Alle Jahre wieder entgleisen zur Weihnachtszeit die Serotoninspiegel: Es wird ruhiger im Vollzug. Außer bei Herrn Vogel, der tauscht seine Medikation gegen ein Tattoo ein – zum Leidwesen aller.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum ich steck ihn dir IN DEN ARSCH!!! Meinen Tannenbaum!! Merry SCHEISSmas, ihr Weihnachtswichtelwichser!!! Ich fickeuchalleeee! Maria ist toooot, lang lebe Jesus Christus!“Es weihnachtet im Knast, und Herr Vogel nimmt mal wieder seine Medikamente nicht. Er wollte sich was gönnen an den Feiertagen. Ein weiteres Tattoo. Zwar kann man juristisch keine Kausalität nachweisen, aber bei dem Drogendealer aus der 14 wurde eine Tätowiermaschine rausgefilzt, und Herr Vogel hatte einen frisch gestochenen Schriftzug auf seinem Unterarm. Bei der anschließenden UK (Urinkontrolle) war der Drogendealer positiv auf Benzos – und Herr Vogels Spiegel verdächtig niedrig. Das Tattoo kostete wohl genau so viel Diazepam, um dem Wahnsinn in Paul Vogels Synapsen Tür und Tor zu öffnen. Die Manie durchbrach als Erstes die Mauern des Verstandes. Gefolgt von Wahn, psychotischen Strömen, Allmachts- und Verfolgungsfantasien. Es geht dann immer ganz schnell. Ein paar Tage ohne Medis und der typische aufdringlich-bizarre Schreigesang erfüllt die vorweihnachtlich geschmückten Flure.
Ich suche mir also einen Beamten, der mich beim Gespräch mit meinem alten Freund begleitet. Ich bin zwar mutig, aber nicht lebensmüde, deshalb spreche ich Herrn Vogel nie allein in meinem Büro.
Auf dem Weg zu seinem Haftraum passieren wir einen Tannenbaum in jedem einzelnen Flur. Wunderschöne Blautannen. Solche, die beim Christbaumverkauf als Erstes weggehen, weil sie so perfekt gewachsen sind. Wer die bezahlt und woher die jedes Jahr kommen, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Die liegen in den Wochen vor Heiligabend irgendwann vor der Türe und werden dann von den Hausarbeitern mehr oder weniger liebevoll geschmückt. Es steht schöner, alter Glasschmuck zur Verfügung und es ist jedes Mal ergreifend anzusehen, mit wie viel Respekt und Sorgfalt die schweren Jungs sich an das Aufstellen und Dekorieren der Bäume machen.
Nicht jeder schafft das allerdings. Für einige ist diese Aufgabe emotional zu belastend. Manche ringen schon beim Anblick der geschmückten Pflanze mit der Fassung. Wie ein Faustschlag feuert ihnen das glitzernde, bunte Ding die Tatsache ins Bewusstsein, dass die besinnlichste Zeit des Jahres diesmal ohne sie stattfinden wird. Die Zeit, in der man seinen Liebsten am nächsten ist, in der man sich und seine Beziehungen – und vor allem sein Zuhause – feiert. Genau genommen findet die Zeit schon mit ihnen statt. Aber halt hier drinnen. Ohne Zuhause. Und ohne die Liebsten. Hinter Metern und Tonnen von Beton und Stein. Mit Menschen, die einem fremd sind. In einer Zwangsgemeinschaft mit Unsympathen, Soziopathen und traurigen Verlierern. Und dem ein oder anderen Psychopathen.
Inzwischen sind wir mit Herrn Vogel in meinem Büro angekommen. Er möchte sich nicht setzen. Bei ihm ein sicheres Zeichen, dass sein System bereits dermaßen überlastet ist, dass er kurz vor der Explosion steht. Sein sympathisches Nervensystem ist auf Dauerstrom geschaltet. Heute ist Montag. Er befindet sich vermutlich bereits seit drei Tagen im High Arousal. Er wird in diesem Zustand vermutlich nicht geschlafen haben. Der Schlafentzug wirkt zusätzlich euphorisierend. Durch die Dopaminüberproduktion in seinem Gehirn fühlt er sich nicht mal wirklich schlecht und so gibt es für ihn keinen Grund, seine Medis wieder zu nehmen. Wenn man ihn in einer solchen Phase rechtzeitig erwischt, ist es manchmal möglich, mit ihm einen Deal auszuhandeln: Medi-Einnahme gegen Tabak oder so was.
„Schön, dass Sie mitgekommen sind, Herr Vogel“, eröffne ich den Tanz.„Mitgekommen, mitgenommen, mitbegonnen. Was hab ich schon für eine Wahl?! Ich bin Gefangener in meinem eigenen SystemUNDdemsystemderanderen. Dem System des Staates, der allheiligen Macht UNDdenextrterrestrischenkräftendiesichumunsereifern… MÜDE! Müdebinichvondenlügen, die Sie mir seit Wochen auftischen.“„Von welchen Lügen sprechen Sie denn?“, starte ich einen verzweifelten Versuch, einen Bezug zu seinen Wortfetzen herzustellen – in der Hoffnung durch einen beliebigen Dialog Herrn Vogels Neocortex anzusprechen. Dialoge werden in der Großhirnrinde verarbeitet, deshalb kann es in solchen Fällen hilfreich sein, den Klienten in einen Dialog zu drängen und ihn inhaltlich an ein Thema zu binden. Manchmal bekomme ich Herrn Vogel so zurück. Nicht heute. Sein Gesicht hat die Farbe eines gut abgehangenen Rindersteaks angenommen. Der abgenudelte Kragen seines blassblauen Gefangenenhemdes vibriert – Herr Vogel zittert vor Erregung. Das ist nicht gut. Ich checke den Raum unauffällig nach gefährlichen Gegenständen in seiner Nähe. „Vater Maria voll der Gnade, vergib uns Deine Hure, die Du auf Erden uns als Zumutung geschickt hast. PRÜFUNG! PRÜFUNG! Wie ein Volkswagen so zuverlässig der zum Trabant wurde, um die Erde hin zum Mond. Vergessen. Vergessen und verraten. VERRATEN!!! VERRÄTER!!!“ – „Herr Vogel!“ –„VERRÄTER IM GEISTE UND IM LEIB CHRISTI, DER HURE, DER JUDEN…“ – „HERR VOGEL!!!“ Er hält inne und sieht mich an.
Ich habe jetzt ziemlich genau zwei Sekunden um meine Botschaft zu droppen. „Sie nehmen ihre Medikamente nicht mehr.“ – „Woher wollen Sie das wissen, Sie wissbegieriges Stück, Sie sexistische Madonna, Sie HURE DER JUSTIZ!!“
Wenigstens siezt er mich noch. Ein Zeichen, dass noch nicht alle Hemmungen gefallen sind. „Nicht die Psychologin beleidigen, Paul“, mischt sich Frederick, der Beamte ein. „Psychologin, Schmüchologin. Wer weiß denn überhaupt, ob die einen Abschluss hat? Haben Sie das geprüft?!“ – „Herr Vogel, schaffen Sie das heute noch, sich einzukriegen, oder müssen wir das Gespräch abbrechen?“ Kurz beruhigt er sich, aber nur, um daraufhin erst richtig durchzustarten. Ich wende mich zu Frederick und schüttle kurz und bedauernd mit dem Kopf. Frederick versteht und erhebt sich. „Komm, Paul, wir gehen. Das wird heute nix“ – „Herr Vogel, wir beenden das hier“, versuche ich die Situation zu klären. „Nehmen Sie ihre Medikamente, und wir versuchen es am Freitag nochmal.“ – „Paul, komm, wir gehen“, wiederholt Frederick in einem Ton, als würde er einen Hundewelpen bitten, nicht auf die Couch zu pinkeln. „JAAAAA, DAS KÖNNT IHR!!! MICH RAUSWERFEN!!! ABWERFEN, FALLEN LASSEN!!! Meine Medikamente gehen Sie einen SCHEISS AN!!!“
Frederick packt den alten, aber immer noch 100 Kilogramm schweren Mann an der Schulter und dreht ihn gekonnt in dem Moment von mir weg, als er sich vom Stuhl erhebt. Schimpfend, zeternd und mit ein wenig körperlichem Nachdruck entfernen sich die Beiden aus meinem Büro über den Gang. Vorbei am Weihnachtsbaum, vorbei an all den Hafträumen voll Heimweh und Weihnachtsschmerz.
Heute ist der 15. Dezember. Noch drei Wochen, dann ist die schlimmste Zeit hier drinnen vorüber. Wie immer wird es am 24. für die Gefangenen etwas Besonderes zu Essen geben. „Weihnachtskost“. Oft ist es Brathähnchen. In der Woche vor Weihnachten bekommen die Gefangenen, die kein Einkommen von außen haben, das sogenannte „Weihnachtspaket“. Es ist ein Karton voll Knast-Luxus. Kaffee, Schokolade und natürlich Tabak. Und ein paar Grußkarten, die man an seine Familien verschicken kann. Um ehrlich zu sein habe ich auch die finanzielle Grundlage dieses Weihnachtsbrauches nie hinterfragt. Die Pakete sind irgendwann einfach bei den Dienstleitern und werden dann an die Gefangenen verteilt, die sie beantragen. Man hat das auf dem Schirm. Man fragt ab dem ersten Dezember jeden mittellosen Klienten: „Haben Sie schon Ihr Weihnachtspaket beantragt?“
Ein weiteres Weihnachtshighlight im Vollzug ist die Weihnachtsamnestie. Man verbindet hier das Praktische mit dem Mildtätigen. Nachdem Weihnachten naturgemäß eine Haupturlaubszeit ist und sich hier zusätzlich die Krankschreibungen häufen, herrscht chronisch Personalnot. Die Gerichte sind über die Feiertage ebenfalls nur Not-besetzt. Von daher ist es schlau, die Gefängnisse so gut es geht zu leeren. Je nach Ermessen des Gerichtes bekommen Gefangene, die kurz nach den Feiertagen entlassen würden, die letzten Tage geschenkt. Hast du also am 03.01. Entlasstermin, ist die Chance groß, dass du Heiligabend mit deiner Familie feiern kannst.
Doch nicht nur Schönes passiert in der „staaden Zeit“. Um Heiligabend und Neujahr schnellt die Suizidrate jedes Jahr bayernweit (vermutlich sogar weltweit?) in die Höhe. Im Winter häufen sich Suizide und Suizidversuche ohnehin. In den Tagen zwischen dem 23. Dezember und dem 05. Januar erreichen sie ihren traurigen Höhepunkt. Heimweh, Sehnsucht und Einsamkeit multiplizieren sich mit Selbsthass und einem völlig entgleisten Serotoninspiegel, weil die meisten Gefangenen seit Wochen kein Tageslicht mehr gesehen haben. Im Hof ist es nass, dunkel und verregnet und im Haftraum ist es wenigstens warm und die Glotze läuft. Also bleibt man drin und pflegt seine Depression. In diesem ganzen dysthymen Sumpf von Anhedonie und grauer Gleichgültigkeit gibt es dann ein Datum, dass sich nicht ignorieren lässt. Im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung und in der Kirche. Überall ein Thema, ein Datum. Leider wird dieses Datum dann oft der traurige Anlass.
Und dann ist da natürlich Gott. Also zumindest die Kirche. Unsere Seelsorger haben im Moment Hochsaison. Es werden Kerzen angezündet, Gefangene seelsorgerisch einzelbetreut, mehr Bibeln als sonst verteilt und natürlich der Weihnachtsgottesdienst vorbereitet. Bei uns heißt er nicht mehr „Christmesse“. Aus gutem Grund. Jeder ist willkommen. Christen, Moslems, Atheisten, egal ob deutschsprachig oder nicht. Es gibt ein Weihnachtskonzert, häufig gewinnt man sogar externe Musiker und Chöre für einen Auftritt. Ich besuche diesen Gottesdienst so gut wie immer, obwohl ich der Kirche außerhalb der Mauern wenig verbunden bin. Etwas Seltsames passiert, sobald man im Gefängnis durch das schwere Holztor in die heiligen Hallen tritt und den typisch modrig-vertrauten Geruch einatmet. Das Geschrei verstummt. Das protzige Gehabe, die Provokation und die Aggression. All das fällt ab. Plötzlich sind wir einfach nur alle Menschen, die sich an Weihnachten in einer Kirche versammeln. Eine Insel. Ein bisschen wie einst West-Berlin. Man ist schlagartig rausgerissen. Die Kirche gehört zum Gefängnis, aber irgendwie auch nicht. Wie Alice im Wunderland, wenn sie in das Wurzelloch springt. Ich kann mich an keine Schlägerei, keine Pöbelei erinnern, die je in der Kirche entbrannt wäre. Für einen Moment ist hier Stille.
Genau so überstehen die Gefangenen diese Zeit. Von Moment zu Moment. Das Gute festhalten, das Unerträgliche ertragen. Ein Sonderbesuch, ein Weihnachtspaket, Extrapost von der Verwandtschaft, „Blockbuster“ auf Pro Sieben, RTL und VOX. Möglichst viel schlafen und dann einfach hoffen, dass bald Januar ist. In diesem Sinne, liebe Leser: genießen Sie die Zeit mit Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, denn nichts anderes zählt. Ich wünsche Ihnen von Herzen Gesundheit (körperlich wie geistig), intakte Beziehungen, Liebe und frohe Weihnachten.Bildquelle: Joel Muniz, Unsplash