unterstreicht die klinische Bedeutung chronischer Schmerzen als bislang unterschätzten, potenziellen kardiovaskulären Risikofaktor.
Das höchste Risiko für eine spätere Hypertonie fand sich bei Patienten mit chronischen, generalisierten Schmerzen. Doch auch bei spezifischen Schmerzformen beobachteten die Forscher Auffälligkeiten: So waren chronische Bauchschmerzen, Kopfschmerzen sowie Nacken- und Rückenschmerzen jeweils mit einer signifikanten Zunahme des Hypertonie-Risikos verbunden. Das galt auch für chronische Hüft- und Rückenschmerzen, die ebenfalls klar mit einer späteren Hypertoniediagnose assoziiert waren. Chronische muskuloskelettale Schmerzen – die in der Allgemeinbevölkerung die häufigste Schmerzform darstellen – gingen insgesamt mit einem moderat erhöhten Bluthochdruckrisiko einher.
Auch hier zeigte sich ein dosisabhängiger Zusammenhang: Mit zunehmender Zahl betroffener Gelenke oder Körperregionen stieg das Hypertonie-Risiko weiter an. Die Studie liefert systematische Hinweise darauf, dass für das kardiovaskuläre Risiko nicht allein die Intensität von Schmerzen entscheidend ist, sondern vor allem deren räumliche Ausdehnung und zeitliche Persistenz.
Die Mediationsanalyse der Studie untersucht, welche Faktoren den Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und der Entwicklung einer Hypertonie vermitteln. Im Zentrum standen Entzündungsprozesse, depressive Symptome und die Einnahme von Schmerzmedikamenten. Als wichtigen Einflussfaktor identifizierten die Forscher depressive Symptome. Diese erklärten rund 11 Prozent des Gesamteffekts und leisteten damit den größten Beitrag zur Vermittlung des Zusammenhangs. Entzündungsprozesse, gemessen am C-reaktiven Protein, trugen dagegen nur marginal zu diesem Effekt bei. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass gängige Schmerzmedikamente, darunter nichtsteroidale Antirheumatika, Opioide und Antidepressiva, keinen relevanten Mediator-Effekt aufwiesen. Der Zusammenhang zwischen chronischer Schmerzbelastung und Bluthochdruck lässt sich also nicht durch die medikamentöse Begleittherapie erklären. Vieles spricht dafür, dass psychobiologische Mechanismen eine Rolle spielen.
Die Ergebnisse sind pathophysiologisch plausibel. Sie verdeutlichen eine enge Verbindung zwischen Schmerz, psychischer Belastung und kardiovaskulärer Regulation, wobei depressive Symptome eine zentrale Rolle spielen. Ärzte sollten Patienten mit chronischen Schmerzen auch als kardiovaskuläre Risikogruppe wahrnehmen. Eine regelmäßige Blutdruckkontrolle sowie die systematische Erfassung psychischer Begleitfaktoren sind wichtig, um diese Menschen bestmöglich zu betreuen.
Pell et al.: Chronic pain and risk of incident hypertension: a population-based cohort study using UK Biobank data. Hypertension, 2025. doi: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.125.25544
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