Sport, gesunde Ernährung, kognitive Auslastung: All diese Dinge wirken präventiv gegen Demenz. Das ist vielleicht auch einfacher möglich – mit einer Impfung gegen Gürtelrose.
Die Suche nach wirksamen Strategien zur Prävention von Demenzerkrankungen gewinnt angesichts einer alternden Bevölkerung zunehmend an Bedeutung. Ein möglicher Baustein in diesem Präventionskasten könnte die Impfung gegen Herpes zoster sein. Bereits 2023 hatte eine Analyse aus Wales Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang geliefert – die Herpes-zoster-Impfung verhinderte etwa jede fünfte neue Demenzdiagnose über einen Zeitraum von sieben Jahren (DocCheck berichtete hier). Grundlage dieser Erkenntnisse war ein besonderes „natürliches Experiment“: Der britische National Health Service führte die Zostavax®-Impfung anhand eines streng geburtsdatumsbasierten Systems ein. Dadurch unterschied sich die Impfquote zwischen Menschen, die lediglich um wenige Tage im Geburtstag differierten, um fast 50 Prozentpunkte – ein idealer Ansatz, um Verzerrungen durch Gesundheitsverhalten auszuschließen.
Eine neue, im Fachjournal Cell veröffentlichte Studie greift dieses Design nun erneut auf und erweitert die Fragestellung erheblich: Wirkt die Impfung nicht nur präventiv, sondern beeinflusst sie auch den Krankheitsverlauf bei bereits bestehender Demenz? Dazu wurden erneut große Bevölkerungsdaten aus Wales ausgewertet – insgesamt über 300.000 Menschen. Es wurden dabei zwei völlig unterschiedliche Krankheitsstadien betrachtet: zum einen das erstmalige Auftreten einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) bei zuvor unauffälligen Personen, zum anderen Todesfälle aufgrund von Demenz bei bereits erkrankten Menschen.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Die HZ-Impfung senkte das Risiko für eine erstmalige MCI-Diagnose signifikant – und zwar über neun Jahre hinweg. Ebenso eindrucksvoll ist der Befund, dass die Impfung bei bereits an Demenz erkrankten Personen das Sterberisiko reduzierte. Damit zeigt sich ein klinischer Nutzen sowohl zu Beginn als auch am Ende des Demenzspektrums. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass die Impfung über den gesamten Verlauf der Erkrankung hinweg wirken könnte.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft Geschlechtsunterschiede. Frauen profitierten deutlich stärker als Männer – ein Muster, das bereits zuvor beschrieben wurde und möglicherweise auf immunologische Geschlechtsunterschiede oder ein höheres Risiko für VZV-Reaktivierungen bei Frauen zurückzuführen ist. Die Studienlage zeigt sich somit inzwischen konsistent: Die Herpes-zoster-Impfung leistet wahrscheinlich mehr als nur den Schutz vor Gürtelrose. Sie könnte ein effektives bevölkerungsmedizinisches Instrument zur Prävention und Verlangsamung von Demenz darstellen.
Erfreulich ist daher, dass die STIKO im Jahr 2025 ihre Impfempfehlungen erweitert hat. Schon seit 2018 gilt die Herpes-zoster-Impfung mit dem adjuvantierten Totimpfstoff Shingrix® als Standardimpfung für alle Menschen ab 60 Jahren – ein Impfstoff, der keine lebenden Viruspartikel enthält und eine sehr hohe Wirksamkeit zeigt. Während die beschriebenen Natural-Experiment-Studien ihren kausalen Nachweis mit der früher verwendeten Lebendvakzine (Zostavax®) erbrachten, zeigt eine weitere Studie, dass auch der Totimpfstoff mit einem reduzierten Demenzrisiko assoziiert ist. Damit könnte der heute in Deutschland verwendete Impfstoff ebenfalls zu den kognitiven Schutzmechanismen beitragen, auch wenn hierfür noch kausale Bestätigungen fehlen.
Im November 2025 hat die STIKO ihre Empfehlungen um folgenden Kreis erweitert: Nun sollen auch Erwachsene ab 18 Jahren mit erhöhtem Risiko – etwa aufgrund einer Immunschwäche, chronischen Erkrankungen wie Diabetes, HIV oder Autoimmunerkrankungen – routinemäßig geimpft werden. Zusätzlich bleibt die Standardempfehlung für alle ab 60 Jahren bestehen. Diese Erweiterung stärkt nicht nur den Schutz vor Gürtelrose und ihren Komplikationen, sondern könnte im Licht der aktuellen Forschung mittelbar auch die Reduktion neuroinflammatorischer Prozesse unterstützen, die als Demenztreiber gelten.
Bildquelle: Midjourney