Erneut gerät rotes Fleisch ins Visier: Forscher warnen vor möglichen Zusammenhängen zwischen hohem Konsum und Demenzen. Doch wie eindeutig sind die Belege wirklich – und was bedeuten sie für die Sprechstunde?
Rotes Fleisch ist ein fester Bestandteil der Ernährung vieler Menschen – und steht seit Jahren in der Kritik. Neben erhöhten Risiken für Darmkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes rückt nun ein weiterer Aspekt in den Fokus: die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter. Eine zentrale Frage: Gibt es Zusammenhänge zwischen langfristig hohem Fleischkonsum und der Entwicklung von Demenz?
Mit der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-Up Study, zwei der größten und bestuntersuchten Kohorten weltweit, haben Wissenschaftler für ihre Fragestellung ein außerordentlich breites Datenfundament genutzt. Mehr als 4,3 Millionen Personenjahre flossen in ihre Analyse ein. Erhoben wurden Ernährungsdaten seit den 1980er-Jahren sowie Angaben zu Demenz-Diagnosen, zu kognitiven Tests und zu subjektiven Einschätzungen der Kognition.
Bei Probanden, die täglich mindestens 0,25 Portionen verarbeitetes rotes Fleisch, etwa Wurstwaren, Speck oder Salami verzehrten, fanden die Wissenschaftler ein um 13 Prozent höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln, verglichen mit Personen, die weniger als 0,1 Portion täglich zu sich nahmen. Eine Portion verarbeitetes rotes Fleisch entspricht in der Studie einem Hot Dog, zwei Scheiben Bacon oder einer Scheibe Wurst beziehungsweise Schinken. Ähnlich deutlich fiel der Zusammenhang zwischen diesen beiden Gruppen bei subjektiv empfundenen Gedächtnisproblemen aus, die im Alter frühe Hinweise auf einen beginnenden kognitiven Abbau geben. Hier lag das Risiko 14 Prozent höher. Auch in objektiven Gedächtnistests fanden die Wissenschaftler Auffälligkeiten. Teilnehmer mit dem höchsten Konsum an verarbeitetem Fleisch wiesen eine deutlich schnellere kognitive Alterung auf – im Schnitt 0,8 zusätzliche „Alterungsjahre“ bei der globalen Kognition sowie beim verbalen Gedächtnis. Alterungsjahre beschreiben den biologischen Alterungsfortschritt.
Während verarbeitetes Fleisch in sämtlichen Analysen negativ auffiel, war der Zusammenhang mit unverarbeitetem rotem Fleisch weniger eindeutig. Beim Demenzrisiko zeigte sich kein signifikanter Effekt über alle statistischen Modelle hinweg. Auffällig war jedoch der Zusammenhang mit subjektiver kognitiver Verschlechterung: Wer täglich mindestens eine Portion unverarbeitetes Fleisch (etwa 85 Gramm) konsumierte, berichtete 16 Prozent häufiger von Gedächtniseinbußen als Personen mit niedrigem Konsum. Für objektive Tests bestätigte sich dieser Befund allerdings nicht; die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass zwar ein schwächerer, aber dennoch relevanter Zusammenhang bestehen könnte.
Doch wie lässt sich das erklären? In der Studie äußern die Autoren zumindest Vermutungen. Der hohe Gehalt an gesättigten Fettsäuren in verarbeitetem Fleisch könnte den Cholesterin- und Insulin-Stoffwechsel stören – Prozesse, die auch im Gehirn eine zentrale Rolle spielen. Zudem enthält rotes Fleisch L-Carnitin, das im Körper zu TMAO (Trimethylamin-N-Oxid) umgebaut wird – einem Stoff, der in Laborstudien die Bildung von Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen fördert. Besonders problematisch sind Nitrite und N-Nitroso-Verbindungen, die in verarbeiteten Fleischprodukten vorkommen und oxidativen Stress sowie Gefäßschäden begünstigen. Hohe Mengen an Salz wiederum können die Durchblutung des Gehirns langfristig verschlechtern.
Die Forscher haben zudem simuliert, wie sich das Demenzrisiko verändert, wenn eine Portion verarbeitetes Fleisch gezielt durch andere Proteinquellen ersetzt wird – mit klaren und teils eindrucksvollen Ergebnissen. Bei Nüssen oder Hülsenfrüchten sank ihr Demenzrisiko um 19 Prozent. Gleichzeitig entsprach dieser Effekt einer um etwa 1,37 Jahre langsameren kognitiven Alterung. Noch deutlicher fiel der Nutzen aus, wenn stattdessen Fisch auf dem Speiseplan stand: In diesem Fall verringerte sich das Demenzrisiko um 28 Prozent. Zudem halbierte sich das Risiko für subjektiv empfundene Gedächtnisverschlechterungen. Auch der Austausch einer Portion Fleisch durch Geflügel erwies sich als vorteilhaft. Er war mit einem um 16 Prozent geringeren Demenzrisiko sowie messbar günstigeren Werten beim kognitiven Altern assoziiert. Insgesamt machen diese Ergebnisse deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, den Konsum von verarbeitetem Fleisch zu verringern. Vielmehr sollten Konsumenten Fleisch durch nährstoffreiche und entzündungshemmende Alternativen ersetzen, die ihr Gefäßsystem stärken.
Die Untersuchung gehört zu den robustesten Analysen, die jemals zu diesem Thema durchgeführt wurden. Durch wiederholte Ernährungsbefragungen über Jahrzehnte hinweg lassen sich langfristige Muster zuverlässiger erfassen als in Studien mit wenigen Erhebungen. Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die zwar Zusammenhänge aufzeigen kann, jedoch keine kausalen Schlussfolgerungen zulässt. Zudem setzte sich die untersuchte Kohorte überwiegend aus weißen Personen in Gesundheitsberufen zusammen. Ihre Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar.
Die Autoren haben trotz methodischer Limitationen eine Botschaft: Vor allem verarbeitetes rotes Fleisch scheint das Risiko für Demenzen und den kognitiven Abbau zu erhöhen. Wer regelmäßig zu Wurst, Speck oder Hot Dogs greift, tut seinem Gehirn langfristig keinen Gefallen. Umgekehrt zeigt die Analyse, dass schon kleine Veränderungen im Speiseplan einen messbaren Unterschied machen können. Nüsse statt Salami, Fisch statt Bacon – solche Entscheidungen könnten im Alter darüber mitentscheiden, wie lange das Denken klar bleibt. Zwar bleibt die Studie Aussagen zur Kausalität schuldig. Angesichts weiterer Risiken ist jedoch klar: Wer auf rotes Fleisch verzichtet und sich gleichzeitig gesünder ernährt, tut viel für die eigene Gesundheit.
Li et al.: Long-Term Intake of Red Meat in Relation to Dementia Risk and Cognitive Function in US Adults. Neurology, 2025. doi: 10.1212/WNL.0000000000210286
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