KOMMENTAR | Auch dm wagt den Einstieg in den OTC-Versand. Apotheken wittern den nächsten Sargnagel. Droht ihnen wirklich die Verdrängung – oder ist der Aufschrei nur Gewohnheit?
„Für Dich und Deine Gesundheit: dm-med bietet Dir eine große Auswahl an nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sowie apothekenexklusiven Produkten“ heißt es auf der Homepage des bekannten Drogeriemarkts. „Darunter Kosmetik, Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukte, die Du im dm-med-Bereich des dm-Onlineshops sowie in der dm-App bestellen kannst. Die Bestellung kommt innerhalb von 2-3 Werktagen bei Dir an.“ Einmal mehr macht sich Panik in der Apothekerschaft breit. Plötzlich, so der Tenor mancher Reaktionen, soll das Fundament der Arzneimittelversorgung wackeln. Nur warum fühlt sich der Berufsstand so existenziell bedroht?
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Öffentliche Apotheken erzielen rund 85 Prozent ihres Umsatzes mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. OTCs, Freiwahl, Kosmetik und verwandte Sortimente machen gerade einmal etwa 15 Prozent aus. Und doch wird jetzt so argumentiert, als würde dm mit rund 2.500 OTC-Produkten das wirtschaftliche Herz der Apotheke herausreißen. Wenn ein Drogeriemarkt genügt, um ein Geschäftsmodell ins Wanken zu bringen, liegt das Problem nicht bei dm, sondern im eigenen Selbstverständnis, denke ich.
Denn dm-med ist keine Apotheke mit vollumfänglichem Sortiment, sondern ein OTC-Logistikangebot mit pharmazeutischem Feigenblatt. Beratung werktags von 9 bis 14 Uhr, der Versand aus dem Ausland mit teils unklaren Lieferzeiten, ein Fokus auf standardisierte Selbstmedikation – das sind keine Argumente für Versorgungssicherheit. Es gibt keinen Notdienst, keine Akutversorgung, keine Verantwortung für komplexe Therapien. Was hier angeboten wird, ist vielmehr ein klar kalkuliertes Geschäftsmodell. Die Initiatoren spekulieren mit Bequemlichkeit. dm liefert, was sich leicht verkaufen lässt – in die Drogerie-Filiale vor Ort oder an die Haustür. Amazon und klassische Versandapotheken praktizieren dieses Prinzip seit Jahren erfolgreich. Wer daraus einen Angriff auf die heilberufliche Rolle der Apotheke konstruiert, überschätzt dm – und unterschätzt zugleich die eigene Bedeutung der Apotheke vor Ort.
Hören wir auf, uns etwas vorzumachen: Der OTC-Markt wurde Apotheken nicht weggenommen – sie haben ihn der Konkurrenz über Jahre hinweg kampflos überlassen. Nicht aus Zwang, sondern aus Bequemlichkeit und aus einer tief sitzenden Abneigung gegen alles, was nach Marketing und Kommunikation aussieht. Das Ergebnis dieser Haltung ist bis heute in vielen Apotheken sichtbar: eine austauschbare Sichtwahl, mutlose Kommunikation und eine Offizin mit Mobiliar aus den 1970er-Jahren. Wohlfühlen als Teil des Verkaufserlebnisses sieht anders aus. Auch digital haben viele – nicht alle – Apotheken den Anschluss nicht nur verpasst, sondern bewusst ignoriert. Dazu zählen Apps, Websites oder Social-Media-Auftritte ohne großen Nutzen. Zur Not lässt die Apothekenleitung austauschbaren Fremd-Content einspielen. Und nicht zuletzt begannen viele Apotheken erst mit Corona, Botendienste anzubieten. Die Online-Konkurrenz hat das Jahrzehnte früher erkannt.
Und jetzt? Plötzlich ist von „Systemrelevanz“ die Rede, von „Gefährdung der Versorgung“, von unfairen Wettbewerbern. Das ist nicht nur unerquicklich, es ist auch unbequem. Dabei wäre genau jetzt der Moment, den Drogeriegiganten herauszufordern – und zu zeigen, was Apotheken tatsächlich besser können. Und das ist eine ganze Menge. Menschen wünschen sich, bei aller Digitalisierung, gerade im Gesundheitsbereich Empathie und persönliche Kontakte. Das kann keine App, keine KI, kein Webformular ersetzen. Haben Apotheken OTC-Produkte vorrätig oder können sie diese kurzfristig über den Großhandel beschaffen, sind Patienten schneller versorgt als über dm, DocMorris oder andere Versender. Vor allem klaffen im OTC-Sortiment von dm-med noch etliche Lücken, gerade bei beliebten Präparaten. Und bei Stammkunden erkennen Apotheken Wechselwirkungen, Mehrfachkäufe und problematische Kombinationen – auch bei OTC-Produkten oder Supplementen – oft besser als jeder Algorithmus. Nicht zuletzt bieten pharmazeutische Dienstleistungen, gezielt beworben, eine Chance, Kunden zu binden. Genutzt wird diese Möglichkeit von Apotheken vor Ort aber nur schleppend.
So oder so bleiben Rx-Präparate wirtschaftlich der Kern öffentlicher Apotheken. Umso ärgerlicher, dass das Fixum pro abgegebener Rx-Packung bei 8,35 Euro bleibt. Über Anpassungen will Gesundheitsministerin Nina Warken erst im kommenden Jahr weiter nachdenken. In dieses ohnehin nervöse Klima fiel die Protestaktion der ABDA am 17. Dezember, einem Mittwoch. Und ja, an Mittwochen haben viele Apotheken nachmittags geschlossen. Ein guter Zeitpunkt also. Unter dem Motto „Blackout: Apotheken protestieren gegen Honorarstopp“ sollten Apotheken bundesweit für kurze Zeit das Licht ausschalten, lediglich eine Notbeleuchtung blieb an. Die Botschaft soll dramatisch sein: chronische Unterfinanzierung, seit 13 Jahren kein Honorarzuwachs, Kostensteigerungen von rund 65 Prozent, Apothekensterben.
Doch so wird der Protest unfreiwillig zur Verlängerung derselben Erzählung, die schon die dm-Debatte prägt: die Apotheke als Opfer, nicht als Akteur. Als Getriebene, nicht als Gestaltende. In Berlin tangieren solche Aktionen niemanden. Solange der Berufsstand es nicht schafft, auf die Straße zu gehen, um gemeinsam Druck zu machen, bleibt es bei zu niedrigen Vergütungen. Und genau das schwächt die eigene Position am Ende mehr, als es jeder Drogerieversand je könnte.
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