Herr Petrovic ist zu Unrecht im Gefängnis – glaubt er. Seine Mutter liegt im Sterben, seine Kinder brauchen ihn. Solche Aussagen höre ich nicht zum ersten Mal. Meine Strategie: brutale Ehrlichkeit.
„Er ist krank vor Sorge um seine im Sterben liegende Mutter“, übersetzt der Dolmetscher. Ich ignoriere die dann folgende dramatische Pause und hebe ungeduldig die Augenbrauen. Ein nonverbales Signal: Ich brauche Fakten, kein Drama. Der Gefangene, Herr Petrovic, mein eigentlicher Klient, schweigt vorwurfsvoll. Es ist ein stummer, aber lauter Vorwurf an das System. Ein Vorwurf an den Richter, der ihn in U-Haft stecken ließ. Und ein Vorwurf an mich, weil ich ihm nicht mit der mütterlichen Herzenswärme entgegentrete, die er sich von der „Frau Psychologin“ erwartet hätte. Der Dolmetscher übersetzt weiter, ohne dass mein Klient den Mund bewegt hätte: „Seine Mutter, die hat eine Krankheit. Er hat Sorge, dass sie stirbt, während er hier in Haft ist. Was, wenn sie stirbt?“
„Bitte übersetzen Sie Folgendes“, unterbreche ich. „Ich kann Ihnen diese Sorge nicht nehmen, Herr Petrovic. Es gehört zu den schlimmsten Dingen, dass Menschen aus unserem Umfeld sterben, während wir nicht bei ihnen sein können. Leider ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Sie noch vor Ihrem Prozess aus der Haft entlassen werden. Das Gesündeste für Ihren Kopf wäre es, sich darauf einzustellen, dass Sie die nächsten sechs bis zwölf Monate bei uns verbringen werden.“ Ein Standardtext. Repertoire. Ich lasse dem Dolmetscher Zeit. Er ist selbst ein Gefangener, liegt zwei Hafträume weiter. Ein guter Mann, höflich und hilfsbereit. Ich mag ihn. Und – im Gefängniskontext nicht selbstverständlich – er übersetzt tatsächlich weitestgehend das, was man ihm sagt.
„Er hat auch zwei Kinder“, fährt der Dolmetscher nach der Antwort meines Klienten fort. „Die sind jetzt ganz allein und haben nichts zu essen.“ Ich runzle die Stirn. Ich gebe Herrn Petrovic kurz Zeit, die Geschichte geradezurücken. Der Dolmetscher korrigiert nach kurzem Wortwechsel auf Serbisch: „Also, die sind bei ihrer Mutter. Aber die brauchen ihn. Weil … er halt der Mann ist. Und die ihn vermissen. Deshalb kann er hier nicht im Gefängnis bleiben.“ Ich kämpfe gegen meinen inneren Widerstand an. Ich finde es verwerflich, wenn Gefangene ihre Kinder vorschieben, um Druck auszuüben – zumal sich bei genauerem Hinsehen oft ein ganz anderes Bild zeigt als das des liebenden Familienvaters, der nur durch tragische Umstände in Schwierigkeiten geraten ist. Wieder ein Wortwechsel zwischen den beiden Männern. „Er sagt, er muss hier raus. Was kann er tun, damit er nach Hause gehen kann?“ Der Dolmetscher senkt die Stimme vertraulich: „Frau Psychologin, ich hab’ ihm schon erklärt, dass er hierbleiben muss. Er fragt einfach jeden Tag. Er meint, er kommt hier raus, wenn er sich nur genug anstrengt. Jetzt versucht er es eben bei Ihnen.“ „Danke, dass Sie ihm zuhören. Das hilft ihm bestimmt sehr.“
„Nisam ništa uradio!“, drängt Herr Petrovic plötzlich. „Samo sam bio tamo. Kada su stvari postale ozbiljne, pobegao sam. Ne bi trebalo da budem ovde!“ Ich blicke fragend zu meinem Dolmetscher. „Er sagt, er habe nichts gemacht. Er wollte zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Ich kenne seine Geschichte, er hat sie mir schon oft erzählt. Er ist da eigentlich nur in was hereingeraten. Er ist ein guter Kerl.“ Ich öffne den Haftbefehl am PC. Die Aktenlage spricht eine andere Sprache. „Herr Petrovic, Sie sind am 15. Oktober morgens mit dem Zug hier angekommen. Noch am selben Abend haben Sie mit ein paar Kumpels den Fahrradkeller eines Wohnhauses aufgebrochen und wurden erwischt. Ich glaube kaum, dass Sie es als ‚nichts‘ bezeichnen würden, wenn jemand in Ihren Keller einbricht und Ihre Sachen stiehlt.“
Der Dolmetscher übersetzt. Ich setze nach: „Sie kamen hier an und haben noch am selben Abend Scheiße gebaut. Sie sind nicht zum Arbeiten hierhergekommen, Sie sind zum Stehlen hierhergekommen.“ Mein Dolmetscher schluckt, zögert, übersetzt aber brav. Herr Petrovic rudert zurück: Er habe unter Drogen gestanden. Das mit dem Arbeiten habe nicht geklappt, er wollte Geld für das Zugticket nach Hause besorgen. Als die anderen in den Keller eingebrochen seien, habe er Angst bekommen und sei weggerannt. „Aha“, kommentiere ich trocken. Diese Version wird ihm das Gericht um die Ohren hauen. Zu Recht. „Verrückte Idee ...“, setze ich etwas polemisch an, „man hätte statt Drogen ein Rückfahrticket kaufen können.“ Der Serbe schwitzt. Dem Dolmetscher wird das Gespräch unangenehm. Er versucht, zu vermitteln: „Also, er hat die Drogen nicht bezahlt. Die anderen haben ihn eingeladen.“ Natürlich. „Er will einfach zurück nach Hause. Er hat Angst, dass seine Mutter stirbt, während er im Gefängnis sitzt, das würde er sich nie verzeihen. Er hat nichts gemacht.“
„Danke, dass Sie so akkurat übersetzen“, sage ich und richte mich auf. „Es wird jetzt nochmal ein wenig unschön, mir ist aber wichtig, dass Sie das jetzt möglichst wörtlich übersetzen.“ Der große schwarzhaarige Dolmetscher nickt langsam und senkt konzentriert den Blick, als würden wir gleich zu zweit in eine Schlacht ziehen. Für unsere „Inhouse-Dolmetscher“ ist es schwer, ihren „Kollegen“ unschöne Dinge zu übermitteln. Die Solidarität unter Gefangenen ist groß, man fühlt sich verantwortlich. Man will Destabilisierung vermeiden und schlechte Nachrichten schönreden, Harmonie herstellen, wo keine sein kann. Und dann kommt die Psychologin und spielt den Bad Cop. „Herr Petrovic, Sie sind mit Ihren drei Kumpels nach Deutschland gereist, ohne eine Rückfahrkarte. Sie haben sich nach ein paar Stunden bereits die Birne zugeballert und abends sind Sie in den Keller eines Wohnhauses eingestiegen, um Fahrräder zu klauen.“ Es folgt die Übersetzung. „Sie hatten nie vor zu arbeiten, das nehme ich Ihnen einfach nicht ab. Sie hatten einen Plan, Sie wussten, wo die teuren Räder untergebracht sind, und die wollten Sie klauen und verticken.“ Wieder Übersetzung.
„Dass Sie jetzt Ihre Familie vermissen, das glaube ich Ihnen. Aber an der Situation ist niemand außer Ihnen selbst schuld. Sie haben versucht, schnelles Geld zu machen, und das ist Ihnen um die Ohren geflogen.“ Übersetzung. „Sie werden vermutlich ein Jahr in U-Haft sitzen und die Welt wird sich draußen ohne Sie weiterdrehen. Vielleicht werden Menschen sterben, sich von Ihnen abwenden, woanders hinziehen. Vielleicht passieren auch gute Sachen – Hochzeiten, Geburten. All das werden Sie hier drinnen nicht mitbekommen.“ Es folgt eine zögerliche Übersetzung. „Das bringt eine Haft mit sich. Das haben Sie in Kauf genommen. Sie haben gehofft, Sie werden nicht erwischt, aber Sie sind das Risiko eingegangen. Und jetzt tragen Sie die Konsequenz.“ Übersetzung.
Pause.
Herr Petrovic wirkt ... erleichtert. Er denkt nach. Er nickt. Dann bedankt er sich. Er möchte gehen. Am Haftraum bedankt er sich noch einmal bei mir – und es wirkt ehrlich. So absurd das klingt: Solche Reaktionen folgen häufig auf konfrontative Gespräche. Was wie eine paradoxe Übersprungshandlung wirkt, ist ein psychologischer Effekt, den ich im Haftkontext oft beobachte: die Auflösung der kognitiven Dissonanz. Herr Petrovic lebte in einem massiven Spannungsfeld. Sein Selbstbild („Ich bin ein guter Vater und Ehemann“) stand im krassen Widerspruch zu seiner Realität („Ich bin im Gefängnis“). Um diese Dissonanz zu reduzieren, konstruierte er externe Gründe: Das System ist böse, er ist unschuldig, die Umstände waren zwingend. Doch diese Version raubt ihm die Kontrolle – er macht sich zum Spielball.
Durch die brutale Konfrontation mit der Realität wird die Dissonanz aufgelöst, indem die Realität akzeptiert wird. Die Situation ist plötzlich nicht mehr ungerecht, sondern eine logische Konsequenz. Alles hat seine Richtigkeit. Er selbst ist für sein Dilemma verantwortlich. Das klingt unbarmherzig, aber es gibt ihm etwas Entscheidendes zurück: Selbstwirksamkeit. Nur wenn er schuld ist, hat er auch die Macht, es beim nächsten Mal anders zu machen. Mit einer einzigen gezielten Moralpredigt kamen die Kontrolle und die Gerechtigkeit zurück. Die Welt ist für Herrn Petrovic nun nicht schöner. Aber sie ist wieder korrekt.
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