Welche Rolle spielen Entzündungen bei Depression? Warum wir die inflammatorische Komponente mitdenken müssen – und worauf wir in Zukunft bei der Behandlung hoffen können.
In den letzten Jahren berichten mehr und mehr Studien über „entzündliche Depressionen“. Es wird überwiegend von auffällig gehäuften Zusammenhängen zwischen Depressionen und veränderten Entzündungswerten berichtet. Die Veröffentlichungen geben Anlass dazu, dass die Depression vielleicht doch mehr eine entzündliche Erkrankung ist, als bisher angenommen. Aber was meint der Begriff der entzündlichen Depression eigentlich genau, und müssen die bestehenden Therapieoptionen auf antientzündliche Medikamente jetzt ausgeweitet werden?
Der Begriff der entzündlichen Depression beschreibt eine Unterform der Major Depression, bei der eine pathologisch erhöhte Aktivierung des Immunsystems vorliegt. Charakteristisch sind erhöhte Werte spezifischer peripherer Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP), Interleukin-6 (IL-6), Tumor-Nekrose-Faktor-α (TNF-α) und Interleukin-1β (IL-1β). Interessant ist, dass etwa ein Viertel der Patienten mit depressiver Symptomatik genau solche Auffälligkeiten aufweisen sollen, die mit einer verstärkten Ausprägung von Motivationsverlust, Appetit- und Schlafstörungen, kognitiven Problemen und metabolischen Veränderungen einhergehen können.
Der Begriff der entzündlichen Depression ist bislang aber kein offizieller Diagnosebegriff in den gängigen Klassifikationssystemen wie DSM-5 oder ICD-11. Er ist ein reiner Forschungsbegriff, der zur besseren Charakterisierung und gezielteren Behandlung dieser Patientengruppe verwendet wird. Daher hat die entzündliche Depression noch keinen offiziellen Krankheitsstatus.
Bisher haben mehr als 9.000 Studien die Rolle des Immunsystems bei Depressionen untersucht. Große Metaanalysen weisen darauf hin, dass im peripheren Blut von Patienten mit Depressionen höhere Entzündungsmarker vorliegen als bei gesunden Kontrollpersonen – darunter TNF-α, IL-1β, IL-6 und CRP. So sind beispielsweise erhöhte CRP-Werte auch in großen Populationen nachweisbar – selbst wenn relevante Kovariaten wie Alter, Geschlecht, Ethnie, Body-Mass-Index und Rauchgewohnheiten berücksichtigt werden.
Hinweise auf verstärkte Entzündung finden sich auch in postmortalen Gehirnproben depressiver Patienten – darunter vermehrt inflammatorische Signalmoleküle sowie das Auftreten von Makrophagen und aktivierten Mikroglia. Auch im Liquor waren die Entzündungsmarker erhöht.
Eine weitere Fragestellung der letzten Jahre war, ob höhere Entzündungswerte das Risiko für die Entwicklung einer de-novo-Depression erhöhen. So untersuchten Studien gesunde Probanden, bei denen durch Endotoxininfusionen eine Zytokinfreisetzung provoziert wurde. Das Ergebnis: Die Probanden zeigten anschließend klassische depressive Symptome (hier und hier).
Aber auch die Gabe exogener Zytokine kann die typischen phänotypischen Verhaltens- und kognitiven Merkmale der Depression verursachen. So entwickelten Patienten die klassischen Symptome einer neu entstandenen Major Depression, nachdem sie Interferon zur Behandlung von Hepatitis C erhalten hatten.
Interessanterweise üben aber auch die oft verschriebenen Antidepressiva – insbesondere die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) – negative immunregulatorische Effekte aus: Sie verringern die Produktion proinflammatorischer Zytokine und erhöhen die von antiinflammatorischen Zytokinen wie IL-10.
Entzündliche Prozesse sind weder notwendige noch hinreichende Voraussetzung für das Auftreten einer Depression. Die Studiendaten verhärten aber zunehmend die inflammatorischen Auffälligkeiten in bestimmten Subgruppen der Depression. Das sollte in Zukunft keinesfalls unbeachtet gelassen werden. So könnte die Behandlung einer entzündlichen Depression in Zukunft klinisch deutlich besser auf antiinflammatorische Medikamente ansprechen, als auf herkömmliche Antidepressiva.
In den nächsten Jahren erwarten wir daher mit Spannung die Ergebnisse der aktuell laufenden ASPIRE- (Advanced Stratification of People with Depression Based on Inflammation) Studie. Hier werden Daten zum C-reaktiven Protein von depressiven Patienten zusammengetragen, die die Wirksamkeit von antientzündlichen Medikamenten vorhersagen können. Ein differenziertes Verständnis von Immunmarkern könnte den Weg zu maßgeschneiderten Behandlungen ebnen. Wir dürfen neugierig bleiben, ob dieser ambitionierte inflammatorische Ansatz die personalisierte Medizin in der Psychiatrie voranbringen kann. Entwickelte Biomarker-Panels könnten zukünftig helfen, Betroffene gezielt für innovative antientzündliche Therapieansätze zu identifizieren.
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