Pageboy, Fliegerkombi und Lederjacke: Da kommt Nostalgie auf. Meine mittlerweile 30 Jahre als Retter waren geprägt von Improvisation, neuer Technik und großer Kollegialität. Was mir im modernen Rettungsdienst aber zunehmend fehlt, lest ihr hier.
Die Sonne brannte auf die Windschutzscheibe. Das gummierte Lenkrad glühte unter meinen Händen. Die Hitze klebte wie ein nasser Lappen auf der Haut. Die alte Gurke mit ihren Pressluftfanfaren, die mal wieder Öl vertragen konnten, röhrte in der letzten Kurve. Zeugen winkten uns. Da lag er im staubigen Hinterhof: ein Mann, Mitte sechzig, grau-blau im Gesicht. „Reanimation“, rief mein Kollege. Ich riss dem Mann das Hemd auf. Knöpfe sprangen weg und erzeugten klickende Geräusche auf dem Teer. Wir starteten sofort: fünf Kompressionen, eine Beatmung – so wie damals zu zweit üblich. Keine Pause oder Fragen, sondern nur Hoffnung, Schweiß und der permanente Blick auf den EKG-Monitor.
Wir arbeiteten uns durch mehrere Zyklen. Ich erinnere mich an den leichten Geruch von altem Gummi aus der Beatmungsmaske, an das Summen des Corpuls 300, der sich wie ein träger Diesel in Zeitlupe auflud. Monophasische 320 Joule, dazu das Geräusch eines ultrahohen Tons, den ich mittlerweile vermutlich nicht einmal mehr hören würde. In der Zeit schwitzte ich meine leuchtend-orangen Fliegerkombi durch.
Fliegerkombi (Quelle: Rettungsdienst-Realtalk)Dann das Gel und fünfzehn Kilo Anpressdruck auf den Oberkörper und die Tasten auf beiden Paddles gleichzeitig gedrückt. Der Mann zuckte, aber nichts passierte. Mein Blick wanderte zum Monitor: flache Linie, dann wieder eine Zuckung. Hoffnung? Oder Artefakt? „Warte, ich habe einen Puls. Mist – doch nicht. Weiterdrücken.“ Permanentes Pulstasten zu Lasten des Perfusionsdrucks und einer akzeptablen No-Flow-Time. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir noch zwei oder drei Mal geschockt haben. Nur, dass es am Ende keine Rolle spielte. Kein ROSC, kein Transport. Nur das Klacken der wieder in die Halterung gestellten Absaugpumpe und der seltsame Geruch von warmem Plastik und Adrenalin.
1994 begann meine Zeit im Rettungsdienst. Es war eine Phase des Übergangs: zwischen alter Schule und moderner Notfallmedizin. Wir trugen orangefarbene Fliegerkombis, Sneaker und graue Lederjacken mit Rückenschild – das offizielle Outfit für alle Temperaturen. Später dann rote Hosen, weiße Stiefel, alles irgendwie bunt zusammengewürfelt, bevor man sich zu einheitlicher Kleidung entschloss. Die Sommer waren immer erbarmungslos und wie Glutöfen. Die Fahrzeuge besaßen keine Klimaanlage, kein Luftsystem, das dem Namen gerecht wurde. Jeder Einsatz im Sommer ein Gang durch die Vorhölle. Wir schwitzten, soffen wie Pferde und zählten die Tage bis zum Herbst. Wer dazu im Ersatz-RTW mit fehlender Servolenkung rangierte, kannte die schiere Gewalt, die ein Lenkrad fordern konnte.
Notarzt-Kombi (Quelle: Rettungsdienst-Realtalk)
Die Palette an Einsatzfahrzeugen war bunt: Der KTW, in dem auch mal ein Rollstuhl ungesichert mitgenommen wurde. Der NAW, ein bulliger Mercedes 510, der zumindest viel Platz zum Arbeiten ließ. Dann ein HVO-Bus, ein alter VW T3, oft im Alleingang auf weiter Flur. Und der weinrote Peugeot-Kombi für den Sauerstofftransport, dessen Flaschen bei jeder Bodenwelle ein lustiges „klong klong“ spielten, wie eine rostige Glocke. Gekennzeichnet war der Wagen nicht – die Flaschen lagen einfach lose im Kofferraum. Ein Auffahrunfall und die Geschichte hätte ganz anders ausgehen können. Aber das war immer noch besser, als die kleinen Sauerstoffflaschen mit einem Schlauchadapter in der Fahrzeughalle aus einer überdimensionierten Flasche selbst zu befüllen. „Und NICHT voll aufdrehen, sonst wird es zu heiß und das Ding fliegt dir um die Ohren“, sagte mein Kollege damals und erhob den Zeigefinger. Ich wolle keiner Explosion aus nächster Nähe beiwohnen, also überließ ich das Befüllen lieber den anderen.
Im RTW war es eng und heiß, aber funktional. Beatmungsbeutel, Absaugpumpe, Intubationsbesteck: alles griffbereit. Der Defibrillator wog gefühlt zwanzig Kilo, die Beatmungsmaschine erinnerte mehr an eine Luftpumpe als an präzise Medizintechnik von heute. Und auch die Narkosen wurden noch mit Hypno, Fenta und Dormicum gefahren. Die Öle und Kunststoffe, der Geruch von Desinfektion und Metall, all das mischte sich zu einem Aroma, das man nie wieder vergisst. Man wusste, wo jedes Teil lag, aber oft nicht, ob es funktionieren würde.
Hypno (Quelle: Rettungsdienst-Realtalk)
Zwischen den Einsätzen wurde getrunken, gelesen und geschlafen. Brötchen kamen vom Discounter. Nutella wurde aus dem Glas gelöffelt. Der Kaffee kam aus der industriellen Kaffeemaschine, die eigentlich für Großraumbüros konzipiert war. Man wusste nie, ob der Löffel in der Tasse stehen könnte oder nur gefärbtes Wasser herauskam. Die Wache war Rückzugsort und Schlafkoje zugleich. Dort lag man, mit halboffenen Augen, immer ein Ohr am Geschehen. Dann das Auftasten und die Hunderstelsekunde Trägerrauschen, bevor der 5-Ton-Ruf nach ZVEI-Standard unseren Pageboy oder den Motorola BMD aktivierte. Und wenn der Melder ging, war alles wieder da: der Puls, der Blick, das „Los jetzt!“. Es waren die Kolleginnen und Kollegen, die zählten. Der eine, der seine erlebten Einsätze und Geschichten so erzählen konnte, dass alle vor Lachen unter dem Küchentisch lagen, so als wären sie dabei gewesen. Ich erinnere mich noch, als er damals im Rahmen eines Krankentransportes in den Raum mit dem MRT-Gerät marschierte – und anschließend am Bankautomaten merkte, dass er seine Geldbörse eingesteckt und die Magnetstreifen aller Karten gelöscht hatte. Dann der andere, der ein laufendes Lexikon war. Und dann noch der, der einmal zum Notarzt sagte: „Volumen haben wir nicht. Darf’s auch Valium sein?“ und dies aber völlig ernst meinte. Dazu die taffe Notärztin, die sehr oft Dienst hatte und mit dem Audi Kombi an die Einsatzstelle rollte. Wenn es darauf ankam, zählte jede Geste, jeder Griff. Diese stille Effizienz war Gold wert. Irgendwie immer die gleichen Gesichter: Qualität durch Kontinuität.
Nicht alles war professionell, aber vieles war wirksam. Klebeelektroden? Luxus. Wir nutzten Hardpaddles mit Gel, das sich schön auf den Klamotten verteilte, wenn man nicht aufpasste. Wenn man die Hardpaddles in den Dreck legte, wusste man unmittelbar, dass man eine Riesenscheiße gebaut hatte. Unsere Ausrüstung war ein Flickenteppich, unsere Methoden oft aus dem Bauch heraus. Aber wir waren aktiviert, wachsam und bereit. Und manchmal waren wir einfach nur da und lösten Probleme irgendwo zwischen Nachtschicht und Endlichkeit.
Heute ist vieles strukturierter, sicherer und sehr viel technisierter. Die Fahrzeuge sind klimatisiert, die Geräte hochmodern und der Standard hoch. Es gibt nun den Notfallsanitäter als eigenen Heilberuf mit der Erlaubnis, invasive Maßnahmen ohne Konfliktgedanken durchführen zu dürfen und endlich effektiv helfen zu können. Aber in dieser ganzen Präzision fehlt manchmal die Menschlichkeit von damals. Die Zeit, in der man wusste, wie es sich anfühlt, den Patienten im „Engerl-Griff“ zu tragen, statt ihn mit einem Stuhl zu befördern, der von selbst eine Treppe hoch- oder herunterfahren kann.
Alles ist heute sauberer, sicherer und professioneller. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht auch etwas verloren haben: diesen unbedingten Willen, zu helfen, auch wenn nichts mehr funktioniert. Die Bereitschaft, sich die Hände schmutzig zu machen, zu improvisieren und auch zu scheitern, aber trotzdem nicht aufzuhören. Vielleicht war der Rettungsdienst der 90er Jahre technisch rückständig. Aber er war radikal menschlich. Und genau das vermisse ich manchmal.
Bildquelle: Rettungsdienst Realtalk